Die Sache mit der Vereinbarkeit

Nächsten Montag startet bei uns eine neue Ära – LadyGaga wird eingeschult. Dies bringt mit sich, dass unser bestehender Betreuungsschlüssel komplett über den Haufen geworfen wird. Bisher war LadyGaga jeden Vormittag und einen Nachmittag bis 15 Uhr in der Vorschule und zwei Nachmittage in der Kita. Neu hat sie jeden Morgen Schule und zwei Nachmittage bis 15 Uhr Unterricht. In der Dorf-Kita besteht eine 20% Anwesenheitspflicht. Zwei Nachmittage wollte ich LadyGaga aber nicht mehr betreuen lassen neben der Schule. Ausserdem sind die Kinder eher in Copperfields Alter. Ich grübelte wochenlang. Eine Stadt-Kollegin fragte mich ganz erstaunt: «Was überlegst Du denn? Das Leben ist kein Wunschkonzert, die Kinder werden fremdbetreut und fertig. Irgendwo her muss das Geld ja kommen!»

Ich stutzte, dass ich selber das gar nicht so sah. Ich, die Businessfrau. Die immer arbeitet, immer ans Geschäft denkt. Ich wollte nicht, dass mein Schulkind zwei Nachmittage in der Schule ist und dann noch zwei Nachmittage betreut wird und nie Freizeit hat. Nein, ich wollte das nicht. Ich staunte. Aber was wollte ich dann?

Die letzten Monate überlegte ich hin und her. Ich grübelte ungelogen STUNDEN darüber, wie wir das Problem am besten lösen konnten. Zudem ist Copperfield in einem für mich anstrengenden Alter, der Besuch der Kita tut ihm und mir gut, das weiss ich. Also wen wann wie wo betreuen lassen? Und mit welchem Geld? Und wann kann ich arbeiten?! Es war ein echtes Dilemma.

Und dann kam er

Bis mein Mann plötzlich sagte: «Und was, wenn ich auf 90% reduziere?»
Ich dachte, mich verhört zu haben. Aber er hatte es gesagt. Ich rechnete durch, was ich mehr verdienen musste, um seinen reduzierten Lohn wettzumachen.
Nun ja. Ganz ehrlich: Rechnen ist nicht meins. Ich kann nur so viel sagen: Wir nehmen weniger Geld ein, also muss ich mehr arbeiten. ABER GENAU DAS WILL ICH JA!
Und so kam es, dass mein Mann tatsächlich bei seinem Arbeitgeber eine Senkung des Pensums beantragt hat – was bewilligt wurde.

 

(c) Fotolia
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Ab nächster Woche ist LadyGaga nun einen Mittag und danach am Nachmittag nach 15 Uhr in der neu eingerichteten «Tagesstruktur» bei uns im Dorf, sprich einer Betreuung für Kinder ab Vorschulalter, nicht zu vergleichen mit der privaten Kita (aber gleich teuer!). Copperfields Pensum in der Kita haben wir von 50 auf 60% erhöht. Zugleich betreut aber mein Mann die Kinder einen Nachmittag und bringt die Tochter dann auch ins Hiphop. Mein Sohn ist zudem sowieso ein absolutes Papakind, es ist gut, hat er ihn jetzt einen Nachmittag unter der Woche für sich. Heute mussten wir meinen Mann auf der Arbeit anrufen, weil er ihn so vermisste. Mittwochs kümmere ich mich dafür voll um die Kinder. Das ergibt für mich neu ein Wochen-Arbeitspensum zu Bürozeiten (!) von 70%. Siebzig Prozent!!! Ich könnte ausflippen vor Freude!

Deshalb kann es klappen

Wenn ich mich umsehe, kenne ich ehrlich gesagt keinen anderen Mann, der freiwillig sein Pensum reduziert, um die Frau zu unterstützen oder mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen. Wir sind hier also Pioniere (oder Freaks, kommt auf den Blickwinkel an…). Eine Freundin sagte jüngst zu mir: «Ihr zwei zieht echt am gleichen Strang!» Ja, das tun wir.

Ich habe den besten Mann an meiner Seite. Ohne ihn könnte ich Vereinbarkeit nicht leben. Dazu gehören nämlich meiner Meinung nach heute immer noch zwei. Er erdet mich, ich beflügle ihn. Es war ein Prozess, da er sich lange nicht vorstellen konnte, sein 100% Arbeitspensum zu reduzieren. Umso stolzer bin ich auf ihn und auf uns, dass wir das nächste Kapitel in unserer Familienkonstellation angehen. Denn Familie ist für mich Prozess, die Karten werden stetig neu gemischt und Rollen hinterfragt, bis es wieder für alle stimmt. ALLE – das sind wir vier. Nur darauf kommt es an.

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10 thoughts on “Die Sache mit der Vereinbarkeit

  1. Liebe Severine,
    Ich kann deine Situation sehr gut nachvollziehen! Wir befinden uns selbst gerade in einer ähnlichen Situation! …Immer hin und hergerissen zwischen Kind und Job! Wie schön, dass ihr eine so tolle Lösung gefunden habt! Ich denke das würden bestimmt nicht viele Männer vorschlagen!
    Liebe Grüße
    Ariane

  2. Ich freue mich für euch, solche Väter/Männer und Arbeitgeber sind super! Mein Mann wollte auch reduzieren. Kommentar seines Arbeitgebers: Sie haben doch eine Frau, warum reduziert sie nicht bzw. bleibt daheim?!? Bei uns geht nur 100% oder gar nicht.
    Wenn unsere Tochter in den Kindergarten kommt müssen wir deshalb schauen, wie wir es machen. Ohne Familie in der Nähe muss entweder ich tatsächlich noch weiter reduzieren oder mein Mann sich einen neuen Job suchen. Stundenlanges Grübeln kommt mit also bekannt vor!
    (Für nicht-Schweizer-Leser: Kindergarten ist hier obligatorisch und bei uns Montag bis Freitag jeweils von 8:30 -12:30. Donnerstag auch Nachmittag mit einer unbetreuten Mittagspause, bei der die Kids daheim essen sollen. Auf Arbeit pendeln dauert 1h bei mir. Jetzt kam sich jeder vorstellen, wie viel ich noch arbeiten könnte, wenn ich von 9:30-11:30 arbeiten darf… )
    Aber kommt Zeit kommt Rat…

    1. Das Problem mit dem Kindergarten und dem Donnerstag Nachmittag kenne ich nur zu gut. Jetzt für die Schule ist es ja das gleiche Dilemma: Montag und Freitag von 12-13.15 Uhr Kind zuhause. Ich bin zwar zuhause, aber mit Kochen, Küche putzen etc. wirft mich das total aus dem Konzept. Deshalb probieren wir jetzt den Mittagstisch aus. Mein Mann könnte übrigens auch nur reduzieren, weil er kürzlich intern die Abteilung gewechselt hat. Vorher wäre das unmöglich gewesen… Dir viel Erfolg!

  3. Hallo Severine,
    ich finde es toll, dass ihr euch einig seid.
    Mittelfristig will mein Mann auch reduzieren, aber auch, um mehr Zeit für sich zu haben (absolut verdient).
    Bei uns ist es so, dass er extra um 7 Uhr mit der Arbeit anfängt, um früh Feierabend zu haben und bei uns zu sein. Theoretisch sollte das auch im jetzigen neuen Job klappen. 🙂
    Ein Hoch auf Absprachen!
    Viel Erfolg mit der Lösung. 🙂
    Liebe Grüße
    Sarah

  4. Liebe Severine, das freut mich so für Dich und Euch! Ich lese einige Blogs, habe aber echt noch nie kommentiert, d.h.you’re a first:). Aus Neugier, denn: Ich arbeite sechzig, mein Mann achtzig, und in meinem Umfeld sind Männer mit Kindern, die hundert arbeiten, echt selten (fast alle achtzig). Mir ist klar, dass das eine Ausnahme ist (Stadt, Akademiker, v.a.Journalisten, Wissenschaftler, Ärzte, Architekten oder sowas etc), aber da ich Dich auch diesem ‚Umfeld‘ zugeordnet hätte: Woran denkst Du, liegen die unterschiedlichen Erfahrungen begründet, wenns eben nicht im Offensichtlichen von Wohnort und Berufstätigkeit (d.h.auch ‚progressive ‚ Arbeitgeber, die das ‚erlauben‘) ist?

    1. Liebe Marianne
      Ich freue mich, danke für Dein „First“ 🙂
      Bei uns liegt es eindeutig am Umfeld. In der Schweiz ist es eine absolute Seltenheit, dass ein Mann nicht 100% arbeitet – weil es keine entsprechenden Stellen gibt. Mein Mann ist Informatiker, und erst jetzt, nach einem Wechsel der Abteilung, war an eine Reduktion des Pensums zu denken. Es kommt also meiner Meinung nach auf die Sparte an – und aufs Land. Wir haben ja nicht einmal einen Vaterschaftsurlaub 🙁 – nach der Geburt des Kindes kann der Vater je nach Arbeitgeber 2 bis maximal 10 Tage bezahlten Urlaub nehmen.
      LG
      Séverine

      1. Ich finde es toll, dass Ihr das gemeinsam angeht. Interessanterweise sehe ich (auch in der Schweiz :-))tatsächlich eher das Bild, das Marie skizziert: in meinem Freundes-, Bekannten-, Kollegenkreis ist es sehr üblich, dass erstens die Frauen mehr als 60% arbeiten und zweitens die Männer eben auch reduzieren auf meist 80%. Es ist imho essentiell, die Arbeitgeber auch zu erziehen und deutlich zu machen, dass es Bedarf für solche Lösungen gibt.

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