Working Mom auf dem Dorf

Ich betone ja immer wieder, dass ich eine Karriere-Mutter bin. Dass ich meinen Job liebe. Dass es weder ohne Job noch ohne Kinder für mich geht. Ich betone es, weil es ein harter, langer Weg für mich war, diese Gratwanderung als solche mit allen Facetten zu akzeptieren. In meinem kindlichen Selbstbild war ich sicher, mit 25 verheiratet und zweifache Mutter zu sein. Von einer Karriere war nie die Rede. Geheiratet habe ich mit 31, Mutter wurde ich mit 32 und 37. Meine Karriere aber begann ich mit 28.

Das kindliche Selbstbild blieb in mir verhaftet: Wenn Du gross bist, bist Du verheiratet und hast zwei Kinder. Ich habe keine Ahnung, woher ich dieses Bild habe, denn meine eigene Mama ging wieder arbeiten, als ich ca. fünf war.

Als junge Frau wäre mir nie in den Sinn gekommen, ein Haus zu bauen, mich festzulegen, mich niederzulassen. No way. Aber als LadyGaga dann da war, kam der Wunsch in mir auf, dem Kind Wurzeln zu geben. Ich wollte nach der Arbeit «nachhause» kommen. Meinem Mann ging es ähnlich. Wir bauten also ein Haus, wo wir seit 2012 glücklich wohnen. Ich arbeitete stets weiter – das Haus musste schliesslich finanziert werden, wir waren auf zwei Einkommen angewiesen. 2014 dann Copperfields Geburt. Der alte Gedanke tauchte plötzlich wieder auf: verheiratet sein und zwei Kinder haben, einfach nur für die Kinder da sein dürfen. Doch statt kürzer zu treten, gab ich erst recht Vollgas, denn es bot sich eine Gelegenheit zur Selbständigkeit. Und ich habe im Leben gelernt, Chancen zu nutzen, wenn sie da sind.

Aber

Etwas habe ich nicht bedacht. Als wir das Haus bauten, entschieden wir uns für ein kleines, idyllisches Dorf im Schweizer Mittelland – mit der Idee, dass man von hier aus schnell in Basel, in Zürich oder auch in Bern ist. Ein idealer Wohnort zum Pendeln also. Aber es ist eben doch ein Kaff. Hier, in meinem 4000-Seelen-Dorf, kenne ich keine einzige andere Mutter, die so viel beruflich arbeitet wie ich. Klar wird gearbeitet: 20%, 40%, manchmal sogar 60%. Aber als Selbständige arbeite ich eben selbst und ständig, also rund um die Uhr fast 24/7. Ich bin ein Exoticum. Das letzte Jahr habe ich gebraucht um zu akzeptieren, dass das ICH bin: ein Workoholic. Ich lebe für den beruflichen Erfolg – weil es mir Spass macht, mir Genugtuung gibt. Es ist gut, konnte ich das für mich akzeptieren, denn das hat mich im Kopf befreit. Es ist gut so wie es ist, weil meine Familie mich so liebt, wie ich bin.
Letzten Sonntag ist mein Mann nachmittags mit den Kindern weg, ich habe die Zeit zum Arbeiten genutzt. Als sie zurückkamen, war ich fröhlich und ausgeglichen. Ich sagte dann später etwas beschämt zu meinem Mann: «Ich bin eine Rabenmutter. Es ist Sonntag, und es geht mir am besten, wenn ich gearbeitet habe. Das ist doch krank!» Er schüttelte den Kopf: «Nein, Du bist nicht krank. Du bist Unternehmerin!» Ich bin glücklich, stolz und dankbar, so einen verständnisvollen Partner an meiner Seite zu haben. Denn ohne ihn würde ich nicht funktionieren können.

Aber

Ich lebe auf dem Dorf. Ich bin mit anderen Müttern im Dorf befreundet und erzähle schon mal unbedacht, wie es so ist, wenn man in Gedanken beim nächsten Geschäftsabschluss ist und sich ärgert, wenn einem die Kinder einen Strich durch die Rechnung machen. Meine Freundinnen nicken dann und unterstützen mich, auch wenn sie es wohl nicht nachvollziehen können. Meistens spiele ich meine Arbeit aber herunter, um nicht anzuecken. Kennen sie mich also wirklich? Und ich merke, wie mich ein Unbehagen beschleicht. Ein Knoten im Hals, eine Stimme, die mir zuflüstert: Wieso bist Du nicht in die Grossstadt gezogen! Mein kindliches Selbstbild «Frau, Mutter, Ehefrau» hat sich als Fata Morgana herausgestellt. Ich bin mehr als das. Viel mehr.

Dann sehe ich LadyGaga an. Sie trifft sich jetzt mit Freundinnen. Wir kriegen Spielebesuch. Die Freundinnen fragen mich, was ich denn arbeite, wenn ich sage, dass ich ins Büro, also ins Zimmer nebenan gehe. «Ich mache eine Zeitschrift», sage ich dann ganz simpel. Aber in mir drin rumort es. Ich habe ein Problem mit diesem Fremdbild von mir: die Mama, die da ist, aber trotzdem immer arbeitet. Es nagt an mir. WIESO?!?!?! Ich bin die beste Mama, die ich sein kann. Mit allen Ecken und Kanten.

LadyGaga ist eine Superheldin - sie wird ihren Weg gehen. (c) Fotolia
LadyGaga ist eine Superheldin – sie wird ihren Weg gehen.
(c) Fotolia

Ich studiere mein Kind. Meine Tochter, deren Lieblingsjacke Werwölfe drauf hat und die beim Kauf damals sagte: «Mir egal, wenn die Mädchen das doof finden!» Die morgens mit dem Schirm in die Vorschule geht, auch wenn es noch nicht regnet und sie deswegen von den anderen ausgelacht wird. «Das ist mir egal. Wenn es später regnet, bin ich froh drum!» Sie ist stark. Sie ist stolz. Und plötzlich wird mir etwas klar: Meine Sehnsucht nach beruflicher Selbstverwirklichung geht nicht nur mich etwas an. LadyGaga und später auch Copperfield werden es in der Schule austragen müssen, wenn die anderen Kinder im Dorf sie fragen, warum ihre Mama so viel arbeitet. Vielleicht wird man sie deswegen hänseln? Es ist nicht damit getan, dass ich stolz auf das bin, was ich leiste. Nein, ich arbeite auch daran, meine Kinder zu starken, eigenständigen, selbstbewussten Menschen zu erziehen, die sich nicht für ihre Jacke ihren Schirm ihre Mama schämen müssen, sondern stolz auf sie sind. Für die es selbstverständlich ist, dass ihre Mama arbeitet, weil sie es will. Deshalb bin ich gerade sehr froh, geht LadyGaga mit dem Regenschirm in die Vorschule. Auch wenn es nicht regnet.

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14 thoughts on “Working Mom auf dem Dorf

  1. Ein toller Text, danke dafür! Ich bin gerade zum ersten Mal schwanger und schon sehr gespannt, was für eine Art Mutter ich bin. Das weiß man wohl auch erst, wenn es so weit ist. Ich glaube jedenfalls, es bringt niemandem etwas, eine Rolle zu spielen, etwas darzustellen, das man nicht ist. Das merken die Kinder doch. Dann lieber authentisch und unperfekt. Ist auch die Frage, ob sie lieber eine Gluckenmama hätten, die ihnen den ganzen Tag hinterherrennt…

    1. Ich habe fast 6 Jahre gebraucht um zu merken, was für eine Mutter ich bin *hust. Sind aber sicher nicht alle so langsam wie ich, hihi
      Ich wünsche Dir von Herzen eine tolle Restschwangerschaft. <3

      1. Kinder zeigen einem, wer man wirklich ist. Ich dachte, wenn ich Mutter bin, würde ich gerne das Haus meiner Schwiegereltern übernehmen und es würde mir nichts ausmachen, in einem Kaff fernab meiner Freunde zu leben.
        Bamm, Irrtum! Die Geburt meiner Tochter hat mir schonungslos gezeigt, wer ich wirklich bin. Oder besser gesagt, ICH bleibe ICH! Auch mit Kind.
        Ich gehe nach wie vor sehr gerne Arbeiten und könnte mir ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen. Ich liebe es nach wie vor zu Reisen, gerne auch in ferne Länder. Ich gehe nach wie vor gerne mit Freunden aus. Ich koche, bastle und stricke nach wie vor NICHT gerne. Ich habe mich nicht plötzlich in einen kreativen Mensch verwandelt. Und beim Duplo oder Barbie spielen wird mir auch schnell langweilig. Meine Schwiegermutter kann das stundenlang mit unserer Tochter. Da beschleicht mich manchmal schon ein komisches Gefühl, à la was stimmt nicht mit mir? Bin ich überhaupt eine richtige Mutter? Aber ganz ehrlich, lieber möchte ich meiner Tochter die Welt zeigen. Basteln kann sie mit meiner Schwiegermutter und später im Kindergarten. Ich wünsche mir, dass sie zu einer starken und unabhängigen Frau heranwächst. Einer Frau, die stets das tut was ihr Gut tut. Und vor allem, den Mut und die Kraft hat, sich den gesellschaftlichen Zwängen und Normen zu entziehen und zu jeder Zeit sich selber sein darf. Das kann sie aber nur, wenn ich Ihr ein Vorbild bin und authentisch bleibe.

  2. Auch bei 25k Einwohnern gehen einem als Mami die selben Gedanken durch den Kopf. Ein Workoholic wie meine Mama. <3 Mach was dir gut tut. Dein Kind passt zu dir – egal obs dir passt 😀

  3. Letzte Woche (wir hatten Sportwoche und der Hort war zu) sagte mein Sohn zu mir: „Dich um mich kümmern ist imfall auch deine Arbeit und nicht immer nur Computern imfall“
    *bamm*
    Und dann ist es wieder da, das schlechte Gewissen, auch wenn wir ganz genau wissen, dass nur zufriedene Mütter glückliche Kinder haben können…

      1. Angst ist, denke ich, unangebracht. Aber etwas Selbstkritik kann nicht schaden. Ich habe nach der besagten Aussage meines Sohnes dann zum Beispiel gesagt „eigentlich hast du recht, für heute reicht’s“ und habe mit ihm etwas unternommen. Ich denke, da kann man gut je nach Situation entscheiden (und wegen ein Bisschen Langeweile ist so ein Sechsjähriger nicht gleich für’s Leben traumatisiert, im Gegenteil!)

        1. Kinder haben ein Recht darauf, sich auch mal langweilen zu dürfen.
          Das hat mir mein Sohn erklärt, als er so alt war.
          Ich sehe zu, dass ich so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern verbringe und dann kriegt man beim Abholen erklärt, dass man doch noch gar nicht fertig mit Spielen im Kindergarten oder Hort ist und ich zum Geschäftsschluss wiederkommen soll.
          Ehrlich gesagt habe ich den Eindruck, dass ich als berufstätige Mutter mehr mit meinen Kindern mache, bzw. machen will (oft lassen sie mich nicht), als meine Mutter damals mit mir. Und die war zu Hause.

  4. Liebe Severine,
    das beschreibst Du alles genau richtig. So geht es vielen.
    Aber:
    Geschäftsfrauen gab es schon immer! Die Frau vom Bäcker, die den Laden und das Cafe schmiss, in meiner Jugend. Die Frau vom Arzt, die die Praxis organisierte und managte, in meiner Jugend.
    Wenn ich bei diesen Freundinnen zu Besuch war, gab es niemand, der uns sagte, wie wir den Nachmittag gestalten sollten, denn die Mama war im Geschäft und dauernd stören konnte man auch nicht.
    Ob das allen anderen immer gepasst hat? Es wurde sicher auch darüber geredet im 6000-Seelen-Dorf. Letztlich gingen sie ihren Weg und das war gut so.
    Ich meine: das Reden der anderen gehört einfach dazu. Es dient der Standortbestimmung und der Abgrenzung – nicht mehr und nicht weniger.
    Riesiger Vorteil: Wenn man irgendwie „anders“ ist, wird nicht erwartet, dass man überall mitmacht!

    In diesem Sinne, weiterhin viel Erfolg!

    1. Liebe Alexandra
      Ein äusserst inspirierender und vielschichtiger Kommmentar, danke dafür ❤️ Ich werde das mal setzen lassen.
      Lg
      Séverine

  5. Liebe MotR,

    vielen Dank für den inspirierenden Text. Ich denke, diese Gedanken, die du schilderst, beschleichen jede Mom, spätestens dann, wenn man sich den Kopf darüber zerbricht, wie der (Arbeits) Alltag mit Kindern aussehen wird.

    Wir leben auch auf dem Dorf, aber erstaunlicherweise gibt es nur wenige Mütter, die ihren Job ganz / einstweilen für die Kinder aufgaben, von daher bin ich in unserem „Kaff“ kein Exot.

    Ich bin mit Leib und Seele Lehrerin und habe mich nach 1,5 Schuljahren „wie Bolle“ darauf gefreut, endlich wieder zu unterrichten, z.Z. mit 16 Wochenstunden, ab September wieder Vollzeit. Für viele Außenstehende ist das natürlich ein Traujob („Vormittags recht, nachmittags frei“ ;), aber auf Phasen mit wenig Arbeit, gibts natürlich, va wenn Abschlussprüfungen anstehen, Zeiten, in denen 24/7 zu wenig sind…

    Ich frage mich immer wieder mal, ob das mit Vollzeit + 2 Kids klappt, aber ich liebe meinen Beruf einfach zu sehr, um für x Jahre zu pausieren… Und wenn ich mittags heimkomme, freue ich mich richtig auf die Mädels um mit ihnen zu spielen etc – eben WEIL ich vormittags unter „Dauerstrom“ stehe…

    Herzliche Grüße von Steffi, einer bayerischen Working-Mom (mit nur manchmal schlechtem Gewissen)

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