Woher ich meine Kraft habe

Als meine Mutter 39 war, ist sie mit Sack und Pack nach Guatemala in Zentralamerika ausgewandert. Ich war damals 7. Heute bin ich 39 und LadyGaga ist – 7.

Mit 7 war das damals für mich ein Abenteuer. Jetzt wohnen wir halt wo anders! Ich verstehe Deine Sprache nicht? Kein Problem, irgendwie werde ich schon mit Dir spielen können. Unsere Eltern hatten für uns Kinder, für die Familie entschieden, und das war gut so.

Was für ein Kraftakt muss das 1984 aber gewesen sein, ein ganzes Haus für einen Frachtcontainer einzupacken! In ein Land zu reisen, das von politischen Unruhen geprägt war, in dem eine Sprache gesprochen wurde, die wir nicht verstanden. Eine komplett fremde Kultur! Die Familie aufzugeben, die Freunde – alles, was wir bisher gekannt hatten!

Wie es dazu kam? Mein Vater wurde von seinem Arbeitgeber aus der Pharmaindustrie befördert und nach Guatemala versetzt. Eine grosse berufliche Chance! Heute ist alles globalisiert und wir wechseln die Szene bzw. den Kontinent mit einem Wimpernschlag. Damals war das aber eine sehr grosse Sache. Und meine Mutter hatte den Mut, die schweizerischen, bürgerlichen Fesseln abzustreifen und die Karten ihres Lebens nochmals neu zu mischen.

Ich bin jetzt so alt wie sie damals, und ich denke viel darüber nach, wie mutig sie in meinem Alter war. Sie hat Spanisch gelernt, sich einen neuen Freundeskreis aufgebaut und sich in einem fremden Land um mich und meinen Bruder gekümmert, während mein Vater die meiste Zeit auf Reisen war.

Drei Jahre später kamen wir berufsbedingt wieder zurück in die Schweiz.

Als ich bereits studierte, sind meine Eltern mit Mitte 50 gemeinsam nach Südfrankreich ausgewandert, wo sie bis heute leben. Meine Mutter war schon immer ein Freigeist, mutig entschlossen, konsequent. Sie hatte und hat auch mit heute 70 immer noch den Biss, vorwärts zu denken, das Alte hinter sich zu lassen, nie aufzugeben. Diese Frau hat so eine Kraft! Sie ist eine Macherin, ein Tornado! Sie hat mir mit auf den Weg gegeben, dass ich alles werden kann, was ich will – weil ich gut bin. Nein, sie hat mir mit auf den Weg gegeben, dass ich alles werden MUSS, was ich will. Sie glaubt an mich wie kein zweiter. Sie hat mich immer unterstützt, mir immer geholfen, wenn ich sie brauchte. Und auch wenn wir nicht täglich telefonieren und uns nur sehr selten sehen – unsere Verbindung ist unzerstörbar.

Als ihre Mutter starb, wachte ich mitten in der Nacht auf, weckte meinen Mann auf und sagte zu ihm: «Wir müssen sofort zu meiner Mutter fahren.» Ich wusste noch nicht, was passiert war.

Ich wollte als Teenie immer zweite Ohrlöcher stechen lassen, doch meine Eltern verboten es mir. Eines Tages bei einem Urlaub bei meinen Eltern mit Mitte 20, entschied meine Mutter spontan, sie wolle sich selber zweite Ohrlöcher stechen lassen. Wir waren gerade in Spanien. Ich war so verdattert und meinte nur: «Also wenn DU das machst, mache ich das jetzt auch.» Seither haben wir beide vier Ohrlöcher. Es fühlt sich heute noch so an, als hätten wir uns gemeinsam Tattoos stechen lassen. Eine Prägung für die Ewigkeit.

Bei unserem letzten Sommerurlaub 2016 bei meinen Eltern musste ich mitten in der Nacht aufs Klo – und erstarrte zur Salzsäule, als ich dort plötzlich einem Geist gleich meine Mutter am Fenster stehen sah. Sie konnte nicht schlafen. Und so machten wir uns um 4 Uhr früh einen Tee, setzten uns aufs Sofa und redeten und redeten.

Ich bin jetzt 39, ein neuer Lebensabschnitt beginnt auch bald für mich. Ich weiss nicht, was die Zukunft mir bringen wird und wie viele Jahre mir noch mit meinem Mami vergönnt sind. Ich weiss, dass sie nicht ewig lebt, genauso wenig wie ich selbst oder meine Kinder. Ich weiss aber, dass sie mir sehr viel Kraft mit auf meinen Weg gegeben hat. Eine meiner Aufgaben im Leben ist es, andere zu begeistern, zu motivieren mit meinem Elan. Das kann ich nur, weil sie zusammen mit meinem Vater diese Wurzeln in mich gesetzt hat. Ich gehe 2017 mutig und glücklich meinem 40. Geburtstag entgegen.

Dafür sage ich heute Danke, Mami! Ich freue mich so, dass wir uns am Donnerstag endlich wieder sehen!

Meine Mutter feierte 2016 ihren 70. Geburtstag, ist das zu glauben?!
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3 thoughts on “Woher ich meine Kraft habe

  1. Alles Gute für Dich zu Deinem kommenden 40. Geburtstag. Deine Zeilen sprühen vor Glück und Zuversicht. Das liest sich schön. Meine Mama ist auch noch recht jung. Gerade mal 63 und seit 2 Jahren lebt sie bei uns in Hamburg. Ich danke dem Universum jeden Tag dafür, dass ich sie bei mir habe, dass wir uns ganz oft sehen und dass meine Kinder mit ihrer Oma aufwachsen. Ich kann Deine Liebe zu Deiner Mama also nachempfinden und wünsche Euch von ganzem Herzen noch ganz viel gemeinsame Zeit.
    Martamam

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