Der gläserne Blogger

 
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Heute gibt es einen Blick hinter die Kulissen (m)eines Blogs. Mir ist nämlich aufgefallen, dass man sich ganz gerne ein Bild von einem Blogger macht, wenn man seine Texte liest. Mir ist vor allem aufgefallen, dass man sich ein Bild von MIR macht, wenn man meinen Blog liest.

Ausschlaggebend für diesen Blogpost war das Statement meiner 20-jährigen (hach, was für ein Alter…!) Podologin, die mir gestand, dass sie mich bei unserem ersten Aufeinandertreffen arrogant fand. Ich kenne dieses Bild von mir, auch wenn ich mich selber gar nicht so sehe: arrogant, überheblich, eingebildet. In der Vergangenheit ist mir das schon einige Male zum Verhängnis geworden. Diese Attribute wurden mir aber in den Social Media noch nie (noch nicht?) von den Blog-Lesern und Twitter-Followern gespiegelt. Warum eigentlich nicht? Ich habe vor kurzem auf Twitter und Facebook gefragt, wie man mich einschätzt, wie ich durch den Blog wirke. Natürlich antworteten nur Leute aus meiner Filterbubble, die mich auch mögen, es ist also ein nicht ganz so differenziertes Bild herausgekommen, aber dennoch spannend. An dieser Stelle herzlichen Dank für das tolle Feedback!

Leser, die mich persönlich nicht kennen, sehen mich durch das Lesen des Blogs und meines Twitteraccounts gerne so:

«Sehr warmherzig und lustig. Eine, die ich gerne mal kennenlernen würde.» (@GretchenStoltz)

«Sympathisch, lustig, ehrlich und herzlich» (@ZivOhYeah)

«Du wirkst sehr bodenständig und gefasst, routiniert und durchgeplant und dann wieder sehr liebevoll. Auf jeden Fall auch sehr ehrlich.» (@Gluckeundso)

«Auf mich wirkst Du wie ne unglaublich starke Powerfrau mit Persönlichkeit und Mut zum Chaos. Das kommt im Blog so rüber. Wie Du aussiehst, weiss ich leider net.» (@mizZalii)

«1. Eindruck: Coole Sau. Viel zu cool für mich. Wer Whiskey trinkt, muss extrem hart sein. 2. Eindruck: sehr herzlich und liebevoll. Viel einfühlsamer, als ich gedacht hätte… 3. Und irgendwie doch nicht greifbar. 4. Viel erwachsener als ich. Kann kaum glauben, dass wir gleich alt sind.» (@2Kindchaos_mo)

«Du wirkst wie ich. Keine Ahnung, von Anfang an dachte ich mir beim Lesen Deiner Texte, haha, hätte ich geschrieben/gesagt/gedacht haben können. Ausser, dass Du viel mehr Bääääääng hast als ich. Also das ist was Positives! Du hast mehr Power, wo ich schon längst seufzend auf dem Bett sitze. Ansonsten? Ehrlich, genau mein Humor, jemand, den man nicht kennt und doch glaubt, man kenne sich schon ewig. Im Real Life wärst ne enge Freundin, glaube ich – weil ich nicht überlegen müsste, wie ich was bei Dir sage, weil ich weiss, dass wir auf der gleichen Schiene denken (Kate Enn auf FB)


Leser, die mich bereits getroffen haben, sehen mich so:

«Auf dem Blog und bei Twitter kommst Du als intelligente, humorvolle, herzliche Frau und liebevolle Mama rüber, die genau weiss, was sie will und die mit
beiden Beinen fest im Leben steht. Im Real Life hat sich dieser Eindruck zu 110% bestätigt, also absolut authentisch!» (@hexhexvivi)

«Du schreibst so selbstbewusst und ich war so aufgeregt, Dich kennen zu lernen. Du und Anna (BerlinmitteMom) dann auch noch nebeneinander sitzend, zwei meiner grossen ‚Vorbilder‘. Frauen, die ich virtuell total toll finde und bewundere. Ich hatte minimale Aufregung und war so froh, mit der Motte nicht allein da zu sein, und dann kamst Du – die reale Mama on the rocks. Der Mensch Séverine und puffff war alles weg und ich hatte nur ganz kurzzeitig Angst, mit der Kinnlade unter dem Tisch zu landen vor… ja vor was denn überhaupt???? Du hast mich fast „umgeknutscht“ und mit Deinem warmen und herzlichen Wesen all meine Unsicherheit weggeblasen. Und Du hast mir niemals das Gefühl gegeben, zu Dir hoch schauen zu müssen. Du hast alle Gesprächspartner auf Augenhöhe gesehen.» (Jessica von feiersun auf FB)


Das klingt jetzt alles wunderbar und ich bin so furchtbar toll und ihr bestätigt mir das jetzt bitte alle. Preiset mich! So einfach ist es aber natürlich nicht. Ich habe konkret bei Andrea aka @runzelfuesschen noch um ein bewusst kritisches Feedback nachgefragt, denn ich schätze Andreas ehrliche Berliner Schnauze. Ich wollte also explizit Kritik hören. Sie sagte spontan: «Ich habe gedacht, dass Du grösser bist. Und kräftiger. Weil Dein Foto irgendwie so wirkt. Bei Twitter hast Du dieses Superwoman-Bild, das ist irgendwie im Hinterkopf, und als ich Dich dann getroffen habe, passte das natürlich nicht. Auf dem Blog bist Du oft auf den Punkt genau lustig. In echt bist Du nicht so. Du bist zwar auch witzig, aber anders. Du bist sehr harmoniebedürftig. Toll finde ich, dass Du Dich aufrichtig mit anderen freuen kannst und ihnen nichts neidest.»

So, und jetzt die Umkehrung. Mein Umfeld aus dem Real Life bemängelt, dass ich Details einer Geschichte nicht erwähne, dies und jenes weglasse, das ganz genau «so nicht» geschehen ist. Ich möchte hier deshalb gerne für mein reales soziales Umfeld wie auch für meine Leser mit einem Bild von mir vor Augen festhalten: Der Blog bin nicht ich. Meine Kinder heissen nicht wirklich LadyGaga und Copperfield. Sie haben auch nicht denselben Familiennamen wie ich. So schütze ich sie. Ich erfinde hier keine Geschichten. Aber dieser Blog ist NICHT mein Tagebuch. Wenn ich blogge, kreiere ich eine neue Realität, in der für einen Spannungsbogen gerne auch mal Dinge ausgelassen und andere betont werden. In einem Blogpost verdichten sich Begebenheiten und Anekdoten. Bloggen ist für mich die Kunst der Verdichtung. Das nennt sich Storytelling, und dieses Stilmittel macht (für mich zumindest) einen guten Blog erst lesenswert. Aus meinem Blog zu lesen, dass ich eine schlimme Kindheit hatte, ist zum Beispiel grundfalsch. Aus meinem Blog zu lesen, dass ich immer lustig und gut drauf bin, ist ebenfalls falsch. Aus meinem Blog zu lesen, dass ich eine Powerfrau bin, ist aber richtig.

Die Statements, die ich hier publiziert habe, lasse ich so stehen und freue mich sehr darüber (auch über das von @runzelfuesschen, hehe). Vielen vielen Dank an meine Leser, ihr seid die besten! Aber ob ich wirklich so bin? Wie gesagt, ich lasse es so stehen. Jeder soll sich sein eigenes Bild machen, ich finde das legitim. Beim Lesen eines Buches passiert doch genau das gleiche mit den Romanfiguren, die erst durch den Lesenden zum Leben erweckt werden. Aber seid euch bitte beim Lesen von Blogs generell bewusst: Ein Blogger gibt nur das preis, was er gerne preisgeben möchte.

So, und darauf nun einen Whiskey on the rocks!

Ich freue mich, wenn Du den Beitrag teilst:

18 thoughts on “Der gläserne Blogger

  1. Wahre Worte – ein Blogger gibt nur das preis, was er preisgeben möchte. Ich freue mich über jeden Blogger, der sein Medium nicht als Tagebuch sondern eben als journalistisches Erzeugnis sieht und auch mit Stilmitteln umgehen kann. Natürlich gehört weglassen oder pointieren dazu, wenn man interessant schreiben möchte! Um ehrlich zu sein, ist auch genau das der Grund, weshalb ich die Aktion "Wochenende in Bildern" oft nicht so interessant finde (Auch hier gibt's selbstverständlich Ausnahmen!). Ganz normale Wochenenden bei ganz normalen Familien, ist meistens wenig Entertainment. Ich lese Blogs anstelle von Kolumnen in der Zeitschrift. Klar muss es nicht immer nur lustig sein, auch gerne mal nachdenklich oder auch traurig/wütend. Aber eben "für den Leser aufbereitet", weißt du wie ich meine…? Der Blogger ist für mich der "Vermittler" zwischen dem Ereignis und dem Text und sein Handwerkszeug ist in erster Linie Rhetorik. Allein aus diesem Grund dürfte neben aller Authentizität klar sein, dass "der Blogger/Journalist" als "der (Wort-)Künstler" zu verstehen ist und nicht unbedingt 1 : 1 mit dem Gesicht hinter dem Blog übereinstimmt. Ich finde, du hast hier einen guten Zwischenweg gefunden, soweit ich das beurteilen kann 😉

  2. Komme ich jetzt hier eigentlich schlecht weg, weil ich mich kritischer äußerte?
    Das hoffe ich nicht. Ich will mir ungern den Unwillen deiner tollen Leser_innen aufziehen und wollte dich natürlich auch nicht "entzaubern".
    Aber so ist sie halt, meine ehrliche Berliner Schnauze, die du inzwischen so gut kennst. 🙂 Ich freue mich auf unser Wiedersehen! Sehr, sehr! Und bis dahin übst du einfach noch ein bißchen mehr auf den Punkt zu sein. Ich kann nicht wieder Stunden im Liebeskind-Laden verbringen. Sonst muss ich den leerkaufen. 🙂

  3. Ich sehe das ähnlich. Die Bloggerin ist zwar keine Kunstfigur, bildet aber eben doch nur (und zugespitzt) gewisse Facetten ihrer Persönlichkeit ab. So eine Umfrage würde mich aber auch reizen … Was sagst du denn zu Frau Solanum?
    Wünsche weiterhin schmackhaftes Essen und Phantom-Tränen,
    herzlichst Frau Waldfee

  4. Mich nerven Blogs, die alles minutiös und immer rosarot darstellen, ungemein! Daher genieße ich deinen Schreibstil sehr 😉 Generell tue ich mir immer sehr schwer damit, zu verstehen, warum jemand sein Innerstes und Privatestes für jeden x-Beliebigen nach außen kehrt. Damit meine ich ganz detaillierte Geburtsberichte, monatliche Entwicklungsberichte des Kindes und das in Wort und BILD. Ich finde, gerade diese Dinge sind so intim, dass sie geschützt und nicht nach außen getragen werden sollten.
    Du bekommst das sehr gut hin, Erkenntnisse unterhaltsam zu formulieren und dabei keinen Seelen-Striptease hinzulegen… Als vollberufstätige Mama mit zwei kleinen Kindern mit nur zwei Jahren Abstand, die nie Mutterschutz oder Elternzeit genommen hat, hätte ich aber noch ein kleines Kritikpünktchen: Keine Powerfrau, die ich kenne, würde sich je selbst als solche bezeichnen… Ich finde, dass Du schon sehr viel Wert darauf legst, immer herauszustellen, welchen beruflichen Einsatz Du rund ums Kinderkriegen gebracht hast… Auf mich als Leser, der Dich nicht kennt, wirkt das immer so, als ob Du Dich deutlich von anderen Müttern abheben möchtest, um ein "Wow" zu ernten. Aus eigener Erfahrung geht das aber – bei den Müttern, die im gleichen Boot sitzen – immer nach hinten los…

  5. Ich bin absolut begeistert von Deinem Kommentar!! Du demaskierst im Prinzip genau dieses Konstrukt, das ich meine. Auf der anderen Seite ist es tatsächlich so, dass in meinem Real Life ich die einzige Karrieremutter bin. Das vermischt sich bei mir dann gerne auch mal zu Zweifeln und "jetzt erst Recht!"-Ansagen. Ich glaube, das "Wow" möchte ich wohl von mir selber ernten, denn die "Powerfrau" hat sicher auch viel mit dem Bild zu tun, das ich von mir selber haben möchte. Mein Respekt, dass Du vollberuftstätig bist. Ich wünsche mir mehr Vorbilder so wie Du <3.

  6. Ach, jetz nimm mir doch nicht alle Illusionen 😉
    Ich meine mich erinnern zu können, mal irgendwo gelesen zu haben, dass grundsätzlich alle Menschen gegen Aussen nur die 20% von sich zeigen, die sie der Umwelt zeigen möchten. Den Rest behalten sie für sich (und das ist, seien wir doch ehrlich, meistens auch besser so).
    In dem Sinne freue ich mich auf die nächsten 20%!

  7. Der Job, der das größte "Wow" erzeugen sollte – bei einem selber und auch bei anderen – ist der der erfolgreichen Familienmanagerin 😉 Ein Hoch auf die wahren Powerfrauen, denen es gelingt, Kinder zu glücklichen, selbstbewußten und eigenständigen Erwachsenen zu erziehen.
    Und mal ganz ehrlich: Viele berufstätige Mütter stellen es gerne so dar, dass sie beides wollen – Kind und Karriere – aber in Wirklichkeit haben sie keine Wahl; viele von ihnen MÜSSEN arbeiten und würden gerne einfach "nur" Mama sein…

  8. "Aber seid euch bitte beim Lesen von Blogs generell bewusst: Ein Blogger gibt nur das preis, was er gerne preisgeben möchte." – und das ist auch genau richtig so. Ich erwarte bei einem Blog auch keine Tagebücher, Bedienungsanleitungen oder so was, sondern, ich möchte unterhalten werden – und im besten Falle etwas für mich daraus mitnehmen – eine Sichtweise, eine Idee, einen Gedanken.
    Deswegen lese ich so gern bei dir mit. Weil es mich immer unterhält, aber nie flach.
    Ich freue mich auf mehr!

  9. Ach, meine Wunderbare, das ist gut, dass Du das geschrieben hast! Weil, das bist Du. Ehrlich und authentisch. Und ich bin auch aus ganz egoistischen Gründen dankbar. Letztens schrieb mir eine Leserin unter einen Beitrag, sie fände es erstaunlich, was mein Mann alles mit mir durchmachen würde! Ich hab eerst schallend gelacht und bin dann grübelnd in der Bude rumgeschlichen… Ich dachte doch vorher TATSÄCHLICH, allen sei klar, dass ich Geschichten erzähle! Der Wahrheit ein buntes Kleid umhänge! Nein.
    Nun, ich hab eDich erkannt. Sofort, wie Du ja weißt. Und ich hatte nicht einen Moment eine Schere im Kopf zwischen meiner Vorstellung von Dir und der realen Séverine (Außer mit der Größe, Andrea, gib Flosse!).
    Danke für alles, und heute besonders für diesen Beitrag.
    Grüße, Küsse und Blütenregen, Deine Rike

  10. Sooo, endlich komme ich dazu, zu kommentieren 🙂 Deinen Aufruf habe ich neulich gesehen, aber ich bin so vergesslich – und nein, das hat nix mit dem aktuellen Zustand zu tun, ich bin immer so 🙂 – und kam darüber hinweg.

    Ich weiß jetzt gar nicht mehr so genau, wie wir auf Twitter zusammen kamen.. Aber mir war das, was ich von Dir las schon sehr sympathisch..

    Dann kam der Tag wo ich Deinen Blogpost las, während ich beim Frauenarzt saß..Abends schrieb ich dir dann die Mail, weil es als Kommentar zum Post noch zu frisch war und du hast mir zugehört.. und dich danach immer wieder erkundigt, wie es mir geht. Das hat mir sehr geholfen, wirklich..

    Und du warst dann auch die erste, die von "Gisela" erfahren hat.. und hast mitgefiebert bis zum öffentlichen Outing. Das war gut für mich, denn mit anderen konnte und wollte ich nicht darüber sprechen.. Da half mir die "Fremde" in Dir.. das man sich halt "bisher" nur virtuell kennt.

    Auch wenn du vielleicht nicht alles von dir hier Preis gibst, es reicht mir, dich als einen sehr herzlichen und offenen Menschen einzuordnen, den ich irgendwann auch (sehr) gerne mal im RL kennenlernen möchte.. Neidvoll gucke ich immer auf die Tweets, in denen du mit den anderen zusammenhockst 🙂

    Und auch in diversen DM´s habe ich viele Paralellen zwischen uns erkannt, die meinen Wunsch aus dem vorigen Absatz noch bekräftigt.

    LG Nicola

  11. Ich bin ganz gerührt, liebe Nicola <33 ich weiss gar nicht, was ich sagen soll! Nur so viel: Es war mir eine Ehre und ein echtes Anliegen, Dir in Deiner schweren Zeit beizustehen - und meine Freude umso grösser, als "Gisela" sich dann bei euch angemeldet hat. Und nun ist ja schon Endspurt. 🙂 Sende Dir 1000 Küsse!

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