Mit Verdacht auf Blutvergiftung im Krankenhaus (mit medizinischen Infos zum Merken)

Offenbar haben wir echt ein Dauerticket im Krankenhaus gelöst.

Freitagmorgen 11 Uhr. Das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung: LadyGagas Klassenlehrerin. Sie sei besorgt, LadyGaga habe Ausschlag am ganzen Körper, die Finger seien geschwollen, offenbar von Mückenstichen. Ich bin irgendwo zwischen irritiert und besorgt. «Ach ich weiss schon, meine Tochter ist ja Allergikerin und reagiert gerne mal etwas stärker auf Mückenstiche. Wir haben diese Nacht das Fenster in ihrem Zimmer offen gelassen und vergessen, einen Mückenstopp in der Steckdose zu installieren. Ich schaue mir das um 12 an, wenn sie nachhause kommt.» Die Lehrerin insistiert. «Ich will Sie nicht beunruhigen, aber es ist wirklich sehr extrem. Und sie hat einen grossen Streifen, der am Arm entlang verläuft. Ich an Ihrer Stelle würde das zur Sicherheit dem Arzt zeigen.»

Ein Streifen? Nun bin ich doch beunruhigt. Wir vereinbaren, dass sie meine Tochter nachhause schickt, wenn es ihr nicht besser geht. Ich rufe den Kinderarzt für einen Termin an. Dort heisst es: «Streifen? Sie müssen sofort ins Krankenhaus, das könnte eine Blutvergiftung sein.»

!!!!!!!!!

Kurze Zeit später klingelt es an der Tür. LadyGaga steht da. Ich schaue auf ihren Arm und bin geschockt:

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Über ihren kompletten Arm verläuft ein roter Streifen. Mir ist sofort klar, dass die «Maschinerie Spital» sich soeben in Gang gesetzt hat. Wir essen hastig etwas, ich packe ein paar Malsachen für sie ein und dann machen wir uns auch schon auf den Weg. LadyGaga ist weinerlich, ängstlich, und ich versuche, so gut es geht, sie zu beruhigen und stark zu sein für mein Kind.

In der Notaufnahme geht alles ganz schnell, wir werden mit Prio I behandelt, was mich sehr nervös macht.

Steht es so schlimm um sie?

Bei der ersten Anamnese stellt sich heraus, dass LadyGaga auch am Bein bereits Streifen auf der Haut hat. Verdammt nochmal, was bedeutet das?! Der Assistenzarzt untersucht sie. Er schaut ernst. Und dann sagt er den Satz, den man als Eltern nie hören will: «Ihre Tochter wird wohl über Nacht hier bleiben müssen.»

Bitte was!?!?

Wegen Mückenstichen? Echt jetzt?!

Er nickt betreten. «Das sieht nach einer bakteriellen Infektion aus. Die Lymphbahnen sind betroffen. Stellen Sie sich also darauf ein, dass sie hierbleiben müssen, aber der Oberarzt kommt nachher noch vorbei.»

Gnaaa!!!!

LadyGaga bricht wieder in Tränen aus.

Ich tröste sie, so gut es geht, und stelle mich innerlich darauf ein, hier bleiben zu müssen. Blutvergiftung! Ich rufe meinen Mann nochmals an, damit er im Büro Klarschiff macht und so schnell wie möglich Teil der Familien-Notfall-Maschinerie wird. Wir brauchen Kleider, mehr Spielsachen! Copperfield ist in der Kita, der muss abgeholt werden. Ich habe doch noch Termine am späten Nachmittag, die muss ich absagen. In meinem Kopf dreht sich alles.

Blutentnahme beim Kind

Nach etwa zwei Stunden heisst es, dass nun Blut abgenommen wird. LadyGaga wird total hysterisch. Ihr ist mit zwei Jahren schon einmal Blut abgenommen worden, aber das weiss sie sicher (wirklich?!) nicht mehr. Die Pflegefachfrau damals hat sie regelrecht malträtiert, weil sie die Vene nicht finden konnte und diese am Ende total zerstach. Es war furchtbar, mein Kind schrie wie am Spiess und ich konnte nicht helfen, da ich gegen eine eigene Ohnmacht ankämpfte – dieses ganze Blutdingens ist überhaupt nicht meins.

Diesmal erhält LadyGaga sog. EMLA-Betäubungs-Pflaster in der Armbeuge und am Handrücken. Die Pflegefachfrau will zuerst auf dem Handrücken stechen. Ich sage LadyGaga, sie soll mich anschauen. «Ich schaff das nicht, ich schaff das nicht», wimmert sie. «Doch, Du schaffst das. Und nun schau mich an!» Ich rede wie ein Wasserfall, von tollen Dingen, die sie ablenken. Das hoffe ich, das weiss ich. Ich rede und rede, während an der Hand hantiert wird. Das Kind schreit immer wieder auf vor Schmerz, schaut mich aber tapfer an. Ich rede mir den Mund fusselig. LadyGaga schreit immer wieder, hält aber wimmernd durch. Nach einer gefühlten Ewigkeit denke ich: Verdammt nochmal, warum dauert das so lange?! Und getraue mich, zur Hand zu schauen. Diese tolle Pflegefachfrau stochert am Handrücken meiner Tochter herum und sucht verzweifelt die Vene. Dabei dreht und wendet sie die Kanüle IN der Haut um 90 Grad.

«Hören Sie sofort auf damit! Wenn es nicht geht, suchen Sie bitte einen anderen Zugang!!!»

«Ja aber ich weiss, dass die Vene da ist, ich habe sie gerade noch gespürt.» Wieder dreht sie die Kanüle in der Haut. LadyGaga schreit auf.

«Jetzt lassen Sie das und suchen Sie wo anders!» Ich bin ohnmächtig vor Wut.

Sie hört auf. «Aber wenn ich weiter oben das Blut abnehme und sie dann doch einen Zugang auf der Hand braucht, muss ich sie wieder stechen!»

«Das ist egal! Jetzt machen Sie schon!» Diese Ohnmacht.

Sie tut endlich, was ich sage. Und binnen Sekunden liegt der Zugang problemlos am Innenarm – ohne Schmerzen. LadyGaga ist nudelfertig. Und ich auch.

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Ey, ich habe die Nase so voll davon, dass die Kinder immer als Versuchskaninchen herhalten müssen, weil die ja «eh immer schreien». Auch wenn das keiner gesagt hast, ist es doch so! Wenn wir uns nicht für sie wehren, wird da munter weiter gestochert. SO NICHT!!!

LadyGaga hat sich ganz tapfer geschlagen, aber für die Zukunft habe ich sicher ein Blutentnahme-Traumakind – vielen Dank auch!

Entwarnung

Nach drei Stunden kommt erstmals der Oberarzt und sagt – dass wir nachhause gehen können. Dass eine Blutvergiftung in diesem Fall sehr untypisch ist, dass die Blutwerte okay sind. Wir bekommen noch Antihistaminika (Allergietropfen) und eine Creme zum Auftragen mit auf den Weg.

Der Schreck sitzt tief. Es hätte eine Blutvergiftung sein können, war es dann zum Glück aber nicht. Es war eine – extrem seltene! – systemische Reaktion auf einen Mückenstich, das heisst das Mückengift wanderte die Lymphbahnen im Körper hinauf. In Verbindung mit hohem Fieber und Befall der Lymphknoten (zu tasten unter den Achseln) wäre es gefährlich geworden. Wir hatten also Glück im Unglück. Aber einmal mehr waren wir Gäste im Kinderkrankenhaus. Möp.

Medizinische Infos zum Merken

  • Bei einem Strich auf der Haut steht immer die Diagnose Blutvergiftung im Raum. Diese muss zwingend im Krankenhaus abgeklärt werden. Das Risiko ist einfach zu gross.
  • Assistenzärzte sind ausgebildete Ärzte am Anfang ihrer Karriere. Sie stehen sozusagen am unteren Ende der Nahrungskette bei den Ärzten. Sie haben viel theoretisches Wissen, aber natürlich noch nicht so viele Erfahrungswerte. Wartet also immer das Urteil eines höher gestellten Arztes ab. Es kam bei uns auch schon mal vor, dass der Assistenzarzt auf der Notfallstation sagte: Sie können nachhause, der Oberarzt zehn Minuten später aber meinte: Sie bleiben hier.
  • Sog. EMLA-Pflaster besitzen einen Wirkstoff und betäuben die zugeklebte Hautstelle, so dass die Kinder den Einstich der Nadel nicht spüren. Bei Herumstochern helfen sie aber natürlich nichts. EMLA-Pflaster kann man als Eltern (zumindest in der Schweiz) proaktiv bei Blutentnahme einfordern. Sie werden circa 45 Minuten vor dem Stich aufgeklebt.
  • Für einen Zugang muss NICHT in der Blutbahn bzw. unter der Haut herumgestochert werden!! Interveniert, wenn Ihr das bei der Behandlung eures Kindes feststellt. Übrigens auch, wenn es euch selbst betrifft.

Helfen euch solche medizinischen Tipps von mir? Dann bringe ich mein halb-professionelles Know-how hier gerne regelmässig ein.

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11 Gedanken zu „Mit Verdacht auf Blutvergiftung im Krankenhaus (mit medizinischen Infos zum Merken)

  1. Oh Gott, wie furchtbar, was ihr erlebt habt! Diese Panik, wenn man genau weiß, dass Krankenhaus unvermeidbar ist…aber ein Glück, dass es gut ausgegangen ist. Mit einer Sepsis ist ja wirklich nicht zu spaßen. Ich drück euch beide ganz fest!

  2. Das mit dem Blutabnehmen haben sie bei mir als Kind auch versaut im Krankenhaus, allerdings sprudelte da das Blut Dank Assistenzarzt. Und der Kommentar der Oberärztin war dann im Nachhinein „das Kind hat so eine anspruchsvolle Ausstrahlung, da wird man nervös“. Ne, ist klar, mit 12!
    Hoffentlich konntet Ihr Euch am Wochenende noch etwas erholen…

  3. Oh je – das tut schon beim Lesen weh! Deine tapfere kleine Maus – ich bewundere sie wirklich sehr. Gottseidank, dass alles harmlos war :-).

    Und ja! Ich finde solche Beiträge sehr wichtig.

    Herzliche Grüße
    Danielle

  4. Arme Lady Gaga. Mir wurde als Kind auch häufig Blut abgenommen, mag es heute noch nicht.
    Zum Thema Mückenstich:
    Ich reagiere auch heftig auf die Stiche. Ende Juli war mein Arm nach 2 Stichen so geschwollen, rot und schmerzte arg. Mir wurde rivanol verband verschrieben, Antibiotika und Ruhe. Unsere Tochter ist 3.
    Der Verband lässt die Schwellung zurück gehen, kann man bei Kindern auch anwenden.

  5. Im Umfeld unserer Familie gab es das in den letzten zwei Jahren einige Male: Blutvergiftung nach Mückenstich mit mehrtägigem stationären Aufenthalt. Aber Erwachsene. Ich finde das sehr irritierend. Mückenstiche! Sind die irgendwie anders heute?
    Euch gute Erholung von dem Schock!
    Viele Grüße von Sabine

  6. ohweh, erholt euch gut von dem Schrecken!

    Und: JA, ganzganz wichtig, solche Beiträge. Mein Mädchen reagiert extrem auf Stiche und ich finds wichtig, den worst case zu kennen und dann reagieren zu können.

    Alles Liebe euch 💜
    Mara

  7. Puh, Gott sei Dank seid ihr mit einem blauen Auge davon gekommen.

    So eine tapfere Maus. Echt. Ich hoffe für Euch, dass sie diese Wahnsinnige bei der Blutabnahme schnell wieder vergisst.

    Und danke für die Tipps.

    Liebe Grüße
    Tante Emma

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