An alle Working Moms und überhaupt alle Eltern, die mit einem schlechtem Gewissen kämpfen

Von Freitag auf Samstag hustete LadyGaga die ganze Nacht und fand keinen Schlaf. Ich natürlich auch nicht. Am Samstag hatte sie Fieber, sie durfte deshalb am Morgen TV schauen. Nach dem Mittagessen wollte ich, dass wir uns zusammen hinlegen, um den verpassten Schlaf etwas aufzuholen. Und also sie da so neben mir lag, hörte ich es. Sie pfiff. Sie hechelte. Sie kriegte keine Luft. Der informierte Kinderarzt bestellte uns sofort ein. Wir inhalierten in der Praxis dreimal während zweier Stunden. Die Sauerstoffsättigung besserte sich nicht und ich wusste, was passieren würde. Und blieb ganz nüchtern dabei.

LadyGaga musste ins Krankenhaus.

Als sie selber realisierte, was ihr bevorstand, brach sie in Tränen aus. Anders als 2011 bei ihrer obstruktiven Bronchitis, blieb ich diesmal aber souverän. Weg war die hysterische Frischmama. Ich war stark. Ich tröstete sie. Kaufte am Kiosk flugs Malsachen, Rätselhefte, Stickeralben, Sandwiches, Süssigkeiten und Getränke ein. Es würde ein langer Tag werden. Um 17.15 Uhr waren wir auf der Notfallstation in der Kinderklinik. Es wurde inhaliert, gemessen, dreihundertmal eine Anamnese aufgenommen. Mein Mann und Copperfield kamen uns besuchen, brachten Kleider. LadyGaga erhielt einen Schlauch in die Nase. Sie weinte. Um 19.45 Uhr waren wir endlich in dem uns zugewiesenen Patientenzimmer, wo sie kurze Zeit später komplett erschöpft einschlief. Stündlich wurde inhaliert, auch nachts. Trotzdem brauchte sie regelmässig zusätzlich Sauerstoff. Ich lag auf einem kleinen Klappbett neben meiner Tochter und bekam alles mit, wich nicht von ihrer Seite. Und dennoch schlief ich erholt, hatte keine Angst. Ich hatte das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Am Samstagmorgen war ich selber noch krank gewesen, aber der Krankenhausaufenthalt meiner Tochter schob meine eigene Erkältung beiseite und legte Bärenkräfte, ja Mamakräfte frei.

Mein sexy Klappbett
Mein sexy Klappbett

LadyGaga war die ganzen drei Tage in der Klinik ein Schatten ihrer selbst, ich musste sie stetig aufbauen und trösten. Vor allem der Schlauch in der Nase störte sie sehr und schlug ihr auf die Psyche. Sie verweigerte regelrecht das Essen, trank dafür aber viel. Sie war traurig, dass sie nicht auf den Spielplatz gehen konnte, und als sie es durfte, verausgabte sie sich direkt so, dass sie danach wieder Sauerstoff benötigte. Wir hatten eine Million Spielsachen dabei, und doch war alles langweilig. Sie war im Gefängnis, konnte nicht mehr das Kind sein, das sie sonst ist. Sie war unausgeglichen. Am Montag wäre der erste Tag nach den Schulferien gewesen. Sie war zu dem Zeitpunkt in der Klinik und trauerte ihrem ersten Vorschultag nach zwei Wochen Ferien nach. Sie hatte sich so auf diesen Tag gefreut.

Ich meinerseits war zu 100% für mein Kind da. Ich schlief an ihrer Seite, spielte mit ihr, diskutierte mit ihr, tröstete sie, hielt sie. Ich erklärte ihr alles kindgerecht, was die Ärzte mir sagten. Am Sonntag ging ich kurz nachhause, um zu duschen und ein paar Geschäftssachen zu holen, während mein Mann und Copperfield sowie meine Schwiegereltern und später mein Bruder mit Ehefrau und Neffen bei ihr waren. Abends, wenn sie schlief, wollte ich arbeiten. Meine Geschäftspartner hatte ich unkompliziert informiert, dass ich nur begrenzt zur Verfügung stehe. Sie sind auch Väter. In kleinen, kurzen Momenten twitterte ich. Am Montag machte ich EIN berufliches Telefonat. Eines.

Womit ich nicht gerechnet hatte

In dieser Ausnahmesituation lag meine ganze Aufmerksamkeit auf meiner Tochter, die ich beschützen wollte. Weil ich sie grenzenlos liebe. Wir hatten uneingeschränkte Mutter-Tochter-Zeit zusammen. Das war schön, trotz der blöden Situation. Und dann kam etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Sie machte mir während dieses Klinikaufenthaltes wieder Vorwürfe. Dass ich sie nicht genügend liebe. Dass ich lieber nicht bei ihr sein wolle. Dass ich immer (!) nur telefoniere. Diese Diskussionen drehten sich die drei Tage immer wieder im Kreis, und ich wurde nicht müde, ihr meine Liebe immer wieder aufs Neue zu beweisen. Weil ich an diesem Wochenende etwas begriffen habe: Die Vorwürfe unserer Kinder haben gar nicht zwingend etwas mit der Realität zu tun. LadyGaga hatte einfach Angst, und ich war drei Tage lang das Ventil, das sie brauchte, um sich besser fühlen zu können. Sie brauchte die Bestätigung, dass alles gut war. Und sei es in Form von Liebesbeteuerungen. Sei es in Form von Reibereien mit mir. Mein Job als Mutter ist es, meine Kinder zu beschützen und sie mit aller Kraft zu lieben und zu stärken für das Leben. Und das bedeutet auch, Ventil und Projektionsfläche für ganz vieles zu sein. Es ist nicht der Job unserer Kinder, uns dafür dankbar zu sein. Ja, wir sind ihr Blitzableiter in vielen Dingen. Oft ist das ungerecht, manchmal verletzend. Immer aber nagt es an unserem schlechten Gewissen – vor allem weil diese Biester von Kindern ganz genau wissen, welches unsere wunden Punkte sind. Bei uns Working Moms ist das ganz klar die Zeit, die wir im Büro bzw. bei der Arbeit verbringen, anstatt bei ihnen zu sein. Aber wenn dann LadyGaga nach einem Besuch bei meinem Geschäftspartner im Büro, wo ich zwei Sitzungen hatte, plötzlich sagt, sie wolle so gerne so wie ich sein, dann kann ich doch bitte nicht alles falsch machen. Und wenn ich drei Tage in der Klinik ohne mit der Wimper zu zucken stoisch an der Seite meines Kindes stehe und alles tue, damit es ihm besser geht, kann ich doch bitte nicht diese schlechte Mutter sein, die LadyGaga mir so gerne als Spiegelbild entgegenwirft.

Ein schlechtes Gewissen wird man nicht über Nacht los. Aber ich arbeite ganz ganz fest daran, mir keines mehr von meiner Tochter einreden zu lassen, denn SIE_HAT_NICHT_RECHT_DAMIT. Ich bin eine stolze Working Mom, die alles für ihre Kinder tut und als Hausfrau durchdrehen würde. Das können meine Kinder unmöglich wollen. Sie wissen es nur nicht – weil sie eben Kinder sind.

Was ich also gelernt habe an diesem Wochenende im Ausnahmezustand: Wir sollten keine Dankbarkeit von unseren Kindern erwarten für das, was wir tun, und auch kein Verständnis. Es ist nicht ihr Job. Es ist aber sehr wohl unser Job als Eltern, alles zu geben, was möglich ist – bedingungslos. Und wenn sie uns Vorwürfe machen, ist das vielleicht ein Ventil für etwas ganz anderes, eine Unsicherheit, die sie beschäftigt. Es hat aber selten mit der Sache selber zu tun.

 

Wie seht ihr das? Ich bin gespannt auf Eure Kommentare!

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4 thoughts on “An alle Working Moms und überhaupt alle Eltern, die mit einem schlechtem Gewissen kämpfen

  1. Liebe Severine
    Ich hatte im ganzen Leben noch nie so oft ein schlechtes Gewissen, wie seit der Zeit, in der meine Kinder zur Welt gekommen sind. Angefangen mit Kaiserschnitt, das kennst du ja selber, pro und kontra für das Kind und dieses ganze Blabla. Dazu hatte ich (hier beliebigen Grund einfügen) bei allem ein schlechtes Gewissen. Natürlich völlig grundlos. Ich habe mich für die Hausfraurolle entschieden weil ich bis 12j. ohne meine Eltern aufgewachsen bin. Vermutlich kommen daher auch immer diese Gefühle weil mir eine vorgelebte Muterrolle fehlt. Deshalb ist alles was ich mache irgendwie Neuland für mich. Die Hausfrauenrolle erfüllt mich nicht und als ich wieder ins Berufsleben einsteigen wollte, kam die blöde MS mir dazwischen. Dazu kommt, dass es bei uns keine Krippenplätze gibt. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls finde ich deinen Post sehr treffend. Auch meine Kids sind manchmal diese kleinen Monster und wissen genau welche Knöpfe sie drücken müssen. Ein schlechtes Gewissen ist ein blöder Schatten den sicher ganz viele Mütter und Väter kennen. Ich finde es super wie du das machst und du bist deinen Kindern ein tolles Vorbild, aber das hat dir deine Tochter ja bereits gesagt 😉 und dass sie dich als als Ventil braucht, zeigt, dass sie sich bei dir sicher und geborgen fühlt. Du kannst sehr stolz sein auf dich! Auch weiterhin alles Gute!!! Und übrigens, du bist jemand, den ich sehr gerne treffen würde. Falls du mal in Zürich unterwegs bist oder in St. Gallen, gib Bescheid wenn du Lust auf ein Treffen hättest. Alles Liebe und herzliche Grüße, Katarina (staublos.ch)

  2. Guter post & sehr treffend.
    Wir alle sind schon von Hause aus voll mit gewissenbissen, weil wir es jeden recht machen wollen & wenn die Kinder auch noch kommen & uns ein schlechtes gewissen machen, zweifeln wir noch mehr an uns. Aber das ist falsch, schließlich versuchen wir unser bestes & mehr geht halb nicht. Dazu kommt noch, dass Kinder auch anders empfinden & wie du so gut gesagt hast, ein Ventil für ihre Gefühle brauchen & dann leider oft gemein werden, ohne es eigentlich zu wollen. Aber wir Muttis sind Löwen & halten es gern für unsere Kind aus, aber man sollte lernen unsere eigene gewisssnbisse weg zu schieben!
    LG Nicky

  3. "Wir sollten keine Dankbarkeit von unseren Kindern erwarten für das, was wir tun, und auch kein Verständnis. Es ist nicht ihr Job. Es ist aber sehr wohl unser Job als Eltern, alles zu geben, was möglich ist – bedingungslos. Und wenn sie uns Vorwürfe machen, ist das vielleicht ein Ventil für etwas ganz anderes, eine Unsicherheit, die sie beschäftigt. Es hat aber selten mit der Sache selber zu tun."

    Gut gesagt! Oder ganz kurz zusammengefasst: Es geht nicht um uns!

    Geht's der Maus denn jetzt besser? Wisst Ihr, was das war und wo es herkam?

  4. Ein sehr schöner Blogeintrag. Noch kann ich nicht nachvollziehen, wie es ist seinem Kind in so einer Phase beistehen zu müssen, aber durch deine Beschreibung hab ich doch eine Ahnung davon bekommen, was es bedeutet Eltern zu sein und vollkommen bedingungslos für die Kleinen da zu sein. Da dürfen nicht mal unsachliche Anschuldigungen der Kinder abschrecken 🙂 Denn der Meinung bin ich auch: Aus ihnen redet die Angst, nicht die Realität. Gerade in dem Alter und in der Ausnahmesituation eines Krankenhausaufenthaltes muss, ja sollte, ein Kind nicht in der Lage sein, die Situation richtig einzuschätzen. Dann es ist irgendwie kein Kind mehr.
    Der kleinen LadyGaga wünsche ich natürlich, dass sie alles gut übersteht. Und der Mama auch.

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