I’m not your secretary

Anfang Jahr sah ich in der Pendlerzeitung 20 Minuten ein Stelleninserat, bei dem mir die Schamesröte ins Gesicht stieg. Vielleicht war es aber auch nur die Fassungslosigkeit, die zu einem Blutrausch führte. Ich muss das Inserat hier für sich wirken lassen:

Ich übersetze mal: Die Frau wird nur zu 50% bezahlt. Da sie aber den Chef an Anlässe begleiten muss, arbeitet sie die anderen 50% gratis. Sie muss ihm einer Mutter gleich alles hinterhertragen und ist eine devote Ja-Sagerin. Sie sollte auf BDSM-Spiele stehen, wobei sie die Rollen auch mal switchen darf. Arbeitstechnisch kann sie ALLES und ist eine eierlegende Wollmilchsau. Aber ganz wichtig, sie ist eine rassige Autofahrerin. Wie soll sie sonst das ganze Pensum in 50% schaffen?! Sie muss jung sein, kinder- und partnerlos, hübsch anzusehen und mit guter Kleiderwahl (bei 50% Lohn ja kein Problem). Und das Beste: Alle Arbeiten muss sie LIEBEVOLL ausführen, sie sorgt für WOHLERGEHEN beim Chef. Das Ganze kann sie sich gut bezahlen lassen, denn es soll ja eine WIN-WIN-Situation sein.

Ich weiss ehrlich gesagt gar nicht so genau, was ich dazu bloggen soll. Vielleicht will ich einfach nur aufmerksam machen auf diesen singulären Griff ins Klo, weil er für so vieles steht, was falsch läuft in unserem Rollenverständnis. Denn dieses Frauenbild ist mir persönlich so fremd, nein es BEFREMDET mich, und ich staune, dass es 2019 im Zuge von MeToo und ähnlicher Debatten noch so eine Stelle zu besetzen gibt. Ist das noch ein Karriereziel für junge Frauen von heute? Wer bewirbt sich auf so eine Stelle? Dakota Johnson (50 Shades of Grey)? Maggie Gyllenhaal (Secretary)? Also ich bin ja lieber selber die Chefin.

Ich habe vor kurzem ein Buch gelesen, das thematisch hierzu passt: «Frauen und Macht» (kein Affiliate-Link), ein Manifest von Mary Beard. Eindrücklich und kurzweilig deckt sie auf, wie in der Antike die öffentliche Rede Sache der Männer war. Frauen hatten zu schweigen. In Ovids Metamorphosen zum Beispiel, die ich während des Studiums allesamt gelesen habe, werden Frauen im Zuge ihrer Verwandlung zum Schweigen gebracht. Die geschwätzige Nymphe Echo, die sich in Narziss verliebt, wird bestraft: Ihre Stimme ist nur noch ein Instrument, um die Worte anderer zu wiederholen. Sie verliert somit die Kontrolle über die eigene Stimme. Narziss hingegen, die coole Socke, darf als erster Narzisst der Welt fröhlich weiterhin sein eigenes Spiegelbild im Wasser anhimmeln… O tempora o mores!

Dies ist nur ein Beispiel unter vielen. Unsere abendländische Kultur, unsere Traditionen basieren aber in grossen Teilen auf der antiken Welt. Frauen in der Antike war es nur erlaubt, ihre eigenen Interessen zu vertreten (wenn überhaupt) oder ihren Opferstatus zur Schau zu stellen. Zu anderen Themen hatten sie zu schweigen.

Frauen, die dennoch das Wort ergreifen, gelten heute noch als «Emanzen», sind «aufmüpfig» oder «dumm» und regelmässig viralen Shitstorms ausgesetzt.

Wir sind keine devoten Sekretärinnen! Wir sind keine stimmlosen Nymphen! Wir sind nicht einfach nur Mütter, sondern auch Geschäftsfrauen, Unternehmerinnen, Organisatorinnen, Denkerinnen, Macherinnen! Wir haben das Recht auf eine eigene Rede, egal zu welchem Thema. Steckt euch also solche Scheiss-Stelleninserate sonst wohin!!! Bitte gerne.

(c) Adobe Stock
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5 thoughts on “I’m not your secretary

  1. Einfach gruselig.. willkommen in den 50ern. Nun ja, mir ist schon klar, dass in den meisten Männerköpfen genau dieses Frauenbild vorherrscht (leider auch in vielen Frauenköpfen dem entsprechen zu müssen). Und dennoch werden viele junge Frauen eine Bewerbung losschicken in der Hoffnung irgendwann nicht mehr im bezahlten Arbeitsverhältnis zu stehen sondern dies alles gratis mit Ring am Finger machen zu dürfen. Welch Karrieresprung. Je älter ich werde, desto mehr ist es mir ein Gräuel dies ansehen zu müssen. Ich war schon immer sehr selbstständig und dachte früher immer Männer und Frauen wären gleichgestellt und hätten dieselben Rechte und Pflichten UND Chancen. Wie naiv ich doch war, denn irgendwann stellst Du fest, dass Du als Frau entweder jung, hübsch und still bist oder einfach unsichtbar, nervig oder uninteressant. Vor allem hier in Italien ist es noch extremer im Vergleich zu Deutschland (Schweiz kann ich nicht sagen), wo doch meine Altersgenossinnen eher gleichgestellt sind, bzw. ich nie so einen Unterschied empfunden habe. Seit einer Weile schon denke ich, dass doch wir als Ü40 Frauengeneration ein Umdenken herbeiführen müssten. Was wäre wenn wir anfangen würden Männer hemmungslos anzuflirten und dann sagen, stell Dich doch nicht so an, ist nur Spass. Oder ebensolche herabwürdigenden Stellenanzeigen schreiben, oder einfach Kommentare von Männern ignorieren und uns nur an Frauen wenden („Die sind Kompetenter!“). Nun es würde wohl dauern, aber vielleicht irgendwann, würden sie es kapieren, oder auch nicht…
    Herzliche Grüsse
    Joanna

  2. Einfach unglaublich. Gibt es für die Anzeige eine Quellenangabe? Ich würde den Fall zu gerne in meine Trainings aufnehmen. Als Negativbeispiel natürlich.
    LG
    OKA

    1. Liebe Olga
      Leider habe ich mir das Erscheinungsdatum nicht notiert, aber das Inserat wurde in der Schweizer Pendlerzeitung „20 Minuten „publiziert, im Januar 2019.
      LG Séverine

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