Nikolaus-Tag in der Schweiz: Wir haben keine Stiefel!

Gestern geisterten etliche Bilder von gefüllten Kinderstiefeln durch meine (deutsche) Timeline bei Twitter. Ich war sehr verdutzt. Da wurde über Geschenke diskutiert, die die Kinder heute, am Nikolaustag, erhalten würden. Geschenke??? Hier in der Schweiz sind Stiefel und Geschenke am 6. Dezember gänzlich unbekannt. Und ich frage mich ehrlich gesagt, was das Ganze soll.

In nicht einmal einem Monat ist Weihnachten und das grösste Konsumfest überhaupt. Da schliesse ich mich keinesfalls aus. Hey, ich bin ein absoluter Konsummensch! Unser Adventskalender besteht auch nicht nur aus Schokolade oder Bildchen (obwohl ich persönlich die ja liebe), sondern hat immer kleine Goodies drin wie Stickers, Stempel, Radiergummis. Warum muss das aber an Nikolaus auch noch sein? Warum geht man an Halloween plötzlich Süsses oder Saures von den Nachbarn einheimsen? Das ist KEIN europäischer Brauch. Und die Sache mit dem Stiefel erinnert mich nun mal stark an die am Kamin hängende Socke aus Amerika, auch wenn es da wohl keinen Zusammenhang gibt. Trotzdem: Ho ho ho! Und bei Halloween mache ich prinzipiell nicht mit (auch wenn ich die Halloween-Deko im Europa-Park klasse finde).

Vielleicht bin ich aber auch nur so konsterniert, weil es «diesen» Nikolaus in der Schweiz eben nicht gibt. Deshalb erzähle ich euch heute, wie das in der Schweiz abläuft und auch heute abgelaufen ist.

Am sog. Santichlaus (oder Santiklaus, Samichlaus etc., je nach Dialekt) kommt der Nikolaus mit seinem treuen Begleiter, dem Schmutzli, zu den Kindern und bringt ihnen Nüsse, Mandarinen und Schokolade. Die Kinder tragen ein Santichlaus-Versli (Gedicht) vor. Der Santichlaus lobt die Kinder, wenn sie brav waren, und ermahnt sie, welche Dinge sie im neuen Jahr noch besser machen können.

Heute hatten wir zum ersten Mal einen Santichlaus bei uns zuhause (wird von der Gemeinde finanziert). Die Jahre zuvor hielten wir LadyGaga für noch zu klein, ich wollte nicht, dass sie sich zu sehr fürchtet. Sie erlebte den Santichlaus aber jeweils in der Kita in der Gruppe. Sie hatte immer Angst vor ihm (klar, ein fremder grosser Mann!). Ich fragte sie diesmal, ob sie denn wolle, dass er vorbei kommt. Und da sie ja in der Vorschule ein vierstrophiges Gedicht gelernt hat, wollte sie es ihm unbedingt vortragen. Also bestellten wir ihn, und ich sagte LadyGaga, ich hätte ihm geschrieben.

Wir hörten eine Glocke klingeln, dann, um 18.40 Uhr klopfte es hart an der Tür. Was für eine Aufregung! Wir machten die Tür auf – und da standen sie: der Santichlaus und sein stummer Begleiter, der Schmutzli. Mit Bischofsmütze und Stab hatte der Santichlaus kaum Platz in unserem Eingangsbereich. Er setzte sich auf einen bereitgestellten Stuhl. LadyGaga war ganz aufgeregt, ihre Augen riesig. Sie durfte den Stab halten, und dann sagte sie zum ersten Mal in ihrem Leben vor einem Santichlaus ihr gelerntes Versli auf. Und sie war mutig! Sie hat es tatsächlich komplett aufgesagt – und mit Intonation, die  Kleine gehört auf die Bühne! -,  auch wenn ich gemerkt habe, wie nervös sie war. Der Santichlaus sagte dann, wie toll es ist, dass sie so gut zu ihrem kleinen Bruder schaut und dass sie mir in der Küche beim Kochen hilft. Ausserdem malt sie viel, das freute ihn besonders. Er bemängelte, dass sie den Erwachsenen immer ins Wort fällt und dass sie viel zu schnell wegen nichts schmollt. Das könne sie verbessern. LadyGaga nickte stumm. Auch zu Copperfield sagte der Santichlaus ein paar Dinge, zum Beispiel, dass er sich immer so drehe beim Wickeln, das sei sehr anstrengend für die Eltern. Aber er lache ja viel (Copperfield fing aufs Stichwort an zu strahlen und zu lachen). Ehrlich, ich habe ja keine Ahnung, woher der Santichlaus das alles weiss!

Der Santichlaus und der Schmutzli überreichten dann Nüsse und Früchte, Copperfield erhielt ein kleines Rentier-Plüschtier (er kann ja nichts essen). Als sie weg waren, flüsterte LadyGaga: «Ich habe schon etwas Angst gehabt». Aber sie war glücklich, dass der Santichlaus bei uns zuhause war – der echte, wie wir uns einig waren.

Für alle, die es interessiert, hier noch das (sehr moderne!) Versli, das LadyGaga aufgesagt hat und unsere hohen Gäste heute sehr zum Schmunzeln gebracht hat:

Het de Samichlaus es Hobby?
Stritet er mit em Schmutzli nie?
Muess er mängisch au id Migros?
Goht er au mol eis go zieh?

Stinkts ihm nid, a alles zdänke?
Und zu sovill Chinder zgoh?
Wieso weiss er woni wohne
Und öb ich au gfolget ha?

Het de Samichlaus e Chatz?
Chunnt er am Computer druus?
Chan er italienisch singe?
Schloft er amene Sunntig us?

Frog ich s’Mami – weiss sis nid
Sie luegt mi nume komisch aa.
Blinzlet, lachet und seit eifach:
Er isch halt e bsundre Maa.

 

18 Gedanken zu „Nikolaus-Tag in der Schweiz: Wir haben keine Stiefel!

  1. Ui, da hätte ich aber auch Angst. Aber toll, wie mutig sie war, da kannst du/ihr wirklich stolz sein!

    Es ist interessant wie anders es bei euch gefeiert wird. So kenne ich es ja über haupt nicht.
    Von klein auf kenne ich das nur mit den Stiefeln. Wer ganz brav ist Putz sie und stellt die Schuhe vor die Tür und in der Nacht kommt der Nikolaus oder der Knecht. Wer artig war bekommt vom Nikolaus Nüsse, mandarin und süßes. (Bei manchen Kindern auf Spielzeug) und wer unartig war, da kam der Knecht und brach die Rute als Bestrafung.
    In Holland ist es dann noch mal ganz anders. Da wird es gefeiert wie das Weihnachtsfest. Aber näherst müsste ich mal bei der Verwandtschaft anfragen.

    LG Nicky

  2. Ist schon spannend, wie unterschiedlich das doch überall ist. Ich bin ja auch mit dem Nikolaus und den Schuhe putzen & vor die Tür stellen gross geworden. Extra Geschenke gab's bei uns aber auch nicht.
    Wobei mir aber ja der Schweizer Samichlaus trotzdem sympathischer ist. Bis der dann mal zu uns kommt werden auch noch ein paar Jahre vergehen.

    LG Miriam

  3. Das Versli musste ich dreimal lesen, ehe ich den Inhalt begriff. Das hätte ich gerne von LadyGaga im Originalton gehört. Was für eine wunderbare Sprache 😉

    Auch aus meiner Timeline wurde gestern ein Stiefelkatalog – wunderschöne Modelle übrigens! Den Brauch finde ich nett. Bei uns in Österreich allerdings (zumindest in dem kleinen Fleckchen Land, in dem ich lebe) kennen wir das so nicht. Unsere Kinder werden wie bei euch vom Nikolaus (oder Nikolo) besucht. Wenn sie Pech haben, ist noch der „Krampus“ dabei. Kinder tragen ein Gedichtchen vor oder singen ein Lied und erhalten ein Säckchen mit Mandarinen, Nüssen und etwas Schokolade.

    Da meine Kinder im November Geburtstag hatten und dabei reichlich beschenkt wurden, verzichteten wir bewusst auf weitere Geschenke am Nikolaustag. Und mehr war wirklich nicht nötig, denn meine Jungs konnten ihr Glück kaum fassen, dass sie die Schoko auch gleich ratzeputz aufessen durften.

    Am Nikolaustag übrigens war mein Sohn etwas verwirrt: „Mama, sag mir, was ist heute für ein Tag. Ich kenn mich überhaupt nicht mehr aus. Ich weiß nicht wer kommt heute. Das Christkind oder Weihnachtsmann oder Nikolaus?“

  4. Am Nikolaustag erhalten die Kinder in Deutschland traditionsgemäß eine kleine Aufmerksamkeit. Früher sicherlich eher Apfle, Nuss und Mandelkern, seit spätestens den 70ern aber mit einem kleinen Geschenk. (Buch, Socken, bei uns: Holztier.) Hat absolut gar nichts mit der Socke aus den USA zu tun. 😉

  5. Sehr schöne Sichtweise. Ich finde persönlich auch, dass es heutzutage viel zu viel gibt. Unser Sohn hat zwei Spielzeuge bekommen, einmal von der Oma und dem Opa eines und ein weiteres von einem Arbeitskollegen und sehr guten Freund. Wir haben uns gefreut und waren echt froh, dass wir selbst absolut nichts besorgt haben (davon mal abgesehen, dass unser Sohn mit nichtmal 10 Monaten das ganze eh noch nicht versteht). Fand ich persönlich aber auch schon sehr grenzwertig. Ich bin als Kind so groß geworden, dass es vielleicht ein Buch gab. Aber sonst auch eher traditionell mit Nüssen und Mandarinen etc.

    Aber zu Halloween muss ich nochmal einen Satz sagen. Okay zwei oder drei sind es eigentlich. Der Brauch ist schon europäisch. Den haben die Iren/ Engländer mit in die USA gebracht. Aber das nur am Rande. In Deutschland gibt es zu Silvester ähnliche brauche. Aber soweit ich weiß nur bei Bremen und in Schleswig-Holstein. Das nennt sich dann Rummelpottlaufen. Da verkleidet man sich und geht von Haus zu Haus und macht Musik oder sagt ein Gedicht. Die Kinder bekommen dann süßes und die Erwachsenen einen Schnaps…

  6. Der Nikolaus ist ein ABSOLUT EUROPÄISCHER Brauch. Nix Amerikanisch oder so! Also der Nikolaus, den Du oben zeigst, der mit Mitra und im Bischofsgewand. Der im roten Plüschmantel, der den man in den Geschäften aus Schokolade kaufen kann, ist eigentlich der Weihnachtsmann, der in den eher unchristlichen Gegenden die Geschenke bringt…
    Der Nikolaus hat immer schon die Geschenke gebracht, in den Niederlanden macht er das noch heute, da gibt es gar keine Weihnachtsgeschenke unter dem Baum… Erst Martin Luther hat das Christkind als Geschenkebringer etabliert, um dem Heiligenkult, hierbei eben insbesondere dem des Heiligen Nikolaus, ein Ende zu machen…

  7. Eventuell habe ich mich etwas unklar ausgedrückt. Ich meinte eigentlich: Halloween ist kein europäischer Brauch. Aber wie Hanna klarstellt, lag ich auch da falsch ;-)). Sehr spannend, was Du zu Luther sagst. Das wusste ich nicht! Erstaunlich und faszinierend, wie unterschiedlich sich die Bräuche entwickelt haben!

  8. Du hast Recht mit Halloween, das habe ich irgendwie verdrängt bzw. vergessen. Aber der Hype der letzten 2,3 Jahre war vorher nicht spürbar, oder? 🙂 Irgendwie muss es also wieder aus USA zurückgeschwappt sein, und hier sehe ich nur kommerzielle Gründe. Deshalb hat es für mich nichts mehr mit dem ursprünglichen Allerheiligen zu tun. Aber das ist natürlich Ansichtssache.

  9. 🙂 Den Brauch mit dem Stiefel finde ich schön, das ist wohl nicht so rübergekommen. Ich wundere mich nur, dass zwei benachbarte Länder so unterschiedliche Feiertagsauslegungen haben, das war mir vorher nicht bewusst. Und soweit ich bei Twitter mitgekriegt habe, geht es da zum Teil auch um mehr als nur Bücher, Socken etc. als Geschenke.

  10. Wow sie konnte alle Strophen auswendig- das ist ja riesig. Toll!
    Ich bin auch mit den Stiefeln groß geworden und wie bei Euch waren damals Nüsse, Mandarinen und Schokolade drin. Und ich glaube ein 2.– DM Stück hing an dem Beutel mit Marzipankartoffeln.
    Meine haben auch nur Süßes und Pixi-Buch bekommen. Aber dann ging es schon munter weiter, Oma hat eine CD und Süßes gebracht, die Tante eine Mütze, die andere auch ein Buch… Mein Sohn meinte am Ende "der Nikolaus hat mir ganz schön viel gebracht, ich weiß gar nicht ob ich das verdient habe, so oft bin ich ja gar nicht brav" :-))
    Liebe Grüße
    Tanja

  11. Es gab in Deutschland auch einen ähnlichen Brauch, wie den, Kürbis auszuhöhlen: Man höhlte Rüben aus und stellte Kerzen rein! Als dann Kürbis aufkamen, stellte man fest, dass sich diese viel leichter aushöhlen ließen!
    Und sogenannte "Bettelbräuche" gibt es seit Jahrhunderten: Mal zu Lichtmeß, mal zu Sankt Martin, in Gebirgsregionen zum Neujahrswünschen… Mit dem immer weniger werdenden christlichen Feiertagen verschwimmt alles zu immer unreligiöseren Festen… Zu Halloween, zu Karnelval, zum sogenannten Lichterfest… Bräuche sind eine spannende Sache…
    Aber man sollte dabei immer Gustav Mahlers Satz im Hinterkopf haben: "Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche!"
    ;o)

  12. Das USA Bashing muss man aber schon ein bisschen gebauter angucken. Hier gibt es auch nur Obst und Nüsse plus einen Schoko-Weihnachtsmann. Dass Nikolaus kleine Aufmerksamkeiten bringt ist allerdings ein ur-katholischer Brauch, der bis ins Mittelalter reicht. Genau wie der Stiefel. Viel andere Behältnisse hatte man damals nicht, daher hat sich eben der Stiefel oder Socken zum Befüllen angeboten und das ist bis heute als Brauch erhalten geblieben. Darf man also ruhigen Gewissens und ganz un-amerikanisch auch machen 😉

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