Brief an meine PR-Tante und meinen PR-Onkel im WWW

Liebe PR-Tante, lieber PR-Onkel

Kurz vor meinen Ferien möchte ich hier doch noch etwas loswerden, was mich in der «Familie» nervt, so von Nichte zu Tante und Nichte zu Onkel sozusagen.


Ich freue mich sehr, dass mein Blog Dir gefällt. Ich duze Dich übrigens, weil Du mich auch duzt. Wir sind ja verwandt, so über sieben Ecken. Aber wenn ich noch einmal von Dir lese, dass Du beim Stöbern im Netz auf meinen «tollen und informativen Blog gestossen» bist, der doch ach «so kurzweilig und hab ich schon gesagt toll?» ist, muss ich leider leider kotzen. Du verstehst das nicht?


Nun, es wurmt mich bis in die Spitzen meiner kleinen Zehen (ich meine die ganz kleinen! Die, die in den Schuhen immer stören), wenn ich von Dir so angeschrieben und um eine Kooperation angefragt werde, wenn ich dann am nächsten Tag genau jenes Produkt X, um das es Dir geht, auf meiner Blogroll auf einem anderen Blog angepriesen sehe. Oder auf zwei. Oder auf drei. Hey, Du bist Doch meine Tante oder mein Onkel und solltest wissen, dass Du bei mir mit Ehrlichkeit viel weiter kommst. Warum nicht einfach schreiben: «Hallo, das ist eine Massenmail. Aber die ersten zehn Blogger, die mitmachen, erhalten zusätzlich Goodie XY von uns geschenkt.» Meinetwegen auch 20 Blogger oder 30. Aber dann wüsste ich von Anfang an, woran ich bin und komme mir nicht als «ach so toller, einzigartiger Blog» verarscht vor.


 

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PR-Tante, PR-Onkel, wenn Du on the rocks sein willst, dann frage mich aufrichtig und exklusiv an. Mag ja sein, dass Du andere Blogger auch anfragst, das ist legitim und sinnvoll. Aber bi
tte nicht gleichzeitig!!! Denn ich will meinen Lesern exklusiven Content bieten und keinen Spam. Und das ist es, wenn es auf (fast) jedem mir bekannten Blog erscheint. Als ich kürzlich einer anderen Verwandten von Dir, PR-Oma, auf ihre Anfrage hin freundlich zurückschrieb, ich hätte mitgemacht, wenn ich denn nicht gerade auf einem anderen Blog die Promotion just ihres Produkts gesehen hätte, antwortete sie: «Ich tue es mit allen, die wollen. Ist mein Job :-(.» Ja, Oma ist schon sehr krank, es knirscht sozusagen in ihrem Getriebe.


Aber das ist noch nicht alles. Ihr beharrt auf Do-Follow-Links (seid ihr senil? Oder meint ihr, ich sei es?!?) und wollt von PR-Cousine und PR-Cousin verfasste PR-Texte bei mir platzieren. Ich sage es hier klipp und klar: Bei mir gibt es weder noch. Und apropos Vetternwirtschaft. Wie viele Anfragen habe ich schon gekriegt von entfernten (sehr entfernten!!) Verwandten von euch und mir, die ein Buch geschrieben haben und «sich gerne für ein Interview auf dem Blog zur Verfügung» stellen wollen. Wenn ich nach einem Honorar frage, kommt meist postwendend die Antwort: «Budget habe ich keines, aber ein kleines Interview liegt ja wohl sicher drin?». Ähhh…. nein?! Was keiner von euch da draussen zu verstehen scheint: So ein Blog schreibt sich nicht mit Links, da ist mein Herzblut drin – auch bei den gesponserten Artikeln! Ich habe zwei Kinder, einen Mann, ein Haus, bin selbständige Verlegerin und arbeite jeweils bis spät in die Nacht hinein. Da schreibe ich – sorry! – nicht aus Nächstenliebe mal schnell ein Interview aus der Hüfte, um einer mir unbekannten Person einen Gefallen zu machen. Früher hat man Holz gegen Wolle oder Mehl gegen Eisen getauscht. Und heute soll ich gratis schuften? Den Feudalismus haben wir schon lange abgeschafft!

Ganz merkwürdig finde ich es aber auch, wenn ein Portal XY mich anfragt, einen Blogpost, der ihnen gefallen hat, auf dem Portal anzuteasern, ich mich dann freue und geschmeichelt fühle und dann von der anderen Seite nachgeschoben wird: «Aber kannst Du dann noch auf unser Baby-Portal XY verweisen?» Mama on the rocks is not amused!

Als letztes noch eine Bitte. Es wäre fantastisch, wenn Du mir keine Phrasen-Medienmitteilungen und ähnliches mehr schicken würdest. Verstehe mich nicht falsch, Medienmitteilungen sind toll, ich nutze sie selber beruflich als Verlegerin. Aber als Bloggerin bin ich nicht Deine Zielgruppe. Weisst Du, wir drucken auf Blogs nicht einfach eine Medienmitteilung ab, warum sollten wir? Wir sind keine Zeitschrift und brauchen keine Füllertexte. Und wenn da im Mail nach einer Litanei an Bli und Bla zum Produkt nur steht: « Weitere Informationen finden Sie im angehängten Dokument. Text- und weiteres Bildmaterial stehen auch unter www.blabliblabla.comzur Verfügung. MFG» – was soll ich dann damit? Ein Kaffeekränzchen organisieren? LÖSCHEN?! Nein, eine Aufforderung wäre doch mal was: «Vielleicht interessiert das Ihre Leser, wussten Sie schon, dass…» Ihr seid Texter, lasst euch was Kreatives einfallen, ich tue es ja auch!

Nachdem das alles gesagt wurde, muss ich die Familie aber auch loben. Es gibt tatsächlich Familienmitglieder, PR-Mamas und PR-Papas sozusagen, die tolle Angebote haben, die zu mir und meinem Blog passen. Die fair sind und ehrlich, offen und herzlich. Menschlich! Die und nur die berücksichtige ich auf «Mama on the rocks». Damit ich für meine Leser – eure Zielgruppe – weiterhin authentisch sein kann. Denn nur so kann PR erfolgreich sein.

Viele Grüsse


Mama on the rocks


 

12 Gedanken zu „Brief an meine PR-Tante und meinen PR-Onkel im WWW

  1. Amen! Hoffentlich wird das gelesen.
    Mein "best of " der Freizeitpark (den dann auch durch Zufall jemand anderes von uns beworben hat), der mir schrieb, am Tollsten fänden sie meinen Urlaubsbericht aus Holland. Ich war noch nie in Holland! Ich konnte nicht mal mehr lachen… Ich werde Deinen Text als Antwort-Link ab sofort jedem Marketier schicken.
    Sonnige Grüße

  2. Super! Ich finde es immer wieder toll, wenn mein Blog als "übersichtlich gestaltet" bezeichnet wird und man fragt, ob man "einen Text platzieren" dürfe. Wie bei so ner Fachzeitschrift, bei der eh alle Texte Advertorials sind.

    Manche verstehen es einfach nicht. Aber ich hoffe ja auf Lernfähigkeit. Und dass die PRler solche Texte wie deinen lesen ��

    Liebe Grüße, Marsha

  3. Guten Morgen und hallo. Klasse, so offen zu sein. Ich blogge erst seit 2014 und kann aus solchen Texten nur lernen. Problem für mich ist immer nur Folgendes: Ich bin offen für Kooperationen. Doch als Frischling bekommt man a) kaum Anfragen und wenn man b) etwas wegen geringem Honorar ablehnt, kommt gar nichts mehr 🙁 Verstehst du, was ich meine? Ich finde es mutig und ehrlich, wenn erfahrene Blogger die Fahne hoch halten. Ihr seit ein tolles Sprachrohr. Hast du denn einen Tipp, wie man als Anfänger Fuß fassen kann? Mach bitte weiter so. Ich mag deine offene Schreibweise. LG, Bine

  4. Liebe Bine
    Vielen Dank für Deinen netten Kommentar! Als Frischling hatte ich auch kaum Anfragen, Du musst Dir ja auch zuerst einen Namen machen bzw. eine Leserschaft aufbauen, bevor Du gesehen wirst. Leserschaft kriegst Du aber nicht durch Kooperationen. Kooperationen sind sozusagen nur die Beilage auf dem Teller, es muss ums Schreiben gehen.
    Du kannst auch für geringes Honorar eine Kooperation eingehen, wenn Dir das Produkt zusagt, probier Dich aus. Aber ich würde wirklich nur die Dinge auf den Blog nehmen, hinter denen Du stehen kannst, die Du spannend findest. Sage ruhig ab, wenn der Deal für Dich nicht stimmt. Die nächste Anfrage kommt bestimmt ;-). Wirklich Fuss fassen kannst Du aber nur über die Leserseite. Mach bei Blogparaden mit, kommentier auf anderen Blogs, bei Twitter, bei Facebook, werde sichtbar (aber nicht zu penetrant!). Das sind meine persönlichen Tipps, die Dir hoffentlich helfen – viel Erfolg!

  5. Vielen Dank für diesen hilfreichen Post über Kooperationen! Es ist sehr interessant für mich, wie für vermutlich jeden Blogger-Neuling, wie die "alten Hasen" mit PR-Anfragen umgehen. Ich bekomme bisher wenige Anfragen, allerdings bereits einige von verschiedenen Mitarbeitern von "Goodbye Deutschland"! Und mit diesem "TV-Format" können wir uns – als wegen dem Job nach London gezogene – so gar nicht identifizieren!!! 😉

    Viele Grüße,
    Uta

  6. Ha, das kenn ich! Übersichtliche Gestaltung my ass!

    @MamaOTR, und Danke für diesen großartigen Text! Man sollte es nicht meinen, aber ich bekomme mittlerweile auch so einige Schwachsinnsanfragen. Die ersten habe ich beantwortet, mittlerweile stelle ich mich tot. Unhöflich hin oder her.

  7. Grandios, genau so isses! Werde auf diesen Text verweisen, wenn mal wieder jemand mit einer unprofessionellen Anfrage kommt. Passiert in letzter Zeit häufig. Danke dir!

  8. Oh du schreibst mir aus der Seele. Ich hab ja auch nicht schlecht geschaut, als ich das Buch (von dem wir schon miteinander geschrieben haben) dann auf mindestens 4-5 weiteren Blogs gesehen hab. Naja, shit happens.
    Und die Interviewanfragen, die liebe ich auch so sehr. Ich habe leider das Gefühl, dass es viel zu viele PR Onkel gibt und zu wenige PR Eltern, die es drauf haben. Aber was nicht ist, kann ja noch werden ;-).
    Danke jedenfalls für den Beitrag, ich kann den genau so unterschreiben.

    Liebe Grüsse, Miriam

  9. Auch wenn der Artikel schon ein wenig her ist, so schnell verliert das Thema ja leider nicht an Aktualität.

    Ich habe sehr amüsiert deinen Text gelesen, denn so ähnliche Anfragen habe ich auch schon zu Hauf rein bekommen.

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