Die Wohnung im dritten Stock – die Vereinbarkeitslüge

Vor ein paar Monaten habe ich bei einem Schreibwettbewerb mitgemacht, das Thema war „Zuhause“. Leider habe ich nicht gewonnen, aber ich mag die Geschichte nach wie vor sehr: Beim erneuten Lesen heute habe ich gemerkt, wie politisch sie eigentlich ist, denn es geht auch um Vereinbarkeit.


Kathrin La Costa hatte ihren himmelblauen Renault vor dem Gebäude geparkt und blickte die Treppe zum Eingang des Wohnhauses hinauf. Zwölf Stockwerke, und ihre eigene Wohnung befand sich auf der dritten Etage. Das Haus war grau und klobig, wie ein überdimensionierter Würfel, der vom Himmel gefallen war. Im dritten Stock, ihrem Stock, waren Blumen auf dem Balkon zu sehen. Geranien. Kathrin hasste Geranien. Der Motor lief, als wollte sie gleich wieder weiter fahren. Dabei wohnte sie doch in diesem Haus, Gellertallee 27. Kathrin zögerte. Die Geranien befanden sich auf ihrem Balkon.

Die Vorhänge waren zugezogen, obwohl sie es am liebsten mochte, wenn sie aus den Fenstern ihrer Wohnung die Weite des Himmels sehen konnte. Vorhanglos. Sie schüttelte den Kopf. Sie musste vergessen haben, die Fenster zu öffnen, als sie das Haus verlassen hatte. Sie liebte es, nächtelang in ihrem Arbeitszimmer zu sitzen und weintrinkend zu schreiben über das Leben und die Liebe. Sie hustete.

Da, war da nicht jemand am Fenster? Angestrengt hob sie die Augen gegen die Sonne. Es war gut möglich, dass sie sich täuschte. Aber ihr Gefühl sagte ihr, dass jemand in ihrer Wohnung, ihrem Zuhause war. Und ihr Gefühl trügte sie nie. Langsam drehte sie am Zündschlüssel und stellte nun doch den Motor des Autos ab. Sie stieg aus und streckte die Arme hinter den Kopf. Wann war denn der Spielplatz erneuert worden? Sie knallte die Autotür zu. Ohne weiter darüber nachzudenken, ging sie die Stufen zum Gebäude hoch. Sie wollte nur noch ins Bett.

Die Eingangstür war offen. Da konnte ja jeder rein! Wie oft sie sich schon darüber geärgert hatte! Im Lift drückte sie auf die altbekannte 3. Sie stieg aus und drehte sich nach links. Dort war die Tür zu ihrer Wohnung. Sie holte tief Luft – und klingelte.

Angestrengt lauschte sie auf eine Reaktion von innen, und tatsächlich wurde mit einem unvermittelten Ruck die Tür aufgerissen, so dass Kathrin erschrocken einen Satz nach hinten machte.

Der Mann sagte nichts, er schaute Kathrin nur fragend an und wartete auf eine Erklärung. Überlegte er, ob sie ihm den „Schutzturm“ andrehen wollte, oder aber eine Versicherung, einen Staubsauger? Er mochte kaum 25 Jahre alt sein.

Sie räusperte sich, sagte: „Ich habe früher hier gewohnt.“

Es hörte sich gut an.

„Ich habe früher hier gewohnt, als ich noch studiert habe. Studieren Sie?“, sagte sie nun laut.

Vielleicht ein bisschen zu laut, es hallte im Flur.

Der Mann sagte immer noch nichts. Jetzt sah sie, dass er eine qualmende Zigarette zwischen den Fingern hatte. Auch sie hatte früher geraucht. Er musterte sie mit hochgezogener Augenbraue.

„Darf ich eine Zigarette von Dir haben?“ Unverhohlen schaute sie ihm direkt in die Augen; er fing an zu grinsen.

„Du kannst meine Zigaretten haben – gegen einen Kuss.“

Kathrin antwortete nicht. Sie hätte seine Mutter sein können. Bedächtig nahm sie ein Haargummi ihrer Tochter aus der Jackentasche und band sich die grau durchzogenen, langen, schwarzen Haare zusammen. Dann näherte sie sich wieder ihrem Gegenüber, neigte den Kopf dem seinen zu und legte ihre Lippen wortlos auf die seinen, die der Berührung verdattert nachgaben. Sie schlängelte sich in seinen Mund. Er schmeckte nach Rauch und Leidenschaft. Seine Lippen waren weich, nicht so trocken und rissig wie ihre eigenen. Das war fremd und schön zugleich.

Der Mann legte die Arme um ihre Hüfte und packte sie an ihrem Po. Sie spürte seine Erektion im selben Moment. Wie jung er doch war! „Ich weiss nicht, was Du hier zu suchen hast und was das soll, aber Du kannst gerne mit in meine Wohnung kommen.“

„Meine!“, flüsterte Kathrin, während sie dem Fremden atemlos in die Wohnung folgte. Der Schlüssel steckte, und sie schloss die Tür hinter ihnen ab.

Endlich! Sie war wieder zuhause. Ihre Küche war renoviert worden, das sah sie auf einen Blick. Begierig zog sie an der Zigarette, die der Fremde für sie angezündet hatte. Zu ihrer Studentenzeit hatte sie alles von Hand abwaschen müssen. Jetzt war da deutlich ein Geschirrspüler in der Küchenkombination erkennbar, aber die Teller und Pfannen, Gläser und leeren Flaschen stapelten sich überall auf den Ablageflächen. Angeekelt wandte sie sich ab und drückte die Zigarette in einem Aschenbecher aus. „Warum hast Du Geranien auf meinem Balkon?“, fragte sie, um sich abzulenken. Er zuckte mit den Schultern. „Meine Mutter hat die angepflanzt, als sie zu Besuch war. Ich hab’s nicht so mit Pflanzen. Nur mit Gras.“ Er kratzte sich grinsend am Hinterkopf. „Wollen wir jetzt weitermachen?“

„Weitermachen? Womit?“ Konsterniert schaute Kathrin ihn an.

„Na, Du hast mich geküsst und so. Soll ich Dir zeigen, wo mein Bett ist?“

Sie ignorierte, was er gerade gesagt hatte. „Kann ich einen Kaffee haben?“, fragte sie ihn stattdessen. Er blies ihr den Rauch seiner Zigarette ins Gesicht, bevor er sie ebenfalls im Aschenbecher ausdrückte. „Na klar, warte.“ Vor der Kaffeemaschine hantierte er herum. Kathrin schlenderte ins Wohnzimmer. Hier hatte sie viel Zeit verbracht, damals. Sie musste lachen, als ihr einfiel, wie eine Bekannte hier plötzlich nackt vor ihr gestanden hatte mit den Worten: „Liebe mich!“ Kathrin hatte sie nicht geliebt. „Wohnst Du alleine hier?“, rief sie in Richtung der Küche. „Ja. Ich arbeite hier in der Nähe. Möchtest Du Zucker und Milch in Deinen Kaffee?“

Hier an der Wand hatte sie alle ihre Orchideen auf unterschiedlichen Emporen aufgestellt und einzeln mit Sprühwasser gepflegt. Das war ihre Oase gewesen. Jetzt war die Wand leer. Und sie wirkte irgendwie… gelb? War das früher schon so gewesen, als sie selbst noch geraucht hatte? Hier musste unbedingt gestrichen werden. Nachdenklich drehte sich Kathrin um und ging ins Schlafzimmer. Ihres war hell und aufgeräumt gewesen. Ein grosses Bett, ein Schrank. Jetzt befanden sich neben und unter dem Futonbett überall Wäscheberge auf dem Boden. Und benutzte Taschentücher. Sie drehte sich schnell weg. Was hatte er nur mit ihrem Zuhause gemacht. „Ich trinke ihn schwarz bitte“, sagte sie und lief ins nächste Zimmer – ihrem Arbeitszimmer, wo sie stundenlang Seminararbeiten geschrieben hatte. Hier hatte sie gedichtet und gelesen, recherchiert und – Minesweeper am Computer gespielt. Damals, als es noch keine Smartphones gab und auch kein Netflix. Was hatte sie alles gelesen und geschrieben in ihrem Zuhause. Das Zuhause, das ihr ganz alleine gehört hatte. Jetzt stand da ein überdimensionaler Fernseher mit Spielekonsolen. Der Boden war entlang den Wänden mit Kabeln überdeckt, zwischen denen Wollmäuse wie Strohballen auf einem Feld herumlagen.

„Ich bin nie allein. Früher war ich einsam und konnte viel Zeit mit mir selber verbringen. Ich hatte Platz in meinem Kopf. Aber heute bin ich nie alleine. Meine Gedanken gehören mir nicht. Sie haben kein Zuhause mehr. Verstehst Du, was ich meine?“ Kathrin ging zurück in die Küche zum Mieter ihrer Wohnung. Er reichte ihr eine Tasse Kaffee. „Nein, nicht so ganz. Wollen wir jetzt zum Bett rüber gehen?“ Er streichelte ihr über den Arm. Sie trank Kaffee.

„Ich habe Karriere gemacht, verdiene gutes Geld. Ich habe drei Kinder. Mein Mann arbeitet auch. Wenn ich nicht im Büro bin, kümmere ich mich um den Haushalt, die Kinder. Arzttermine für vier Personen quetsche ich in meine Agenda rein. Ich arbeite dann jede Nacht bis Mitternacht und länger. Den ganzen Tag renne ich der Zeit hinterher und kann sie doch nie einfangen. Ich bin müde, so müde. So viel Arbeit ist zu tun. Mein Kopf kennt keine Pause. Es ist zu voll da drin.“
„Dann hör doch einfach auf zu arbeiten.“ Er küsste ihren Nacken. „Wenn Dein Mann arbeitet, kannst Du ja zuhause bleiben.“

„DAS WAR NICHT DER DEAL!“ Kathrin brüllte unvermittelt, und der Mann zuckte perplex zusammen. „Ich habe nicht studiert und mir eine Firma aufgebaut, um dann zuhause zu bleiben! Warum ist es in unserem Land nicht möglich, dass auch – oder sogar nur! – die Frau Karriere macht, ohne zugleich noch die ganze Familie managen zu müssen? Kann nur ich mich um die Familie kümmern? Gleichzeitig zum Job?! Das kann doch nicht euer Ernst sein!“ Wütend nahm sie ihm seinen Kaffee aus der Hand. „Geh schon mal ins Schlafzimmer rüber, ich komme nach.“

Er lachte erleichtert auf. War er beklemmt? „So gefällst Du mir viel besser.“ War da Unsicherheit in seiner Stimme? Mit einem vorsichtigen Blick überreichte er ihr seine Tasse und ging langsam in das andere Zimmer. Sie hörte das Futonbett knarren.

Kathrin dachte nach. Wo hatte sie ihre Gedanken gelassen? Ihre Gedanken brauchten ein Zuhause, ein Refugium. Sie brauchte endlich wieder Stille in ihrem Leben. Die Jungs und ihre Tochter waren aber zu jedem Zeitpunkt in ihrem Kopf, „Mamaaaa“ war zum Ohrwurm ihres Lebens geworden, zu ihrem persönlichen Tinnitus. Alle verliessen sich auf sie. Sie, die perfekte Schweizer Uhr. Immer funktionstüchtig, zu allem bereit. Sie vermisste die alte Kathrin, die nachts sturzbetrunken nachhause torkelte und niemandem Rechenschaft ablegen musste. Nachhause.

Als sie vor dem jungen Mann stand, lag er bereits im Bett. Er war nackt und zeigte stolz seinen jungen Körper. „Hier, Dein Kaffee.“ Sie reichte ihm seine Tasse und er trank noch einen Schluck, während er ihr dabei zusah, wie sie sich auszog. Drei Kinder hatten Spuren auf ihrem Körper hinterlassen, doch Kathrin schämte sich nicht. Sie hatte geboren. Ihr Körper war das zuhause von drei Menschen gewesen. Zuhause. Da war es wieder, das Wort, das so salzig in ihrem Mund klebte. Wo war ihr Zuhause? Er betrachtete sie. „Du bist eine richtige Frau“, sagte er bewundernd. Kathrin entgegnete nichts, sondern legte sich an seine Seite.

Er trank seinen Kaffee zu Ende.

„Als ich noch jung war, so jung wie Du, stand mir die Welt offen. Und ich habe tatsächlich alles erreicht, was ich wollte: Ehemann, Kinder, Haus, Karriere. Sogar eine Katze und ein Meerschweinchen haben wir. Und selbst die machen Lärm! Aber was ich nicht mehr habe, bin ich selber. Danke, dass Du mir Deine Wohnung überlässt.“

„Überlassen? Wie meinst Du das?“ Seine Stimme klang schläfrig.

Sie entspannte sich langsam. „Alles, was ich will, ist ein Rückzugsort für mich. Stille! Frauen dürfen heute Karriere machen, solange sie auch für alles andere zuständig sind. Sie dürfen arbeiten, aber nur, solange sie auch genügend Zeit mit den Kindern verbringen und Kindergartenfeste besuchen, Kuchen backen und Bastelhöllen bereitwillig über sich ergehen lassen. Weil – es sind ja Mütter. Gleichzeitig führen Frauen Unternehmen, haben Mitarbeiter, die sich wie Kinder benehmen. Chefin ich will dies, Chefin ich will das.‘ Mein eigener Kopf platzt fast vor Lärm in meinem Leben.“ Kathrin flüsterte.

„Spürst Du schon die K.o.-Tropfen, die ich Dir in den Kaffee getan habe? Du wirst ganz wunderbar schlafen und Dich danach an nichts erinnern, das verspreche ich Dir.“

Sie bekam keine Antwort. Also stand sie auf und zog sich langsam wieder an. Mit einem entschlossenen Ruck öffnete sie die Vorhänge im Schlafzimmer, so dass der Raum in gleissendes Sonnenlicht getaucht wurde. Der junge Mann lag ausgestreckt auf dem Bett und tat keinen Mucks. Endlich. Sie schlenderte ins Wohnzimmer, wo sie ebenfalls die Vorhänge und dann auch die Fenster öffnete. Draussen war kein Vögelchen zu hören. Endlich hatte sie ihr Zuhause zurückerobert. Diese Stille! Vielleicht musste sie den Mieter doch noch umbringen, um länger hier bleiben zu können. Zunächst aber mussten diese Geranien von ihrem Balkon.

 

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