Shitty Times: Die Terrible Twos

Jetzt mal ganz ehrlich, so unter uns: Ich mag das Alter meines Sohnes nicht. Natürlich ist er süss und knuffig und ich liebe ihn über alles. Aber ich mag 16 Monate echt nicht. Es sind die Terrible Twos, die im Übrigen hier ganz wunderbar beschrieben sind, die mich absolut fertig machen. Ohne ersichtlichen Grund fängt der Junge an zu brüllen wie eine Sirene, die massakriert wird. Er legt sich auf den Boden und schreit und schreit und schreit vor Wut. Wir reden hier nicht davon, dass er wütend ist, weil ich ihm etwas verboten habe, das er wollte. Nein, er ist zum Beispiel wütend, weil ihm der Smoothie von links statt von rechts gereicht wurde.

Mittlerweile stemmt er sich dabei mit den Füssen vom Boden ab, so dass er auf den Rücken liegend herumrutscht – und sich jeweils den Kopf an Wänden, Tischen, herumliegenden Gegenständen stösst. Was heisst hier stösst – es knallt gewaltig. Echt gefährlich! Er biegt den Rücken durch. Ich spreche mit ihm, ruhig, besonnen, ich tröste ihn. Versuche, seinen Kopf zu schützen. Ich sage ihm, dass ich das nicht möchte und ignoriere ihn dann in seinem Tun. Kein Publikum, kein Theater. Ich spiegle auch seine Gefühle, die er noch nicht einordnen und artikulieren kann: «Da bist Du jetzt aber wütend geworden, gell Copperfield? Komm ich helfe Dir.» Ich halte das alles aus, auch wenn ich innerlich zittere. Ich bin für ihn da. Aber es ist echt so Scheisse. Fucking anstrengend, so ein Kleinkind. Und eine Bedienungsanleitung ist auch nicht dabei. 

(c) Fotolia: So macht Kinder haben Spass. Nicht.


Ein Beispiel: In der Stadt unterwegs
Er ist zu klein, um weite Strecke mit ihm zu laufen, also muss der Kinderwagen mit, wenn wir unterwegs sind. Der ist zwar praktisch, um Einkäufe zu versorgen. Aber Copperfield will lieber selber laufen und nicht rumsitzen, was ich verstehe. Er brüllt also oft empört und versucht aufzustehen. Ich muss aufpassen, dass er nicht samt Kinderwagen umkippt. Keiner kann eine Hechtrolle so wie ich, wenn ich Copperfield im Wagen stehen sehe.

Also lasse ich ihn selber gehen. Er läuft aber wie ein Huhn ohne Kopf in der Gegend herum: In alle Richtungen, am besten gleichzeitig. Ich habe aber wie gesagt den Kinderwagen dabei. Also irre ich wie ein zweites Huhn ohne Kopf herum, ihm hinterher. 

Da mein Sohn wie ein Huhn herumirrt, muss ich ihn an der Hand nehmen, damit er nicht in eine gefährliche Situation gerät. Er will aber nicht an der Hand laufen. Also legt er sich aus Protest auf den Boden. Und brüllt.

Ich will nicht, dass er am Boden liegt und rumbrüllt, also nehme ich ihn auf. Das will er aber nicht. Autonomie! Terrible twos, yeah! Er stemmt sich mit aller Kraft gegen mich, bis ich ihn wieder auf den Boden stelle, weil es mir körperlich zu viel wird und mein Gehörgang «Tinnitus!» schreit. Copperfield ist wieder frei, the chicken is back. Ich renne ihm atemlos nach. Wo war nochmal der Kinderwagen? (Notiz an mich selbst: Das mit dem Kinderwagen überdenken.)

Und wie erlebt dies das andere Kind?
Wie die letzten Tage auch hatte ich LadyGaga heute gebeten, die Zimmerstunde bei Copperfield im Zimmer zu verbringen, damit ich mich für 20 Minuten hinlegen konnte. Geschickt eingefädelt von mir, oder? Nur ging der Schuss nach hinten los. LadyGaga brach nämlich danach in Tränen aus. «Ich möchte auch einmal alleine meine Zimmerstunde geniessen. Immer muss ich dann mit Copperfield spielen. Er ist so gemein!», schluchzte sie. Ich nahm sie in den Arm und hörte einfach zu. «Er tut mir weh. Er hat die Bauklötze auf mein Bein gehauen. Er ist so blöd!»

Ich tröstete sie und umarmte sie fest, während Copperfield versuchte, auf mich zu klettern und sein Revier zu markieren. Ich wiegte sie unbeirrt in den Armen. «Ich verstehe Dich so gut, LadyGaga. Es tut mir leid, ich wusste nicht, dass Du die Zimmerstunde nicht bei ihm verbringen willst. Wir können das wieder ändern. Es ist doof, dass er Dir wehgetan hat, Du hast alles Recht, wütend zu sein. Aber Du weisst sicher auch, dass er das nicht extra gemacht hat. Er muss noch so viel lernen, und Du bist doch schon so gross. Es ist gemein, dass Du Dich nicht wehren darfst, aber Du weisst, dass das keine Lösung ist, und ich bin so stolz auf Dich, dass Du ihm nicht weh machst. Er ist in einem schwierigen Alter. Aber Du liebst ihn doch trotzdem ganz fest.» «Ja, ich liebe ihn fest, aber er ist so doof! Es tut mir leid, dass ich ihn doof finde», heulte sie traurig und verletzt weiter. Ich konnte sie verstehen. «LadyGaga, ich verspreche Dir, es wird besser werden. Er kann ja jetzt schon so viel mehr als früher, und er lernt jeden Tag dazu. Sei nicht traurig. Es wird besser, versprochen.» Wir umarmten uns, als wären wir Leidensgenossinnen. Sie fühlte sich verstanden. Copperfield schob seine Schwester wütend von mir fort. Meine Mama! «Nein Copperfield, das ist nicht in Ordnung, ich bin auch LadyGagas Mama und sie darf hier bei mir sein, genau wie Du!» 

Er legte sich auf den Boden und fing an zu brüllen.

Diese Kleinkindautonomiephase, bevor die Kinder sprechen und Wünsche artikulieren können, ist echt und einfach Scheisse. Aber es wird besser, versprochen.

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8 thoughts on “Shitty Times: Die Terrible Twos

  1. Hab interessanteste Erfahrungen mit Spiegeln gemacht. Gut, du kommst dir zwar wie Klops Erich höchstpersönlich vor, wenn du dich neben dem Kind auf dem Boden windest, die blauen Fleckenals stumme Zeugen des Ungelenks am nächsten Morgen sind auch gratis mit dabei… Aber Hey, das Gesicht der Großen, Papa analog zu erleben: einmalig. Seitdem gibt's das auch so nicht mehr.

    Half also. 🙂

    Lieben Gruß ausm Hamburger Dunstkreis,
    Steffen

  2. Hallo MOTR,

    Oh je, da weiß ich ja,was bald auf mich zukommt…;-)
    Aber wie ich schon öfter gehört habe, hilft es zu sagen: "Es ist nur eine Phase" und die geht auch wieder vorbei.
    Also, ich drück dir die Daumen, dass es bei dir bald besser wird.
    Liebe Grüße von der anderen Seite der Grenze 😉
    Gruß Danijela

  3. Oh ich leide direkt mit, so wie du das beschreibst! Ich habe damals bei Fiona ein Buch gelesen, das hieß "making the terrible twos terrific". Ob es geholfen hat, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr so genau. Werde es aber wohl spätestens in 1 Jahr einfach nochmal lesen ^^ aber so wie du das beschreibst, würde ich sagen, du machst das ganz toll! Zähne zusammenbeißen! Ist alles nur eine Phase – der schrecklichste (weil zutreffendste) Satz der ganzen Mutterschaft…. Ach, und es heißt ja, nur Familie sind die Menschen, du du über alles liebst und gleichzeitig total doof finden kannst. Ich drück dich aus der Ferne! <3

  4. Hach, das kommt mir ja gerade sehr bekannt vor. Habe momentan das Gefühl, unser Kind wurde mit Rumpelstilzchen ausgetauscht!! Wir brauchen momentan über eine Stunde um zum Einkaufen überhaupt das Haus zu verlassen, weil der Kleinen überhaupt nichts recht ist. Vorgestern habe ich mir dann irgendwann einfach den Ohrschutz für unseren Schlagbohrer aufgesetzt, mir eine kleine Tüte Chips geholt und ihr stoisch vom Türrahmen aus zugeschaut – das hat sie dann doch etwas aus dem Konzept gebracht 😉

  5. Die Phase überrollte mich auch beim zweiten Kind. Aber erst ziemlich genau seit dem zweiten Geburstag.
    Es ist jetzt mit sechs, wo sie sich ausreichend artikulieren kann vieeel besser. Manchmal jedoch liegt sie auch noch schreiend am Boden.
    Aber: 's alles nur eine Phase!

  6. Großartig. Ich hab uns sooooo sehr wiedererkannt in der Beschreibung 🙂

    Ich hab Zwillinge in der Phase – inklusive dicker blauer Beulen mitten auf der Stirn, weil sie vor Wut mit dem Kopf auch mal auf die Betonplatten im Innenhof hauen. Der Arzt hat neulich erst die Jungs und dann mich angesehen – nochmal hingeschaut – kurz pausiert und dann gefragt: "Was ist denn das da?" – "Wutbeulen." – "Achja, das dachte ich mir schon. Irgendwann merken sie, dass es wehtut, dann hören sie damit auf." *lach*

    Das Kinderwagendilemma lösen wir inzwischen übrigens mit Rückentrage, die lieben sie (Buzzidil ist unser Lebensretter).

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