Klammes Herz

Es gibt diese eine Szene aus meiner Kindheit, die ich nie vergessen werde. Ich muss ungefähr fünf Jahre alt gewesen sein. Zuhause lief der Fernseher. Es war ein auch schon für damalige Zeiten alter Film, ungefähr aus den 1960er Jahren. Eine Familiensaga. Oder ein Familiendrama. Ich kann mich nicht an den Titel erinnern, aber der Film handelte von Sklaven in den Südstaaten. Nein, es war nicht «Vom Winde verweht». Irgendwann im Film starb die Mutter der Protagonistin. Daran erinnere ich mich, denn ich lief weinend zu meiner Mama, die gerade auf dem Klo sass. «Mama, Du darfst nicht sterben. Nie!» Ich heulte und heulte und stand vor meiner verdutzten Mutter, die nicht wusste, wie ihr geschah und mich zu trösten versuchte.

Schon mehrfach musste ich LadyGaga beruhigen, weil sie plötzlich Angst bekam, ich könnte sterben, sie verlassen. Jedes Mal denke ich dann an diese eine Szene aus meiner Kindheit zurück. Wie sich meine Mutter damals gefühlt haben muss? Genauso ohnmächtig wie ich? Genau wie sie damals habe ich meine Kinder aber nie belogen, was den Tod angeht. Irgendwann sterben wir alle.

Der Tod ist nur eine Szene im Leben. Danach geht es weiter, nur anders. Davon bin ich überzeugt. Doch tröstet mich das gerade nicht. Ich bin egoistisch, ich will meine Kinder bei mir wissen, für alle Zeit! Und gerade jetzt will ich vor allem meinen Vater bei mir haben, hier und jetzt und für immer. So wie er immer war: lustig, liebend, mutig, kraftvoll, aufrecht. Irgendwann im Leben ändern sich die Positionen im Familiengefüge. Wir kümmern uns um unsere Eltern, so wie sie früher zu uns geschaut haben. Und wir machen uns wieder um sie Sorgen, so wie damals, als ich fünf war.

Hoffen und bangen ist zurzeit alles, was bleibt.

3 Gedanken zu „Klammes Herz

  1. Das klingt, als müsstest du gerade durch eine schwere Zeit gehen. Ich weiß genau, wovon du schreibst, wie schmerzvoll es ist, wenn die starken Eltern, der sichere Hafen, auf einmal schwach werden.
    Fühl dich unbekannterweise gedrückt!

  2. Ich kann doch so gut verstehen. Als meine Großmutter 2014 starb fühlte ich Frieden und Akzeptanz. Bis zu dem Augenblick als ich in der Kirche bei der Beerdigung zwischen meinen Eltern saß. Plötzlich traf mich der Schlag der Erkenntnis so brutal. Ich habe so geweint, weil mir klar wurde irgendwann sind meine Eltern nicht mehr da und ich habe diesen sicheren Ort nicht mehr. Auch wurde mir noch mal bewusst, dass nun langsam aber sicher anfangen die Beschützer und Behütete Rolle zu verschwimmen. Ich versuche jetzt einfach so viel Zeit wie möglich mit meinen Eltern zu verbringen um hinterher nicht zu bereuen hätte ich mal mehr Zeit vebracht/öfter angerufen. Oft klappt das ganz gut. Ich wünsche dir einfach die nötige Kraft und den richtigen Blickwinkel. Fühl dich gedrückt und vor allem nicht alleine.

  3. Liebe Séverine
    Ich denke ganz fest an Dich!

    Auch ich habe im Moment diese Gedanken. Wobei ich nicht mehr hoffen darf. Ich bereite ein Weihnachtsfest vor, in dem Wissen, dass es das letzte Weihnachtsfest für meine Mutter sein wird und es zerreisst mir das Herz dabei. Der Gedanke, keine Eltern mehr zu haben wird auch mit fortgeschrittenem Alter nicht einfacher.
    Ich wünsche Dir viel Kraft.
    Lieber Gruss,
    Ellen

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