Vaterschaftsurlaub in der Schweiz

Letzte Woche wurde ich in Zürich vor dem Globus an der Bahnhofstrasse von einem Mann angesprochen, der Unterschriften für ein Referendum sammelte. Ich hatte keine Zeit und ging weiter. Er rief mir hinterher, dass es um den Vaterschaftsurlaub in der Schweiz gehe. Ich wollte mich gerade umdrehen und erfreut sagen, dass ich in dem Fall auf jeden Fall unterschreibe, als er nachdoppelte: «Es geht um das Referendum gegen den Vaterschaftsurlaub. Oder wollen Sie etwa Lohneinbussen kassieren?» Ungläubig und kopfschüttelnd lief ich weiter. «Sicher nicht!», rief ich laut. «Ich bin für den Vaterschaftsurlaub und nicht dagegen.»

Vielleicht hätte ich mich auf eine Diskussion einlassen sollen. Vielleicht hätte ich meine Meinung dezidierter kundtun sollen. Vielleicht. Bestimmt. Sicher. Ich tat es nicht, sondern ging weiter und ärgerte mich masslos über die Ignoranz gewisser Mitbürger. Zuhause googelte ich zu diesem Referendum, dessen Webauftritt «Lohnabzüge Nein» heisst. Ich denke, ihr könnt euch bildlich vorstellen, wie ich gerade heftig den Kopf schüttle. Ich hoffe inständig, dass die benötigten Unterschriften nicht zusammenkommen.

Stand der Dinge des Vaterschaftsurlaubs in der Schweiz

Laut Gesetz steht den Männern in der Schweiz nach Obligationenrecht, Artikel 329, Absatz 3 aktuell gerade mal ein Tag Vaterschaftsurlaub zu – das ist weniger als bei der eigenen Hochzeit!

2019 wurde eine Volksinitiative lanciert, «Vaterschaftsurlaub jetzt». Dieser sollte vier Wochen dauern und kann bis ein Jahr nach der Geburt des Kindes flexibel bezogen und beliebig aufgeteilt werden. Das Parlament hat im Herbst 2019 einen Gegenvorschlag gutgeheissen, der zwei Wochen (10 Tage) Vaterschaftsurlaub vorsieht. Kommt das Referendum nicht zustande, tritt das neue Gesetz 2020 in Kraft und das Initiativkomitee zieht die Initiative zurück.

Warum braucht es einen Vaterschaftsurlaub in der Schweiz?

Ich finde auch zwei Wochen Vaterschaftsurlaub ein Witz. Aber es ist immerhin ein Anfang! Solange es uns nicht gelingt, die Väter von Anfang an aktiv in die Kinderbetreuung einzubauen, wird es in der Schweiz nie eine Gleichstellung oder eine echte Vereinbarkeit geben. Nur wer von Anfang an das Kind von vorne bis hinten betreut, kann den Mental Load mittragen. Wie sollen die Männer Familienmanagement betreiben, wenn sie es nie gelernt haben? Ich wusste ja auch nicht von Anfang an, wie so ein Kind funktioniert. Ich habe es gelernt, weil ich Tag für Tag für das Baby da war, verantwortlich war. Mein Mann hatte dazu gar nicht die Chance, weil er nur einen Tag Vaterschaftsurlaub hatte und selber noch eine Woche Ferien drangehängt hat. Wie soll man(n) in dieser kurzen Zeit lernen, was alles dazugehört, den Familienbetrieb am Laufen zu halten? Auch zwei Wochen sind da verdammt wenig, aber sie weisen wenigstens in die richtige Richtung.

Kinderbetreuung geht auch die Väter von Anfang an etwas an! – Photo by Mon Petit Chou Photography on Unsplash

Wenn dann aber jemand von einem Komitee kommt und sagt, die Gemeinschaft bezahle für zwei Wochen FERIEN des Vaters – sorry, der hat eben einfach nichts verstanden. Kinderbetreuung ist keine Ferienzeit und Babybetreuung schon gar nicht. Es ist auch kein 9-to-5-Job. Nein es ist eine 24/7 Arbeit. Als ich noch keine Kinder hatte, hatte ich ja keine Ahnung, wie viel Zeit in meinem Leben ich hatte. Nach der Arbeit bin ich abends nach Hause gekommen und konnte tun und lassen, was ich wollte. Ich hatte Zeit zum Nichtstun. Seit ich Kinder habe, ist mein Feierabend irgendwann zwischen 22 und 24 Uhr. An einem Arbeitstag bin ich heute schon VORHER von 6:30 bis 8:00 Uhr für die Kinderbetreuung zuständig, ich bin also schon voll am Rotieren, bevor ich um 8:00 Uhr endlich endlich arbeiten kann. Wenn ich die Kinder spätestens um 18:00 Uhr wieder sehe, habe ich keinen Feierabend, sondern wiederum volles Programm. Ein Feierabend ist nicht absehbar. Ich will mich ja nicht beklagen, ich habe mir das ja selber so ausgesucht und liebe meine Kinder sehr. Aber das dann andere behaupten, das wären FERIEN oder eben FEIERABEND, regt mich schon auf. Als ich früher noch angestellt war und nicht selbstständig, war es extrem nervig, wenn der Chef mir süffisant einen schönen Feierabend wünschte, weil ich immer pünktlich um 17:00 Uhr gehen musste, um meine Tochter in der Kita abzuholen. Feierabend my ass.

Nochmal: Für sein Kind/Baby zu sorgen, ist keine Ferienzeit. Es ist Arbeit. Arbeit, die man sich ausgesucht hat, keine Frage. Aber dennoch sind es keine Ferien, sondern eben Care Arbeit.

Männer in der Schweiz gehen ins Militär und der Staat und der Arbeitgeber bezahlen ohne mit der Wimper zu zucken für den Lohnausfall während des WKs, aber wegen zwei Wochen Vaterschaftsurlaub kriegen alle die Krise. Ich verstehe das einfach nicht. Leute, wacht auf! Ob es euch passt oder nicht: Die Kinder sichern auch eure Zukunft – selbst wenn ihr keine eigenen Kinder habt. Es braucht Kinder in unserer Welt. Frauen werden in Zukunft zudem noch mehr arbeiten müssen, denn unsere Wirtschaft ist auf das Know-how der Frauen angewiesen. Und damit das funktioniert, muss die Kinderbetreuung einfach besser aufgeteilt werden. Das geht nur, indem sich im Kopf der Männer etwas ändert, weil sie eben von Anfang an viel mehr in die Kinderbetreuung involviert sind. Get over it.

 

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4 thoughts on “Vaterschaftsurlaub in der Schweiz

  1. Ist in Italien genau so. 1 lächerlicher Tag fürs Kind, 14Tage für die Hochzeit und 3 Tage Trauerfall.
    Aber auch Frauen bekommen nur 5 Monate (2 vor der Geburt, 3 danach mit 80% des Lohns).
    Und ja es ist verdammt harte Arbeit und wenn man arbeitet und Kinder grosszieht und mit ansehen muss, wie Männern weiterhin gezeigt wird, dass alles Aufgabe der Frau ist und der Mann natürlich sein Recht auf Feierabend hat, dann ändert sich nie was.
    Liebe Grüsse Joanna

  2. Alleine die Bezeichnung VaterschaftsURLAUB ist schon bescheuert. Was daran ist Urlaub?
    Die gegen diese so wichtige Zeit eines Vaters (zwei Wochen sind ein Witz) demonstrieren, demonstrieren sicher auch gegen schlechte Bedingungen in der Pflege? Weil Arbeitskräfte fehlen?
    Zum Kotzen.
    Ich dachte in Deutschland seien die Zustände schwierig. Aber in der Schweiz herrscht diesbezüglich anscheinend Mittelalter.
    Ich frage mich, wann Mensch lernt, daß Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit wichtiger sind als Geld???
    Danke für den wichtigen Beitrag!

  3. Diesbezüglich habe ich manchmal das Gefühl, die Leute sollten mal hoch in Norden gehen. Solche Sachen sind schon längstens gelöst. Das ist fast wie in Mittelalter…unglaublich, hätte ich es nicht mit Dir erleben können. Danke für den Beitrag.

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