Un-Vereinbarkeit

Verrückt. Den letzten Blogpost hatte ich mir in einer halben Stunde von der Seele geschrieben. Es war eine Randnotiz für mich. Einfach um festzuhalten: Hallo, ich arbeite da grad an was in mir. Das Echo darauf aber war enorm. Ich bekam viele Mails und Anrufe von besorgten Freunden, der Familie, Arbeitskollegen, Bloggern und Lesern. In so Momenten fühlt man sich als gläserner Blogger und sehr verwundbar, weil man sich entblösst hat, obwohl man doch eigentlich nur für sich selbst und eine anonyme Masse geschrieben hat, so merkwürdig das jetzt auch klingt. Auf der anderen Seite tut es gut zu wissen, dass man gesehen wird, dass da Leute sind, denen ich wichtig bin.

Entwarnung: Ich liege nicht am Boden

Ich bin ok. Ich bin mir einfach bewusst, dass da jetzt ein Moment in meinem Leben ist, an dem ich gut aufpassen muss, wie es weitergehen soll. Ich hatte mit 22 ein Burn-out und habe mir geschworen, das nie wieder zu erleben. Und darauf achte ich. Es ist mein Versprechen an mich selbst seit 20 Jahren.

Und damit es nicht so weit kommt und ich wirklich zusammenbreche, organisiere ich mich um.
Ich MUSS mich umorganisieren. Aktuell mache ich morgens alleine beide Kinder für Schule und Kita fertig. LadyGaga geht um 7.50 Uhr in die Schule, danach fahre ich Copperfield in die Kita. Ich fahre zurück nachhause und beginne DANN zu arbeiten. Wenn nicht irgendein Termin ausser Haus ansteht. Gegen Abend gehe ich einkaufen, hole die Kinder ab, bereite Abendbrot vor. Wir essen, diskutieren, spielen. Ich räume auf. Gegen 20 Uhr kommt mein Mann nachhause. Dies geht jetzt seit einem Jahr so, seit er einen neuen Job angenommen hat. Vorher war es anders, wir teilten uns die Aufgaben. Aber seine jetzige Pendelei geht uns beiden an die Substanz.

 

(c) Fotolia

Meine Ärztin sagte gestern zu mir: «UN-Vereinbarkeit ist Ihr Problem!» Das Wort gefällt mir. Es demaskiert dieses Bon-mot VEREINBARKEIT, die es so in der Schweiz einfach nicht gibt. Ein Rollenmodell, in dem Frauen Karriere und Kinder gleichzeitig haben, ist einfach nicht vorgesehen. Jede bekannte Erfolgsgeschichte hierzu ist ein Einzelfall, eine Frau, die eisern ihren Weg geht und dabei oftmals selber auf der Strecke bleibt. „Karrieremutter“ ist ja auch eher ein Schimpfwort. Ich trage den Titel dennoch mit Stolz.

Ich bin politisch.

Ich habe vor kurzem geschrieben, Schweizer Blogger seien anders als in Deutschland nicht politisch. Ich war im Unrecht. Das wurde mir bewusst, als Sarah Gabi Schönenberger, SP-Grossrätin des Kantons Bern, meinen letzten Blogpost retweetete. Ich hätte das nie gedacht bzw. habe das bisher nie so gesehen, aber: Ja, ich bin politisch mit meinem Blog.

Ich bin eine gut ausgebildete, 41-jährige Frau mit grosser beruflicher Erfahrung. Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder, ein Haus, ein eigenes Auto. Direkt nach der Geburt meines zweiten Kindes habe ich mich selbständig gemacht. Ein Kraftakt! Mein Mann ist in einer Firma angestellt als Wirtschaftsinformatiker. In der Informatik sind Teilzeitstellen Mangelware. Er kann nicht reduzieren. Ich will nicht reduzieren. Wir sind auf zwei Einkommen angewiesen. Also brauchen wir eine Kinderbetreuung, denn wer schaut zu den Kindern, wenn wir arbeiten?

Und jetzt kommt die Rechnung dazu:

Für 2 x Mittagstisch und 1x Betreuung von 16-18 Uhr bezahlen wir für unsere Tochter CHF 237 im Monat. Für 2 x einen ganzen Tag und 2 x einen halben Tag Kita bezahlen wir für unseren Sohn CHF 1‘366 im Monat. Das macht also 1600 Franken im Monat alleine für die Kinderbetreuung. Dazu kommen noch Versicherungen, Krankenkasse, Hypothek, Lebensunterhalt etc.

In welcher Durchschnittsfamilie in der Schweiz lohnt es sich finanziell, dass die Frau nach dem Kinderkriegen wieder arbeiten geht, während die Kinder betreut werden?! Und: UN-Vereinbarkeit betrifft auch den Mann. Nebst der Vaterschaftsurlaubsdiskussion in der Schweiz… warum gibt es zum Beispiel so wenige Teilzeitstellen für Männer in der Informatik?! Warum wird man als Mann oftmals stigmatisiert, wenn man weniger als 100% arbeiten will?!

Konkrete Massnahmen – an den ersten Schrauben wird bei uns gedreht

Doch ich schweife ab. Eigentlich wollte ich ja erzählen, was sich in den letzten Tagen getan hat in meinem Kopf. Die vielen Gespräche mit besorgten Lesern haben mich auf ein paar Ideen gebracht, wie ich meine momentane Situation durchbrechen kann und wieder mehr Ruhe finde.

Hier die konkreten Vorsätze:

  • Unser neuer Babysitter kann mir bei Engpässen auch mal gegen Abend helfen, z.B. in der heissen Phase von 17-20 Uhr. Dann könnte ich in dieser Zeit auch einmal ins Fitnesscenter gehen, obwohl mein Mann noch nicht zuhause ist.
  • Ab August ist Copperfield ein Vorschulkind und verlässt zusammen mit seiner Schwester um 7.50 Uhr das Haus. Ich kann also eine halbe Stunde früher als jetzt mit der Arbeit beginnen und bin vor allem weniger Matsch im Hirn. So zumindest die Idee. Mal schauen, was die Kinder für mich bereit haben…
  • Ab August sparen wir CHF 800 an Kinderbetreuungsgeld, da Copperfield eingeschult wird und ich dann während der Schulzeit arbeite. Vielleicht finde ich für dieses Geld jemanden, der mich im Haushalt unterstützt?
  • Meine Schwiegermutter hat zudem angeboten, mir einmal die Woche ebenfalls mit dem Haushalt/Alltag zu helfen, was ich total lieb von ihr finde. Danke!
  • Ich lasse mich coachen, um meine Belastungsgrenzen wieder sauber zu ziehen.

Es braucht ein Dorf ein ganzes Land, um eine berufstätige Mutter zu unterstützen. Ach ne, das Sprichwort ging irgendwie anders.

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5 Gedanken zu „Un-Vereinbarkeit

  1. Und wir in D jammern über die Betreuungskosten. 1600 ChF sind ja hier nochmal mindestens ein halbes Gehalt(Netto), für manche auch ein Ganzes! Ist das bei Euch auch Gehaltsabhängig, oder kommt es auf die Betreuung an?

    LG Silke

    1. Liebe Silke, das ist bei uns von Kanton zu Kanton und von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Es gibt kein staatliches System. Die Schere Gehaltsabhängig/Höchsttarif ist aber so tief gesetzt, dass dieses „gehaltsabhängig“ nur zieht, wenn du wirklich ganz wenig verdienst – dann ist der zu bezahlende Betrag verringert. Das ist gut wenn Du zum Beispiel alleinerziehend bist (Nehme ich an). Als Zweiverdienerfamilie bist Du aber sofort Mittelklasse und bezahlst den Höchsttarif. Ich finde das nicht ok, denn auch für uns ist das viel Geld. Mehr Betreuung als wie bis anhin könnte ich mir nicht leisten, obwohl ich es brauchen würde!

  2. Deinen Umgang damit finde ich super. Du wirkst auf mich sehr stark!
    Wir haben hier für zwei Kinder Betreuungskosten von 1100€ monatlich. Das finde ich auch happig. Da ich Teilzeit arbeite, verdiene ich leider sogar weniger, als die Betreuung kostet. Das wird sich aber bessern, wenn unser jüngstes Kind 3 Jahre wird, dann zahlen wir „nur“ noch 800€ monatlich.
    Aber in Sachen Vereinbarkeit kann ich mich wirklich nicht beschweren. Ich fühle mich zwar oft ausgebrannt, vor allem aufgrund der 24/7 Verantwortung, aber mein Mann unterstützt mich sehr, ich arbeite nur wenig und wir haben uns ein Netzwerk in der Nachbarschaft aufgebaut und helfen uns gegenseitig mit den Kindern.
    Viele Grüße, Verena

  3. Das ist echt krass zu sehen, wie unterschiedlich das in (gar nicht sooo weit voneinander entfernten) unterschiedlichen Regionen der Schweiz ist. Hier in der Basler Region arbeiten sehr viele Männer Teilzeit, andersrum kenne ich fast keine Mutter, die nicht arbeitet. Klar, die Betreuungskosten sind happig, aber erstens brauchen die Kinder diese bezahlte Rundumbetreuung ja nicht soooooo lang (ab KiGa und spätestens Schule relativiert sich das dann ja doch deutlich), und zweitens finde ich die Aufrechnung „das lohnt sich ja nicht“ gegen das Gehalt echt fatal, da der (hart erarbeitete, keine Frage) Fuss in der Tür es später ermöglicht, eben wieder aufzudrehen und voll Gas zu geben. Wie will man das machen, wenn man wegen „lohnt nicht!“ stattdessen jahrelang keine Berufserfahrung hat?
    Ich hoffe, ihr findet einen Weg, dass sich die Situation bei Euch bessert. Sag Deinem Mann einen Gruss, mein Arbeitgeber hat eine sehr grosse IT-Abteilung und lebt „great place to work“ :-). Auch für Männer.

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