Per Kaiserschnitt selbstgeboren

Ich gebäre, also bin ich?

Berlinmittemom hat auf ihrem Blog eine Blogparade zum Thema Selbstbestimmung vs. Bevormundung bei der Geburt gestartet. Unabhängig davon brennt das Thema Kaiserschnitt seit der Geburt unseres Sohnes am 26. März (also vor vier Tagen!) unter meinen Fingernägeln, weil ich in diesen drei Tagen einiges für und über mich und mein Verständnis zur Geburt gelernt habe, das ich mit euch teilen möchte. Den von Berlinmittemom erwähnten Hashtag „selbstgeboren“ habe ich dabei verpasst, da ich zurzeit immer noch im Spital bin und mich von der Geburt erhole. Hier also meine ungefilterten, weitgehend unbeeinflussten Gedanken:

Die Geburt meines Sohnes war ein geplanter Kaiserschnitt. Dafür habe ich im Vorfeld aus dem Umfeld viele schräge Blicke geerntet, was mich verunsichert, aber auch verärgert hat. Die Meinungen waren deutlich: Warum verzichtest Du freiwillig auf das Geburtserlebnis? Du versagst Dir da etwas. Du nimmst den einfachen Weg.

Nein, einfach war dieser Weg bestimmt nicht. Weder die Entscheidung noch die Ausführung. Es ärgert mich, dass (irgend)jemand sich dazu äussert, ob ich BERECHTIGT dazu bin, selber zu entscheiden, einen Kaiserschnitt durchführen zu lassen oder nicht. Einmal hatte ich die Wahl, einmal nicht, weil es bei LadyGaga als Notfall-Sectio um Leben und Tod ging. Und dennoch waren beide Geburten, beide Kaiserschnitte heftig für mich.

Nein, einfach habe ich es mir mit dem Kaiserschnitt nicht gemacht. Wer sagt, dass man mit dem Kaiserschnitt eine schmerzfreie, bequeme, feige Variante ausgesucht hat, der hat schlicht und einfach noch keinen Kaiserschnitt gehabt. Es tut weh. Lange. Unterschiedlich und unberechenbar mit den Komplikationen. Und nach zwei Geburten kann ich mit Überzeugung sagen: Es tut garantiert nicht weniger weh als eine natürliche Geburt. In beiden Fällen sind wir bereit, alles für unser ungeborenes Kind zu geben, uns selbst zu verlieren zum Wohl des Kindes. Da lasse ich mir von keinem mehr etwas anderes sagen.

Unser Sohn ist mein Houdini, mein David Copperfield, mein stilles Wasser mit brodelndem Grund. 36 Schwangerschaftswochen lang war er die Ruhe selbst. So ruhig, dass ich Angst hatte, ob es ihn wirklich gibt. Und dann, ganz plötzlich, fing er an Saltos in der Luft zu drehen. Er drehte nicht nur einmal in die Kopflage, sondern mehrfach. Und wieder zurück. Mir ging es richtig mies dabei, nicht nur körperlich, sondern nach zwei Fehlgeburten und einem Notfallkaiserschnitt auch aus Angst. Mein Frauenarzt empfahl die geplante Sectio, um auf Nummer sicher zu gehen. Und ich gab und gebe ihm recht und bereue es nicht. Nach der Sectio grinste mich mein Arzt an und meinte: „Das kleine Bürschchen war wieder in Kopflage.“ Alles gut gelaufen. Aber wer weiss, wie es bei einer vaginalen Geburt gewesen wäre.

Das Operationsteam war unglaublich. Ich hatte furchtbare Angst vor dem Eingriff, aber dennoch oder vielleicht gerade deshalb wurde viel gelacht bei der Ops-Vorbereitung. Der Anästhesist hatte mich damals auch bei der Ausschabung betreut, und auch andere Teammitglieder von damals erkannte ich. Irgendwie schloss sich für mich so der Kreis. Wir scherzten viel, da mein Galgenhumor bei Angst stärker zutage tritt. Aber es war eine professionelle Stimmung. Die Empfindungen bei der Spinalanästhesie entbehren jeglicher Beschreibung, aber man half mir über den Schmerz, über die Angst. Mein Gynäkologe, dem ich sehr vertraue, kam dazu. Mein Mann war da. Plötzlich war ich die Ruhe selbst, und ich hatte den Verdacht, dass man mir einen Tranquilizer gespritzt hatte (nein!). Neun Monate hatte ich dafür gekämpft, dass dieser Junge, mein Baby, leben durfte. Neun Monate voller Fehlgeburt-Ängste. Und plötzlich konnte ich loslassen. Jetzt lag es nicht mehr an mir. Ich hatte alles gegeben, was möglich war, und jetzt würde dieses wunderbare, einfühlsame Ärzteteam alles dafür tun, dass wir bald einen hoffentlich gesunden Jungen haben würden. Es ging mir richtig gut.

Als nächstes sah ich meinen frisch geborenen Sohn, er wurde mir sofort nackt auf die Brust gelegt und ein Wärmetuch um uns gelegt. Ich hätte heulen können vor Glück und war einfach nur fassungslos vor Liebe. Mit einem Schlag vergessen die erlebten Schmerzen der Geburt.

Hmmmm… klingt für mich doch ziemlich nach dem hochgejubelten Geburtserlebnis der vaginalen Geburt…

Die die ersten zwei Tage nach der Geburt waren von Schmerz geprägt. Ich erspare die Details, aber es war ein kleiner Höllen- und Schmerzmitteltrip für mich und ich kann meinen Wonneproppen erst seit gestern so richtig geniessen. Daraus habe ich gelernt: Jede Geburt unterscheidet sich, keine ist vergleichbar. Also weder vaginal zu Sectio noch untereinander. Aber JEDES Kind ist selbstgeboren von uns Müttern, die wir für unser Kind gelitten haben und auch im Alltag bereit sind, für unsere Kinder alles zu geben, sogar zu sterben.

Zum Abschluss noch etwas: Selbstbestimmt gebären heisst für mich, zu jedem Zeitpunkt zu seinen Gefühlen zu stehen und gehört zu werden. Dies war bei Copperfields Geburt der Fall, bei LadyGaga durch die Angst der Notfall-Sectio nicht so sehr. Damals wollte ich nur, dass das Baby lebt. Diesmal wollte ich gehört werden. Und das wurde ich. Als ich am Tag nach der Geburt wimmernd und japsend vor Schmerz keine Luft mehr bekam (Diagnose in Laiendeutsch: durch Luft aus der Ops-Wunde belasteter Femurnerv), klingelte meine Pflegerin nach Verstärkung. Als diese kam und nur ein Häufchen Elend vorfand, sagte sie: „Oh Sie Arme, haben Sie solche Schmerzen?“ Ich bellte sie an: „Nein, ich SIMULIERE NUR!!!“ Das hat gutgetan.

Ich habe unseren Sohn unter Schmerzen und voller Liebe geboren. Und niemand anderes.

Ich freue mich, wenn Du den Beitrag teilst:

7 thoughts on “Per Kaiserschnitt selbstgeboren

  1. Gänsehaut….ich hatte damals eine spontane vaginale Geburt, wegen der zu schnellen Muttermundöffnung ohne PDA, nur mit Aromakerze ^^. Ich hatte es mir eigentlich anders vorgestellt, hatte ich doch beim Geburtsplanungsgespräch Wochen vorher angegeben, dass ich bitte eine PDA haben möchte. Aber die Gefühle, die du hier beschreibst, kenne ich genauso. Ich glaube, da macht es absolut keinen Unterschied ob vaginale Geburt oder Kaiserschnitt, PDA oder nicht. Jedes Kind ist selbstgeboren durch seine Mutter und jede Mutter sollte ohne schief angeguckt zu werden selber entscheiden können, wie sie dieses Kind auf die Welt bringt. Ich verstehe dieses ständige Urteilen unter Müttern beim besten Willen nicht… Und ich habe genauso viel Respekt vor einer Mutter, die ihr Kind mit Kaiserschnitt zur Welt gebracht hat und hinterher oft noch lange Zeit Schmerzen in Kauf nimmt, wie vor einer, die ihr Kind (Achtung, Ironie) "NORMAL" geboren hat. Ich kenne kaum einen Zusammenhang, in dem das Wort "normal" widersprüchlicher benutzt werden kann. Also auch hier noch mal ALLES ALLES LIEBE UND GUTE und eine wunderschöne erste Zeit zu viert für euch mit dem kleinen Copperfield 😉

  2. Hallo! 🙂

    Ich habe auch zwei Kaiserschnitte hinter mir. Der erste war geplant, ich war jung und habe meinem Frauenarzt vertraut. Mittlerweile weiß ich, dass ich damals hätte vaginal entbinden können, aber mir hat die gewisse Selbstbestimmtheit gefehlt. Das OP-Team und auch die Schwestern waren während und nach der Geburt entsetzlich. Keiner hat mich so richtig verstanden und spätestens nach dem freiwilligen Abstillen war ich zur Rabenmutter erkoren.
    Zusätzlich durfte ich mir von der Mutter meiner Zimmer"kollegin" anhören, dass Frauen mit KS doch diese Schmerzen gar nicht kennen, die sollten sich nicht so anstellen und tadaaa mein Weg zur postnatalen Depression war geebnet – aber halb so wild, ich habe einen wundervollen Mann und konnte mich mit Unterstützung doch noch rausholen.

    Letztes Jahr, beim zweiten Kind (5. Schwangerschaft) wollte ich vaginal entbinden. Der Grund war ganz einfach, die Schmerzen nach dem KS zu umgehen. Diese sind einfach von Frau zu Frau verschieden, ebenso wie die Schmerzen bei einer vaginalen Geburt. Ich wollte und konnte 20 Stunden nach der OP aufstehen, um mich "so schnell als möglich" wieder wie ich selbst zu fühlen. Aber trotzdem dauert es mindestens eine Woche (~ 10 Tage) bis sich der Körper von der großen Wunde erholen kann. Ein KS ist eine große Bauch-Operation.

    Zurück zu Wutz Nr. 2: Nach 10 Stunden Wehen und in der letzten Stunde zusätzlich zu den Wehen stechende Schmerzen an der alten KS-Narbe wurde entschieden: Es wird wieder einer. Das Ärzte/Schwestern-Team war aber dieses Mal hervorragend. Sehr nett und verständnisvoll, auch das Abstillen war absolut kein Thema. Ich bin heute der Meinung, dass dies nur möglich war/ist, weil ich selbstsicherer und gelassener war. Weil ich wusste, was ich will.

    Ich denke, Selbstbestimmtheit und das damit einhergehende Selbstvertrauen und Vertrauen auf die eigene Entscheidung, macht vieles, wenn nicht sogar alles, viel viel einfacher. Einfacher zu seinen Entscheidungen zu stehen, einfacher auf unnötige Kritik zu reagieren und simpler im Umgang mit seinem Umfeld.

    Alles Gute! 🙂

  3. … natürlich hab ich den Grund für den zweiten KS vergessen: Mein Uterus drohte zu reißen. Die Gebärmutter war an der alten Narbe nur noch papierdünn und die Ärzte waren heilfroh, dass wir uns alle für einen KS entschieden haben – nachträglich ich natürlich auch.
    Was jetzt natürlich heißt, dass kein weiterer Wutz kommen darf. Was aber angesichts meiner zwei gesunden Zwetschken halb so schlimm ist 🙂

    Deine zwei Mäuse sind herzzerreißend süß…. 🙂

  4. WOW, eine heftige Geschichte, die Du da erlebt hast!! Die beiden Geburten zeigen sehr deutlich, dass es soooo sehr auf das Ärzte/Betreuungs-Team ankommt, ob man ein gutes oder schlechtes Geburtserlebnis hat. Und beim zweiten Mal ist man wirklich selbstbewusster und gelassener, das war bei mir auch so.

    Danke für das Kompliment wegen der Kiddies, ich freu mich 🙂
    LG
    MamaOTR

  5. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es nicht DIE EINZIG RICHTIGE Geburt gibt, sondern es alleine darauf ankommt, wie man als Frau das Geburtserlebnis annimmt.
    Ich habe meine Zwillinge ganz überraschend acht Wochen vor Termin per Sectio auf die Welt gebracht. Mein Mann musste vor dem OP-Raum warten. Die Anästhesieärztin hielt meine Hand. Ich durfte beide Kinder nur für einen kurzen Augenblick sehen, bevor sie auf die Neo-Intensivstation der Kinderklinik gebracht wurden.
    Trotzdem habe ich eine schöne Geburtserinnerung. Weil ich sie für ein paar Sekunden sehen konnte, kurz berühren dufte und schreien hörte. Diesen Augenblick werde ich nie vergessen. Und weil ich wusste, dass ich Hilfe bekomme. Ich habe die Verantwortung der Geburt den Ärzten übergeben. Ich weiß nicht, was mit meinen Kindern geschehen wäre, hätten wir vor 100 Jahren gelebt.
    Meine Kinder sind heute gesund und glücklich.
    LG Paula

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.