Anonymer Gastbeitrag: Die undankbare Tochter

Es war still auf dem Blog. Der Grund war ganz banal: Ich war im Urlaub! Und zwar gleich zweimal! Zuerst haben wir in einer Nacht-und-Nebel-Aktion meine Mami in Südfrankreich überrascht, denn sie wurde am 6. Februar 70 Jahre alt jung. Mit dem Flieger sind wir zusammen mit meinem Bruder und seiner Familie zu acht nach Barcelona geflogen, haben dort zwei Autos gemietet und sind dann zu meinen Eltern gefahren. Meine Mami war total ausser sich, als sie realisierte, wer da unangemeldet nachts im Dunkeln vor der Tür stand. Was für ein unvergesslicher Moment! Es war einfach wunderwunderschön, mit der ganzen Familie zusammen zu sein, ein Wochenende, von dem ich noch lange zehren werde.

Direkt danach waren wir dann mit meinen Schwiegereltern zusammen in den Skiferien im Allgäu. Auch hier verbrachten wir eine tolle Zeit zusammen, so dass ich gar nicht zum Schreiben kam. Zehn Tage Familie pur!

Dass es nicht allen Kindern so gut geht, wie mir mit meiner Mami, zeigt folgender Gastbeitrag einer Bloggerin, die anonym bleiben möchte und hier ihr Herz ausschüttet. Die Schreiberin ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern.

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Die undankbare Tochter

Meine Mutter wohnt in einer anderen Stadt, viele hundert Kilometer weg. Da kann sie uns drei nicht so oft unterstützen, aber manchmal nimmt sie sich eine Woche Zeit und kommt. Sie kocht und backt, sie kauft ein und wühlt im Garten, sie bringt die Kinder ins Bett und krault die Katzen.

Meistens kommt sie, wenn ich zu viel Arbeit vor der Nase habe und gar nicht so viele Babysitter buchen kann wie ich unterwegs bin. Mein Job bringt es mit sich, daß ich viele Abendtermine habe, und manchmal kommen sie alle auf einmal. Und dann kommen garantiert in DIESER Woche auch alle Elternabende.

Also kommt die Oma und ich habe eine Woche lang eine Hausdame, das ist toll!

Allerdings könnte ich schier wahnsinnig werden. Ich entfalte auf einmal Verständnis für Männer, die immer mehr arbeiten und immer weniger zu Hause sind. Denn kaum bin ich zu Hause, freuen sich laut plappernd die Kinder auf mich: das ist wichtig und ich höre gerne zu. Aber mitten drin steht da meine Mutter und drängelt die Kinder zur Seite: “Guck mal, ich hab Deine Dunstabzugshaube mal GRÜNDLICH sauber gemacht, die war ja siffig! Und Du musst dringend der Vermieterin sagen, dass sie einen Baumpfleger bestellen muss! Wo ist hier eigentlich ein Nähladen, ich brauche elastisches Garn, um die Reithose zu nähen. Und die Backhandschuhe hab ich mal gewaschen…”

Man kann Backhandschuhe waschen?? grüble ich. Erinnert mich an die Mutti in der Kita, die mir mal erzählte, sie habe die Matschhosen gewaschen. Ich hab die Matschhosen fünf glückliche Kindergartenjahre nicht gewaschen, es sind doch MATSCHhosen?!

Meine Mutter bedrängt mich mit belanglosem Haushaltsscheiss und fordert mindestens so viel Aufmerksamkeit wie beide Kinder zusammen. Ich konzentriere mich auf die Kinder, aber sobald die im Bett sind, sitzt die Mutti noch auf dem Sofa und verlangt soziale Interaktion. Himmel ist das anstrengend, nach 10 Stunden Arbeit und 2 Stunden Kinderquatsch jetzt Mutter-Tochter-Gedöns.

Und das ist das eigentliche Problem: das Mutter-Tochter-Gedöns. Wenn ich sehe, wie meine Mutter mit den Kindern agiert, sträuben sich mir die Nackenhaare und ich erinnere mich an meine Kindheit, wo ich mir geschworen habe “wenn ich mal Kinder hab, mach ich das GANZ anders”. Jetzt ist sie da und macht es genauso wie vor 35 Jahren mit mir.

“Die Oma ist immer so schimpfig”, beklagen sich meine Kinder. “Ich schimpfe nicht, das stimmt doch gar nicht! Ich hab dem Sohn nur klipp und klar gesagt, dass er sich jetzt seinen Schlafanzug anzieht, sonst lese ich ihm nichts vor.” Ach deshalb hat der mich heulend auf der Arbeit angerufen und gesagt, dass er wach bleibt, bis ich nach Hause komme. Hat er auch geschafft, bis 24 Uhr. Das arme Schulkind!

Sie erzählt, dass die Tochter schon zu Hause war und in ihrem Zimmer gelesen hat, als sie nach Hause kam. Aha. Ich frage mich: Warum warst Du nicht da, als die Tochter nach Hause kam?? Wir drei verlassen um 8 Uhr das Haus, da schläft die Oma noch. Wenn wir tagsüber mal telefonieren, hat sie sich gerade einen Kaffee gemacht und legt die Füße hoch, wie schön. Wenn meine Tochter dann um 17.30 Uhr aus dem Hort kommt und klingelt, macht nicht die Oma auf und sagt “schön, dass Du da bist”, sondern die Tür bleibt zu, bis das Kind sich den Schlüssel aus dem Garten holt, alleine reingeht und sich lesend ins Zimmer verzieht. Die Oma war nämlich noch im Städtchen: Museum, einkaufen, Kaffee trinken, und hat es nicht rechtzeitig nach Hause geschafft.

Da hätte ich ja auch einen Babysitter engagieren können. Ich hatte die Oma gebeten zu kommen, damit sowas wie familiäre und emotionale Wärme erhalten bleibt, auch wenn ich 5 Abendtermine am Stück habe. Aber nach 9 Stunden freier Zeit schafft es meine Mutter nicht, pünktlich da zu sein und die Kinder willkommen zu heißen. Und ich schaffe es nicht, ihr das vorzuwerfen, so undankbar kann eine Tochter ja wohl nicht sein.

Wenn ich abends gegen 24 Uhr oder später nach Hause komme und frage, wie es mit den Kindern war, hält sie mir einen Vortrag, was die Kinder alles an Rebellion getestet haben und wie gut sie dagegen gehalten hat. Klingt ja nach einem entspannten Abend. Der Sohn ist wohl nicht gleich ins Badezimmer gesprintet, sondern erstmal müde auf dem Sofa sitzen geblieben, als die Ansage kam “geht Euch mal die Zähne putzen”. Normal für einen 9-Jährigen, da muss man halt alles zweimal sagen. Bei meiner Mutter klingt das so “Der wollte nochmal kurz demonstrieren, wer der Herr im Hause ist”. Dieser latente Männerhass ihrer 35 unglücklichen Ehejahre geht mir mächtig auf die Nerven, und ich hasse es umso mehr, wenn sie das bereits auf meinen Sohn projiziert!

Ich kann es auch nicht gut aushalten, dass sie morgens im Bett schnarcht, während ich mich um 6.30 Uhr aus dem Bett quäle, Frühstück mache, Brote schmiere und dafür sorge, dass die Kinder bekleidet zur Schule gehen. Wenn sie mich “entlastet” heisst das nämlich noch lange nicht, dass sie für mich morgens aufsteht, nein, das Frühstück mit den Kindern mache ich natürlich selber. Kurz bevor wir um 8 Uhr raus sind, trabt sie verquollen in die Küche und fragt, ob ich ihr wohl auch einen Kaffee gemacht hätte? Ich bin nicht nur seit 2 Stunden auf den Beinen, nein: ich habe auch gestern Abend von 8-24 Uhr gearbeitet. Und ich werde das heute nochmal tun, und morgen auch. Und sie fragt nach Kaffee.

Dann erzählt sie mir, dass sie sich früher immer wieder ins Bett gelegt hat, wenn wir in der Schule waren, weil ihr das zu früh war. Ich weiß, Mama. Bei uns gab es nicht mal richtig Frühstück, es gab ein Brot in der Küche, halb stehend und halb im Gehen, sie hockte verpennt im Bademantel da und ich wusste genau: die legt sich schnurstracks ins Bett, wenn wir in die Schule müssen. Wir sind derweil zu den Nachbarn gegangen, denn die dortige Mutter hatte den Tisch schön gedeckt, die ganze Familie saß zum Frühstück zusammen, die Nachbarskinder kamen dazu. Wenn die Kinder in die Schule gezogen sind, nahm die Mutter ihr Tagwerk auf. Wir hatten also alle was zu tun. Nur meine Mutter ist wohl erst aufgestanden, wenn sie die Putzfrau reinlassen musste.

Man muss wissen: meine Mutter ist nie einer Lohnarbeit nachgegangen. Sie war wohlhabende Gattin, mit Putz-/Bügelfrau, und ihre einzige Aufgabe war es, für einen perfekten Haushalt zu sorgen. Als ich in die Schule kam, hat sie angefangen, sich ehrenamtlich in der Caritas zu engagieren. Das hat sie bis auf die Bundesvorstandsebene und bis zum Bundesverdienstkreuz getan. Aber mit ihren Kindern frühstücken, das konnte sie nicht.

Wenn ich mich nach dem Kinderfrühstück nochmal ins Bett lege, dann weil ich mich vor Müdigkeit nicht mehr auf den Beinen halten kann. Weil ich die halbe Nacht gearbeitet habe. Und ich bin verdammt weit davon entfernt, eine Putz-/Bügelfrau zu haben. Meine Mutter hat sich ohne Not wieder ins Bett gelegt. Sie hat uns kein schönes Frühstück gemacht, mit uns gequatscht und ist gemeinsam mit uns in den Tag gestartet. Einfach weil sie noch ein bisschen pennen wollte, bevor sie sich ehrenamtlich für anderer Leute Leid engagiert.

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Liebe anonyme Bloggerin
Dein Text macht mich betroffen. Ich hoffe sehr, dass Du Dich mit Deiner Mama aussprechen kannst und die Situation besser wird. Ich wünsche es Dir sehr! Aber auch wenn sich nichts ändert bzw. Du nichts ändern willst: Du packst das bestimmt! Und manchmal hilft es ja auch schon, sich Luft zu machen wie hier auf dem Blog in einer geschützten Umgebung!
Deine MamaOTR

2 Gedanken zu „Anonymer Gastbeitrag: Die undankbare Tochter

  1. Whoa, liebe unbekannte, das kann ich ein Stück weit nachfühlen leider.
    Es ist ärgerlich, dass wenn man schon um Hilfe bittet, diese einem zwar gewährt wird, aber ganz anders, als benötigt 😔

    Das ist, als wenn du ein Trampolin für die Kids anfragst und ein Gartenhäuschen geliefert bekommst 😁

    Die Ausgangsbasis ist für deine Mutter schwierig, das Leben hat sie nie in diese Richtung gefordert – sie sollte Dir zuliebe (bist du das einzige Kind?) aber ein Stückchen von ihrem Podest herunter kommen und für dich finde ich wichtig, dich evtl auch von anderen zusätzlichen Lösungen finden zu lassen, z.b. evtl ein Aupair, das eure Familie längere Zeit unterstützen könnte? Oder eine ältere Dame aus der Nachbarschaft für die Randzeiten, jemand zu dem man Vertrauen aufbauen kann?

    Das alles hilft nicht von heute auf morgen, soviel ist klar.
    Aber ich drücke euch die Daumen, dass ihr eine gute Lösung finden werdet und DU somit auch ein wenig entspannter solchen arbeitsintensiven Phasen entgegen blicken kannst. 💞👍🏻

    Alles gute für euch 😘❤️

  2. Solche Situationen kenne ich leider auch aus Freundschaften. Die Ansichten sind einfach zu unterschiedlich, da ist streit und/oder frust einfach vorprogramiert.
    Wenn sie meisten nur kommt wenn du viel arbeitest, weiß sie im grunde garnicht wie bei euch eigentlich das Familienleben abläuft und kann halb nur so handeln wie sie es gewohnt ist. Daher wäre evtl. eine Aussprache nützlich oder klare Ansagen was man von der jeweiligen Person erwartet.
    Im Notfall würde ich ganz auf die Hilfe verzichten und mich andersweilig umgucken ob nicht jemand aus den freundeskreis oder nachbarschaft besser geeignet sind.

    Jedenfalls wünsche ich dir für die zukunft alles gute und hoffe das du für euch eine Lösung findest.

    Lg Nicky

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