Ich halte Deine Hand

Es gibt sie. Diese Momente im Leben der Kinder, die man nie mehr vergisst, nie mehr vergessen will. Die Meilensteine sind, auf ihre ganz persönliche Art und Weise. Das erste Lachen vielleicht. Die ersten Schritte. Das erste «Mama, ich hab Dich lieb!» Was aber, wenn das damit verbundene Gefühl viel tiefer geht, als wir meinen?

LadyGaga hatte im Mai plötzlich den ersten Wackelzahn. Endlich! Sie war die letzte in ihrer Klasse. Eines Tages kam sie ganz aufgeregt nachhause und sagte: «Mami, der Zwieback, den Du mir in die Vorschule mitgegeben hast, fühlte sich ganz komisch an auf dem Zahn. Irgendetwas stimmt nicht mit dem Zwieback.» Ich berührte den gezeigten Zahn und quietschte hell auf. «LadyGaga, ER WACKELT!!!» Wir blickten uns beide ungläubig und begeistert an. Fortan wackelte meine Tochter fröhlich, aber auch mit einem mulmigen Gefühl, an ihrem ersten Wackelzahn herum.

Dann, an einem Freitagabend beim Essen, sagte sie plötzlich: «Mami, ich glaube, jetzt fällt er raus!»

Ich betrachtete den Zahn im Mund. Alles sah ganz normal aus. Wobei, normal… sie hatte ein Haifischgebiss, sprich der neue Zahn wuchs bereits hinter dem alten Zahn in der zweiten Reihe. Irgs! Aber eben: nichts Ungewöhnliches, wie ich mir sagen liess (ich habe natürlich dazu gegoogelt und getwittert wie doof, was denkt ihr denn?!).

Ich war jedenfalls nicht LadyGagas Meinung und meinte, dass es SO schnell nicht gehen würde. Sie wackelte unbeirrt weiter am Zahn. «Doch, doch, es ist irgendwie anders. Ich glaube, heute ist es so weit. Ich habe Angst!»

Sie blickte mich mit ängstlichen Augen an. Das Ungewisse verunsicherte sie.
Ich nahm sie in den Arm. «LadyGaga, ich werde Dich nicht anlügen. Du wirst es ein wenig spüren, wenn Du den Zahn herausziehst. Es wird vermutlich auch ein wenig bluten. Es wird nicht wehtun, aber vielleicht ist es unangenehm. Sicher aber merkwürdig. Aber Du wirst so sehr wollen, dass der Zahn draussen ist, dass Du jede Empfindung in Kauf nimmst. Und ich bin bei Dir, mein Schatz.»

Sie hatte Tränen in den Augen, schluckte sie aber tapfer hinunter. Und wackelte weiter am Zahn.

Mittlerweile war Schlafenszeit. «Es ist spät, der Zahn kommt heute nicht mehr raus. Copperfield schläft schon, und Du solltest auch ins Bett», sagte ich als ordentliche Mama. Doch mein Kind liess sich nicht beirren.

So kniete ich neben meiner kleinen grossen Tochter im Bad vor dem grossen Spiegel und sah zu, wie sie an ihrem Zahn wackelte. Und: Ich war so aufgeregt! Es blutete ein wenig. Ich ermunterte sie, weiter zu machen. Ich hielt sie im Arm, während sie weiter wackelte.

«Mami, es tut so gut, dass Du mich hältst. Das beruhigt mich irgendwie ganz fest», sagte sie mit einem Mal.

Ich dachte an meine eigene Mama und wie geborgen ich mich bei ihr fühle, auch heute noch. Zugleich realisierte ich, was LadyGagas Empfindung wiederum in mir als Mama bewirkte – und verstand plötzlich so vieles. Ich war dankbar, demütig und stolz zugleich. Ich war als eine Art Urmutter mit einem Mal verwurzelt mit dem ganzen Universum.

Der Zahn liess sich in alle Richtungen drehen. Es sah echt spooky aus. Ich erklärte meiner Tochter: «Es fehlt nicht mehr viel, mein Schatz, aber Du musst es selber tun. Ich kann nur bei Dir sein und Dich halten. Du bist nicht allein.» Sie nickte tapfer. Und wackelte weiter. Ich war die ganze Zeit bei ihr und fühlte mich mit einem Mal, als würde ich einer Geburt beiwohnen. Als würde ich Oma werden! Meine Tochter erlebte etwas Grossartiges und ich war dabei, ich war bei ihr, ich durfte sie halten und sie stützen, ihr Mut zusprechen und für sie da sein, bis sie die letzte Hürde in Angriff nehmen konnte.

Da war er. Der Zahn lag in ihrer Hand. Sie hatte ihn sich selbst herausgezogen, einfach so. Wir jubelten beide. Wir umarmten uns. Wir freuten uns. Ich platzte fast vor Glückseligkeit.

So also fühlt es sich an, wenn man dabei sein darf, wenn das eigene Kind Grosses leistet und über sich selbst hinauswächst. So also werde ich mich fühlen, wenn LadyGaga heiratet. So wird es sein, wenn sie ein Kind kriegt. Ein bisschen zumindest. Ich kann ihr keine Geburt abnehmen, und auch den Liebeskummer nicht. Ich kann keine Prüfungen für sie schreiben und auch kein Bewerbungsgespräch an ihrer statt führen. Ihr erstes Mal wird sie genauso ohne mich erleben wie die erste Trennung von einem geliebten Menschen. Ich kann nicht ihr Leben leben. Immer aber werde ich da sein und ihre Hand halten, wenn sie mich braucht. Ich kann sie begleiten, soweit sie mich mitgehen lässt. Ihr Glück ist mein Glück. Meine Hand in ihrer. Das ist alles, was ich will.

 

(c) Fotolia
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PS Der Zahn fiel am 3. Juni 2016!

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10 thoughts on “Ich halte Deine Hand

  1. Och, ist das schön geschrieben, da hab ich glatt auch die Träncgen in den Augen. Und ich kann mich auch noch gut an den ersten Zahn in der Hand von meinen beiden Großen erinnern <3, die Kleine ist 6 und wartet noch, daß einer wackelt 🙂
    LG, auch an das tapfere Wackelzahn-Mädchen,
    Yvette

  2. 3. Juni 2016
    Tolles Datum…das ist der erste Geburtstag meiner Tochter gewesen…

    Genau so, wie du es schreibst wünsche ich es auch für meine Tochter und mich – dass sie weiß, ich werde IMMER für sie da sein, selbst wenn ich vielleicht auch mal ärgerlich sein sollte – sie soll immer in in meine Arme, an meine Hand kommen können. Ich wünsche uns, dass sie sich meiner immer 100% sicher sein kann.

    Ganz toller Text.

    Liebste Grüße

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