Lästerschwester

Seit ein paar Wochen geht LadyGaga regelmässig mit einer Freundin ins Ballett. Sie ist der Spassvogel der Tanztruppe, aufgedreht, unkonzentriert – eine quirlige Sechsjährige eben. Aber die Ballettlehrerin macht es ganz super, wechselt konzentrierte Ballettübungen mit freiem Tanz ab, so dass mein Kind sich immer wieder austoben kann.

Schwierig ist die Situation in der Umkleidekabine. Wenn ich LadyGaga und ihre Freundin jeweils abhole, steht LadyGaga jedes Mal im Mittelpunkt. Sie nimmt den Raum für sich ein, quatscht auf Erst-, Zweit- und Drittklässlerinnen ein, als hätte sie die Weisheit mit Löffeln gefressen. Sie ist rotzfrech und kennt keine Grenzen. Nun könnte man sagen: Wow, toll, das Kind hat keine Angst vor nichts, sie ist nicht schüchtern, yeah supertoll. Aber es ist einfach too much. Way too much. In voller Lautstärke proklamiert sie vor den Mädchen und ihren Müttern: «Mami, Du Furzi (Pupsi).» Als ich sie tadelnd anblickte, ergänzte sie rebellisch: «Wa?! Ist doch wahr!!» Abgesehen davon, dass es nicht stimmte, weiss sie ganz genau, dass sie so etwas in der Öffentlichkeit nicht sagen darf. Ich bebte vor Wut, liess mir aber vor den anderen nichts anmerken. Ich wollte keine Szene; mir war klar, dass sie in Tränen ausbrechen würde.

Später schimpfte sie lautstark über ein abwesendes Mädchen. LadyGagas Freundin war sehr verhalten und still, nicht so meine Tochter. Die drehte voll auf, und ich erklärte ihr knapp, dass sie aufhören solle, über andere zu schimpfen. Die anderen Mädchen machten sich ihrerseits lustig über LadyGagas stolzes Gebaren. Als LadyGaga nun wieder mir gegenüber patzig, frech und vorlaut wurde, legte ich Daumen und Zeigefinger aufeinander und sagte leise zu ihr: «Du bist so knapp davor.» Sie wurde sofort still. Sie hatte verstanden. Unsicher fragte sie nach. Ich ergänzte leise: «Wir reden zuhause unter vier Augen, dieses Gespräch möchtest Du nicht vor Deinen Freundinnen führen.»

Sie war jetzt nicht mehr vorlaut und überdreht. Sie war wieder normal.

Zuhause machte ich deutlich, dass es bezüglich Mama und Papa verhöhnen null Toleranz gibt. Es wurde ein Fernsehverbot ausgesprochen. Es beschäftigte mich aber auch sehr, dass sie schon mehrfach über andere Kinder gelästert hat. Ein Mädchen aus der Vorschule will schon lange ihre Freundin sein, LadyGaga aber findet sie doof und schimpft überall über sie. Nun haut das Kind sie plötzlich, LadyGaga ist nicht zu ihrem Geburtstag eingeladen und findet das unmöglich. Ein Teufelskreis. Will ich, dass mein Kind zur Lästerschwester wird und andere verunglimpft? Andererseits gilt doch auch bei Kindern: Man kann nicht alle mögen.

 

(c) Fotolia
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Ich erklärte: «Ich möchte das nicht. Ich war eine Zeit lang eines dieser Mädchen, über das die anderen Kinder immer gelacht haben. Und das tat sehr weh. Ich will nicht, dass Du andere Kinder so behandelst. Denn Du möchtest schliesslich auch nicht, dass plötzlich alle schlecht über Dich reden oder dass man sich sagt: „Hey hast Du gehört, was die LadyGaga über Dich gesagt hat?!“ Du bist so ein tolles Mädchen, Du hast das alles doch gar nicht nötig! Du bist auch witzig und toll, ohne Dich über andere stellen zu müssen!» LadyGaga schaute ganz betreten. Sie weinte auch und versprach, es nicht mehr zu tun. Nächster Fall bitte.

War ich zu streng?

Fast jeden Tag kommt LadyGaga aus der Vorschule und berichtet, welches Mädchen sie nächstes Jahr (im November!) NICHT an den Geburtstag einladet, weil heute X, Y und Z passiert sei. Die Protagonistinnen der jeweils etwas abstrusen Geschichten ändern jeden Tag und ich habe Mühe, mir zu merken, wer jetzt mit wem wie befreundet ist. Und ich denke daran, wie ich selber heute einen meiner Vorzüge definiere: Ich bin gut darin, Informationen taktisch auszuspielen. Ich mag es, «Dinge zu wissen». Ich bin auch ziemlich gut im Lästern… Wo habe ich das gelernt, wenn nicht im Umgang mit meinen Kindheits-Freundinnen?! Es ist schlimm, der Aussenseiter zu sein. Aber das soziale Gefüge unter Mädchen verlangt wohl danach, dass man sich in immer neuen Gruppen zusammenfindet. LadyGaga ist gerade mitten drin, das zu lernen und zu üben. Will und kann ich sie davor wirklich schützen?

Ich werde ihr weiterhin zu verstehen geben, dass ich es nicht gut finde, wenn sie (als Sechsjährige!) über andere Mädchen schimpft. Damit das alles harmlos bleiben kann und nicht systematisch als positives Erlebnis in ihr verankert wird.

Wie erlebt ihr das mit euren Töchtern? Ich bin gespannt auf euer Feedback

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4 thoughts on “Lästerschwester

  1. Schwieriges Thema… Fiona hat ein Mädchen in ihrer Klasse, die sie nicht so mag ("Die nervt total! Sie erzählt immer und immer wieder das Gleiche. Ich glaube, sie hat den Verstand verloren…") und wir gehen morgens immer ein bisschen früher los zur Schule, damit wir ihr unterwegs nicht begegnen und zusammen laufen müssen. Ich habe Fiona erklärt, dass es total ok ist, dass man eben nicht alle gleich mag, aber dass man niemanden öffentlich ausgrenzt, weil so etwas sehr weh tun kann. Sie darf zu Hause bei mir "lästern" und erzählen, wer was zu wem gesagt hat und wie sie das findet, aber ich möchte nicht, dass sie in der Schule über andere lästert. Das mag jetzt übertrieben klingen, aber der Übergang zum Mobbing in den höheren Klassen ist bestimmt nur ein schmaler Grat… Finde übrigens gut, wie du in der Umkleide reagiert hast!

  2. Liebe Vivi ich sehe das genau so. Der Übergang zum Mobbing ist sicher fliessend, deshalb lieber von Anfang an aufzeigen, dass es nicht ok ist, sich über andere lustig zu machen. Und witzigerweise habe auch ich wie Du meiner Tochter gesagt, dass sie bei mir zuhause motzen/lästern darf, aber nicht bei andereh Mädchen. 🙂
    LG
    Séverine

  3. Bein uns gibt es keine Ballettumkleidekabine, aber die wöchentliche Fahrt zum Schwimmbad. Im Auto sitzen die Tochter und zwei weitere Kinder. Gelästert wird nicht. Aber meine Tochter hält während der 20minütigen Fahrt einen Monolog, der in etwa so anfängt: "Derundder (den keiner der Mitfahrenden kennt) hat heute in der Schule dsmfahtsrthasdjnfkjsngserzhb gemacht und dann hat dieunddie sdkfjawohfawbfahsbfajhre gemacht und dann hat derunder gelacht! Das war soooo lustig! Wir haben heute in Englisch ein Lied gelernt. Ich sing es euch mal vor: lalalalalalalalalalalalalalalalalala…" und erst 20 Minuten später endet. Die beiden anderen Kinder hören sich das schweigend an und sagen: nichts. Ich kann den Grund für diese Schieflage nicht so recht ermitteln und befürchte, dass sie sich bei den beiden beliebt machen will, aber dazu den falschen Weg wählt. Ich bin jetzt dazu übergegangen, immer eine CD aufzulegen. So ein Hörspiel ab 5 ist jedenfalls immernoch witziger als diese Art von Kommunikation.

  4. Das kann ich mir nur allzu gut vorstellen…. Und ich denke auch, dass sie sich eigentlich nur beliebt machen will und sich freut, mit Dir und den Freundinnen zusammen etwas zu erleben. Sehr gut gelöst mit der CD! Nehme ich mir mit als Tipp 🙂

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