Warum ich bin, was ich bin

Die Familie, Freunde, Beziehungen, soziale Begebenheiten – das alles prägt uns. Alles, was wir erleben, hat einen Einfluss darauf, wie wir uns weiter entwickeln. Wir verändern uns über die Jahre. Aber über allem steht der Charakter, denn der macht aus, wie wir mit Begebenheiten umgehen, was wir aus den Dingen machen, die uns das Leben manchmal vor die Füsse wirft.
Als ich im Herbst meine Eltern besuchte, hat meine Mutter einen alten Brief von mir ausgegraben:

Was für ein Schatz! Ich war damals 11 Jahre alt und liebte es, auf der alten Schreibmaschine meines Grossvaters (1984 verstorben) Briefe zu schreiben. Ich spielte also, dass ich Journalistin sei, Susanne hiesse und in Lausanne wohne. Und ich wollte meinen Vater «interwuen», den besten «Industrie-Verkäufer» der Schweiz.

Ich wollte als Kind eigentlich Sängerin werden, dann Kreuzfahrtmanagerin. Während des Gymnasiums liebäugelte ich damit, die Übersetzerschule zu machen, weil ich sehr gut in Sprachen bin. Auch Psychologie stand lange hoch im Kurs. Im Hinterkopf war dann aber immer die Schriftstellerei, und irgendwann war klar: Ich möchte Lektorin in einem Belletristikverlag werden. Also studierte ich Germanistik und Geschichte. Während des Studiums bekam ich eine Stelle als Chefsekretärin und aushilfsweise Korrektorin in einem Medizinverlag.

Und irgendwann schaust Du Dir einen Brief von 1988 an und bist tatsächlich Journalistin geworden und arbeitest mit Industrie-Verkäufern zusammen.

Runzelfüsschen sagte mir mal, sie habe gedacht, meine Mutter lebe alleine in Südfrankreich, weil mein Vater im Blog nie vorkommt. Aber meine Eltern sind vor über 15 Jahren gemeinsam ausgewandert, sie sind seit über 40 Jahren miteinander verheiratet.

Mein Vater ist einer von den Guten. Er stammt aus einem kleinen Dorf in den Vogesen in Frankreich. Ja, er ist Franzose, und ich bin deshalb Doppelbürgerin. Er ist der älteste von drei Brüdern und war immer der Revoluzzer der Familie. Nach der Schulzeit ging er fort aus seinem Dorf, arbeitete in Genf, dann in Lörrach und in Basel. Bei der Arbeit lernte er meine Mutter kennen, eine Schweizerin. Eines Tages packte er seine Koffer, er wollte sich in der Karibik selbständig machen und meine Mutter sollte mit meinem Bruder nachkommen. Doch sein Traum platzte, und er stand ohne einen Cent wieder vor der Tür meiner Mutter. Er arbeitete fortan in Basel in der Pharmaindustrie.

Franzosen sind ja nicht so gut in Fremdsprachen, es klingt immer irgendwie – niedlich. Nicht bei meinem Vater, der akzentfrei Englisch spricht. Er war als Sales Manager in einer internationalen Pharmafirma jahrelang unter anderem für die Karibik und später für den Nahen Osten und Nordafrika zuständig. Sich mit fremden Kulturen auseinanderzusetzen, fällt ihm leicht. Er reiste viel und war in meiner Kindheit viel abwesend. Doch wenn er da war, war er immer ganz da, machte jeden Quatsch mit uns Kindern mit. Selten schimpfte er, dann aber richtig.

Mit 55 Jahren hatte er genug von der Arbeit und liess sich frühpensionieren. Seither lebt er mit meiner Mama in Südfrankreich, wo die Sonne meistens scheint und der Rosé-Wein immer gut ist. Er ist passionierter Jäger geworden und hat sich einen grossen, nein einen immensen Freundeskreis aufgebaut.

Warum bin ich also, was ich bin?

Dank meinem Vater und seinem Verkaufstalent als Sales Manager lebte ich als Kind drei Jahre in Guatemala in Zentralamerika. Verkaufstalent….?! Ich selber verkaufe tagtäglich Inserate an die Pharmaindustrie. Oh und Pharma…?!

Ich spreche fünf Sprachen fliessend und habe einem Jäger gleich immer mein Ziele vor Augen. Ich bin wirklich sehr fokussiert in allem, was ich tue. Oh und ich habe Papas blaue Augen.

Und das mit dem Schreiben – das bin wohl einfach ICH.

Ich liebe Dich, Papi! Danke für alles, was Du mir mit auf den Weg gegeben hast. Ich hoffe, ich habe Dich noch viele Jahre bei mir.

4 Gedanken zu „Warum ich bin, was ich bin

  1. Das ist schön zu lesen!
    Ich bin davon überzeugt, dass unsere Gedanken und Träume unsere Realität gestalten.
    Ich hab früher auch auf der Schreibmaschine meiner Mutter getippt. Unter anderem Zeitungsartikel.
    Mit einem kleinen Kassettenrekorder haben wir sogar Interviews aufgenommen.
    Bei meinem Umzug vor drei Monaten hab ich das alles wieder rausgekramt. Das war ein seltsames Gefühl.
    Jetzt bin ich tatsächlich Journalistin 🙂

    Dass deine Eltern in Südfrankreich leben, finde ich übrigens wunderbar.
    Ich war einmal dort und hab mich in die Gegend verliebt.
    Mir war sofort klar, dass ich eines Tages auch dort leben werde. Land und Leute sind einfach fantastisch, vor allem gibt es so viele Künstler.
    Und das Beste ist natürlich Französisch. Für mich als Sprachliebhaber die schönste Sprache überhaupt!

    Denkst du manchmal ans Auswandern?

    Liebe Grüße,
    Conni von Muttersprach

    1. Liebe Conni
      Ich habe als Kind drei Jahre in Zentralamerika gelebt – der Gedanke ans Auswandern ist also in Fleisch und Blut übergegangen 😉 Der Gedanke ans Auswandern kommt immer wieder mal, zumal Frankreich meine zweite Heimat ist. Solange die Kinder noch zur Schule gehen, denke ich aber, dass wir hier in der Schweiz bleiben werden. But you never know 😉
      LG Séverine

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