Bei jedem Kind eine andere Zeitrechnung

Als LadyGaga ein Baby war, konnte es uns gar nicht schnell genug gehen, bis sie endlich etwas Neues konnte. Jeder neue «grosse» Moment wurde herbeigesehnt. Den Kopf konnte sie in Bauchlage schon nach wenigen Wochen hochhalten. Den ersten Zahn bekam sie aber erst mit acht Monaten. Laufen konnte sie mit zwölf Monaten. Und dennoch kam mir alles ganz furchtbar lang vor. Das dauerte alles eeeeeeeeeeeeeewig! Am schlimmsten war ja das Sprechen. Heureka, als ich mein Kind endlich verstehen konnte! Heureka und Tusch, als sie am Tisch endlich ordentlich essen konnte!

Ich spürte nie einen Konkurrenzdruck zu anderen Müttern und ihren Kindern. Was die konnten, war mir herzlich egal. Ich wollte einfach, dass mein Kind Fortschritte macht. So als könnte man ein Häkchen dahinter machen: erledigt. Nächster Punkt. Wenn der Kinderarzt bei den U’s jeweils fragte, ob sie dieses und jenes schon konnte, versetzte mich das trotzdem irgendwie in Hektik. Wie, musste sie das schon können?

Ganz anders heute.

Als Copperfield anfing zu krabbeln, platzte ich natürlich fast vor Stolz, aber ich war auch von Nostalgie geschüttelt. Als er Anfang Mai dann – lange ersehnt! – endlich anfing zu laufen, überkam mich Wehmut. Wo war nur die Zeit geblieben?

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Jetzt ist er schon vierzehn Monate alt. Er hat sich im April innerhalb weniger Tage selber von der Flasche abgewöhnt und isst nur noch vom Tisch. Innerhalb dieser kurzen Tage hat er gelernt, mit Löffel und Gabel zu hantieren, auch wenn er am liebsten die Händchen nimmt und sich das Essen mit der flachen Hand in den Mund schiebt. Seit ein paar Tagen geht er in die Hocke und spielt in dieser Haltung weiter. Er imitiert unsere Handlungen, versucht sich selber das Lätzchen oder die Schuhe anzuziehen. Wenn er den Kopf schüttelt, meint er nun auch wirklich «Nein!» Und ich denke nicht mehr: Ahhh, ein neuer Step, wie toll! Ich denke: Wo ist die Zeit geblieben? Wieso geht das alles so schnell? Und dabei bin ich keine Glucke, sondern mag es sehr (wirklich sehr!), wenn meine Kinder selbständiger werden.

In letzter Zeit sehe ich LadyGaga häufiger an und denke liebevoll: mein grosses Mädchen! Wie lange wird sie mich noch als ihre beste Freundin bezeichnen? Wie lange wird sie sich noch an mich kuscheln, wenn sie Trost oder Nähe braucht? Wie lange noch?

Ist das nicht merkwürdig? Beim ersten Kind konnte es mir nicht schnell genug gehen, und beim zweiten bin ich jeweils überrumpelt, wenn er plötzlich wieder etwas Neues kann. Wie, der kann das schon? Tatsache ist aber: Copperfield ist nicht schneller als seine grosse Schwester. Ich habe die Daten bei LadyGaga damals notiert und kann es also direkt vergleichen. Warum also geht es «so» schnell? Ich denke, ich messe den Schritten keine solche Bedeutung mehr bei. Es passiert einfach. Es passiert, ohne dass ich etwas dazu tue. Ohne dass ich etwas mit Copperfield übe. Er macht es einfach. Wir haben ihn nicht langsam von der Flasche abgewöhnt – er hat das einfach selber entschieden und uns vehement mitgeteilt, während ich noch überlegte, was er denn wohl vom Tisch jeweils vorsichtig anknabbern dürfte.

Kennt ihr diese unterschiedliche Zeitrechnung auch?

 

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2 thoughts on “Bei jedem Kind eine andere Zeitrechnung

  1. An diese unterschiedliche Zeitrechnung kann ich mich auch noch sehr gut erinnern. Mein Kleiner hat es mir dahingehend sogar noch etwas leichter gemacht, da er in allem ca. 2 Monate später dran war als der Große. Aber auch das war dann kein Grund nervös zu werden��.

    Ja, gefühlt vergeht die Zeit immer schneller, für meinen Geschmack viel zu schnell. Und dennoch bin ich auch tierisch stolz darauf, einen fast schon erwachsenen Sohn zu haben. Ach ja der Zweite bekommt gerade seine ersten Pickel��
    Und keine Sorge, mit einigen kurzen entwicklungsbedingten �� Pausen holen sie sich auch weiterhin ihre Schmuseeinheiten und freundschaftlichen Ratschläge ab��.
    Liebe Grüße Sam

  2. Kenn ich, auch weil die Kleine so verdammich viel schneller ist bei vielem… Toll ist es, dass sie doch so unterschiedlich sind. Der Kontrast wird mit der Zeit noch größer

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