Die heutige Jugend und so

Gestern war ich als Speakerin auf der WebStage Masters Conference, dem Schweizer Influencer Kongress. Der Tag hat mir ganz viel Inspiration und neue Sichtweisen gebracht.

Learnings: Influencer sind junge, hippe 20-Jährige, die auf Instagram ein Softgetränk in die Kamera halten und Werbung selten kennzeichnen. Warum auch, sieht ja eh jeder, dass da Cola draufsteht. Sie haben tausende, ja zehntausende, nein hunderttausende von Followern, was für die Schweiz sehr viel ist. In einer Speach höre ich, dass Blogs an Einfluss verlieren. Dem bewegten Bild gehört die Zukunft.

Bei unserer Family-Talkrunde, die ich zusammen mit Rita Angelone, Pokipsie und Elternplanet bestreiten darf, werden wir von einem 18-Jährigen anmoderiert, der selber YouTuber ist. Auf der Bühne sitzen wir vier alten Säcke (mein Sorry an Rita, Martin und Kathrin) und müssen uns damit konfrontieren lassen, dass die Jugend keine langen Texte lesen will. Die haben keine Zeit, schauen höchstens ein schnelles Video, wollen Spass und gut ist.

Die haben keine Zeit…?!?!

Ich dachte ja, das «Keine Zeit haben» sei ein Problem, das nur ich habe. Ich, die ich fast 100% arbeite, zwei Kinder und einen Haushalt manage, einen Kongress organisiere, blogge, den Ferienpass im Dorf mitwuppe. Aber nun gut. Jung zu sein, ist auch stressig, ich verdränge das nur bzw. überhöre es, weil meine alten Knochen so laut knacken.

Ein YouTuber fragt, ob man denn mit dem Blog einen eigenen Ort im Internet hat, wo man diese Dinge alle reinschreibt (für die eben keiner Zeit hat). Und dass er auf google noch nie auf einen Blog gestossen ist.

Ich muss lächeln, weil mir plötzlich klar wird, dass ich komplett ausserhalb meiner Filterbubble, meiner Peer Group, meines Lebensumfelds bin. Das tut gut. Ich bin 41 und gehöre in gewisser Weise zum alten Eisen. Das tut weniger gut. Ich bin nicht mehr hipp. Wenn ich schwanger bin oder werden will, sehe ich alles Schwangere um mich herum. Wenn ich in die Menopause komme, lerne ich ganz viele Menschen aus meinem Umfeld neu kennen bzw. werde darauf angesprochen, da ich auf dem Blog offen darüber berichte. Aber wenn ich jung bin, trinke ich eben öffentlich Cola und gut ist. Als Mamabloggerin wäre da der Shistorm vorprogrammiert, wie Kathrin beim Talk treffend bemerkt.

Den Jungen gehört die Zukunft. Doch was bedeutet das?

Die Diskussion, ob nun ein Blog noch gelesen wird oder in Zukunft alle nur noch Videos anschauen werden, ist eine alte. Lockt das Kino die Menschen von den Zeitungen weg? Eliminiert der Fernseher das Radio? Das Mail die Post? Kein Printmagazin mehr dank Internet?

Meine Meinung ist da eindeutig: Print ist nicht tot. Es ist nur eine Frage der Verpackung. Es gibt ein wissenschaftlich erforschtes Gesetz: Neue Medien ersetzen die alten nicht, sie ergänzen sie nur. Und auch wenn die Jungen heute Videos schauen – auch sie werden älter, werden irgendwann vielleicht Eltern… und haben dann anders «keine Zeit mehr». Welche Medien werden sie dann nutzen?

(c) Fotolia

Als Special Act ist ein junger YouTuber geladen, der offensichtlich mega bekannt ist. Und von dem ich noch nie etwas gehört habe, weil – ich bin ja alt. Ich finde die Performance ganz ganz übel. Also so richtig. Wer auf der Bühne betont, dass er nicht homophob ist, dann aber Witze über Schwule reisst und gleichzeitig erklärt, dass die Freundin selber schuld ist, wenn sie von anderen angemacht wird, da sie sich so aufreizend anzieht, dann….. ja dann denke ich automatisch: Was ist da schief gelaufen? Ist DAS unsere Zukunft? Will ich das?

Und dann merke ich wieder: Ich. Bin. Alt. Ich bin kein Revoluzzer mehr. Die Jungen finden solche YouTuber toll, weil sie sich dadurch auch von uns Alten abgrenzen können, die das eben doof finden. Die Jugend kennt kein Limit, lebt in der Leichtigkeit des Moments. Und das ist auch gut so. Früher waren Eltern schockiert, weil die Kinder Pilzköpfe (die Beatles meine ich natürlich!) oder den obszönen Hüftschwung eines Elvis Presley anhimmelten. Heute bin ich not amused über sexistische Sprüche, die auf einer Bühne geäussert werden, denen man also auch noch eine Plattform gibt. Geht’s noch?!

Abends auf dem Heimweg begleitet mich für eine kurze Strecke einer der jungen YouTuber, der beim Family-Talk anwesend war, und wir plaudern nett. Als er sich verabschiedet, sagt er fröhlich: «Ich schaue mir dann mal so einen Blog von euch an.»

Eigentlich ganz nett, der Junge.

 

Auch Rita hat im Nachgang zum Kongress dazu gebloggt, wie wichtig Blogs doch nach wie vor sind.

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2 Gedanken zu „Die heutige Jugend und so

  1. Liebe Séverine, danke für diesen treffenden Beitrag! Mich haben die gestrigen Eindrücke alle auch noch lange beschäftigt und tun es immer noch und auch ich werde mich wohl kurz dazu äussern (müssen). Eins ist mir aber einmal mehr klar geworden: Es ist so wichtig, dass wir „Alten“ (ich darf das schreiben, da ich die Älteste bin!) den Zugang zu den Jungen nicht verlieren. Auch wenn ich gestern ein paar Mal den Kopf ganz fest schütteln musste (manchmal nur innerlich, weil ich eben nicht als verständnislose Alte da stehen wollte), so haben mich die Jungen auch sehr inspiriert und mir aufgezeigt, wie sie denken. Sie denken und handeln anders. Wie wir es damals ja auch schon getan haben und dann haben unsere Eltern den Kopf geschüttelt. Und was ich – wie du- auch finde: Das eine schliesst das andere nicht aus. Zumindest die nächsten paar Jährchen noch. Was danach kommt, das wissen nur die Götter. Von da her: Es ist sehr spannend, diese Entwicklung zu verfolgen!

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