Stillen ja oder nein? – nicht die Frage aller Fragen

Stillen ist ja eines dieser Reizthemen wie Impfen, externe Kinderbetreuung, Familienbett, Kaiserschnitt und Ritalin. Gestern bekam ich auf Twitter am Rande eine Diskussion mit, bei der es darum ging, Erstgebärenden die Wahrheit darüber zu sagen, wie schlimm/nicht schlimm die Geburt bzw. das Kinder haben an sich ist. Und mir kam ein Gedanke.

Liebe Neu-Mutter

Vielleicht kannst Du nicht stillen, dabei wünschst Du es Dir so sehr. Vielleicht hattest Du aus gesundheitlichen Gründen einen schweren Start mit Deinem Kind und musstest abstillen, obwohl Du es nicht wolltest. Vielleicht produzierst Du zu wenig Milch (denn das gibt es!). Vielleicht erträgst Du die Schmerzen beim Stillen nicht. Vielleicht ist die Form Deiner Brustwarzen nicht optimal zum Stillen (Schlupfbrustwarzen). Vielleicht willst Du auch einfach nicht stillen, weil Du findest, dass Dein Körper Dir allein gehört.

Es ist okay.

Bonding funktioniert nicht nur über die Zufuhr der Muttermilch über die Brust. Du kannst Dein Kind auch lieben, ohne es zu stillen. Die heutigen Kindernährmittel lassen es an nichts mangeln. Ja, Kinder, die gestillt werden, haben statistisch gesehen weniger Allergien. Aber das ist Statistik. Das soll kein Plädoyer gegen das Stillen sein. Stillen ist toll! Aber ich will Dich stärken, nicht den Glauben an Dich als Mutter zu verlieren, nur weil Du nicht stillen kannst. Deinem Kind wird es nicht schlechter gehen, wenn es die Flasche erhält. Deine Liebe ist die gleiche.

Ich habe meine Tochter drei Monate lang unter Tränen gestillt, weil ich so Schmerzen dabei hatte. Ich hatte zu wenig Milch und musste immer zufüttern. So war ich drei Monate lang nur mit Essensbeschaffung beschäftigt und am Ende total erschöpft und ausgelaugt.

Bei meinem Sohn habe ich zwei Wochen lang gestillt. Von der grossen Tochter bedrängt, war ich jenseits von entspannt dabei. Ich sah die nächsten drei Monate vor mir. So wollte ich die ersten Monate nicht mehr erleben. Mein Sohn erhielt das Fläschchen. Was dann passierte? Ich konnte mich ganz um meinen Sohn kümmern, stundenlang mit ihm knuddeln und einfach das Mutter sein geniessen. Die grosse Anspannung war von mir abgefallen.

Heute blicke ich auf die Babyzeit meiner Kinder zurück und muss lächeln. Was für einen Stress ich mir gemacht habe, perfekt zu sein. Heute kräht kein Hahn danach, ob ich meine Kinder damals gestillt habe. Sie springen und rennen und lachen und singen. Sieht man Kindern an, ob sie gestillt wurden oder nicht? Nein.

Es ist nicht schlimm, nicht zu stillen. Es ist aber auch nicht schlimm, zu stillen. Eigentlich ist es doch egal. Hauptsache, für die Familie stimmt es.

Deine Séverine

 

PS und nein, ich möchte hier jetzt bitte keine Kommentare lesen, wie schade es ist, dass ich nicht stillen konnte und dass es geklappt hätte, wenn ich X und Y probiert hätte. Nein. Retrospektiv und mit Distanz betrachtet ist es gut so, wie es ist. Meinen Kindern geht es gut. Stillen ist nicht das Zentrum des Mutter-Seins. Und das sollten auch die Neumütter hören.

 

PPS Wie verzweifelt ich 2014 nach der Geburt meines Sohnes war, als ich nicht stillen konnte, lest ihr hier.

Ich freue mich, wenn Du den Beitrag teilst:

11 Gedanken zu „Stillen ja oder nein? – nicht die Frage aller Fragen

  1. Liebe Séverine, ich freue mich für Dich, dass Du Euren RICHTIGEN Weg gefunden hast. Darum geht es doch: dass man als Mutter den passenden Weg findet, damit es der Familie gut geht. Daher: Chapeau! Und im Endeffekt geht es genau darum: um etwas Persönliches, Privates. Natürlich bekommt die Umwelt das mit – jedoch hat sowohl das Stillen (egal, wie lange) als auch das Fläschen geben ein Recht auf Unkommentiertheit! Es ist nämlich beides richtig – für den einen das eine, für den anderen das andere! Wenn man beides einfach (hahahahaaaa, einfach… hahahahahahaaaaa) akzeptieren würde, dann würde es ALLEN Müttern besser gehen mit dem Thema.
    Alles Liebe schickt Dir schnuppismama Kira <3

    1. Liebe Kira
      ja, genau darum geht es mir: es ist beides richtig und keiner muss sich schlecht fühlen – auch nicht die Mutter, die mehr als 6 Monate stillt! Aber auch die müssen sich dann anhören, dass das jetzt aber echt schon lange ist und man doch bitte aufhören soll damit. WTF?! Wir sollen aufhören, uns alle gegenseitig unter Druck zu setzen.
      Ich war ganz erstaunt, als ich meinen Beitrag von 2014 las und wie VERBISSEN ich war, stillen zu wollen. Kunststück, hatte ich zu wenig Milch /o\. Aber heute bin ich im Reinen damit. Und das finde ich eine wichtige Message für Neumütter.
      Alles Liebe, Séverine

  2. Ich wollte UNBEDINGT stillen, hatte aber tatsächlich zu wenig Milch und es wurde schon im KH (!) zugefüttert. 4 Monate lang gab es Brust und Flasche, dann war es vorbei – und ich traurig. Beim zweiten Kind sollte alles anders sein, ein besserer Start und überhaupt, mit Bockshornklee, Malzbier und tonnenweise milchbildendem Tee saß ich im wochenbett und dieses Kind war einfach nur immer hungrig. Es schrie, wann immer es wach war. Retrospektiv weiß ich – es hatte einfach Hunger und ich trotz aller „Maßnahmen“ zu wenig Milch. Beim Dritten gehe ich die Sache jetzt tiefenentspannt an: was ist, ist und was nicht ist, ist nicht. Ich sehe das genau wie du.

  3. Ich mag jetzt nicht auf meine Stillgeschichte eingehen, sie ist eine andere und wer sich dafür interessiert, kann auf meinem Blog nachlesen gehen. Stichwort Zwiemilchernährung – es gibt nicht nur entweder-oder!
    Was mir bei dem Thema einfach immer wieder auffällt ist, wie allein die Frauen mit diese Thema und den Entscheidungen sind. Gefühlter oder realer Druck von allen Seiten, aber keine kompetente Unterstützung.
    Deshalb möchte ich einfach an dieser Stelle nochmal darauf hinweisen, dass wir in der Schweiz von der Krankenkasse bezahlt 3 Sitzungen mit einer qualifizerten Laktationsberaterin zugute haben. Die kennen sich nicht nur mit Stillen aus, sondern können ggf. auch beim schmerz- und traumafreien Abstillen behilflich sein.

  4. Ich gebe Dir völlig recht. Ich konnte aus verschiedenen Gründen nicht stillen (musste nach den ersten Versuchen auf Flasche umstellen). Anfangs hatte ich Schuldgefühle, weil man von überall hört das Stillen das Non Plus Ultra wäre. Ich sage im nachhinein das das nicht immer stimmt. Unsere Tochter ist fit, auch mit Flasche :-).

      1. Ja das stimmt. Hätte ich gleich auf mein Gefühl gehört, hätte ich viele Tränen bei meiner Tochter (weil nichts raus kam aus der Brust) und bei mir vermeiden können. Liebe Grüße, Nicole.

  5. Der Beitrag spricht mir sooo aus der Seele. Madame 1.0 habe ich nicht gestillt – Frühchen, außerdem war ein Rheumaschub nach der Geburt wahrscheinlich, weshalb ich schlicht Angst wegen drohender Medikation etc. hatte. Und wie oft habe ich, wenn ich von Madames Start auf der Neointensiv erzählte, gehört: „Ja, konntest du dann WENIGSTENS stillen?“

    Ähm, die leidige Still-Frage war damals ehrlich gesagt mein geringstes Problem! Viel wichtiger war, dass wir eine tolle Klinik hatten, superliebe Schwestern und Ärzte, die Möglichkeit, 24 Stunden zu unserer Tochter zu können, bis nachts um 23 Uhr auf der Känguruh-Liege mit ihr zu kuscheln – das war für mich und uns essentiell. Und heute, mit 2,5 Jahren, kräht kein Hahn mehr danach, ob ich unser topfittes und super entwickeltes Mädchen gestillt habe. Bei Madame 2.0, die in sechs Wochen kommt, werde ich es probieren. Und wenn es nicht klappt, dann ist es eben so. Vielleicht probiere ich es auch nicht, sondern starte gleich mit der Flasche – nichts ist in Stein gemeißelt.

    1. Das glaube ich, dass die Stillfrage da sekundär war. Toll, dass Dein Mädchen topfit ist und ihr den schweren Start gut überwunden habt <33. Die Kinder stecken ja zum Glück so vieles so gut weg, wo wir „alten“ nur noch ächzen. ich wünsche Dir von Herzen eine wunderbare Geburt und alles Gute für die Zukunft!

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