Die Kraft des Gendersternchens

Ich habe Gender Studies studiert, als es das Fach an der Universität noch gar nicht gab. Während des Geschichts- und Deutschstudiums faszinierte mich immer mehr, wie unser Verständnis von «Frau» und «Mann» soziokulturell bedingt ist. Die Geschichte unserer Gesellschaft widerspiegelt sich in der Sprache und im Sprachgebrauch. In meiner Unizeit gab es das sog. «Binnen-I», man konnte also schreiben «StudentInnen» und meinte damit Studentinnen und Studenten. Wirklich durchgesetzt hat sich das Konstrukt bis heute nicht. Eleganter ist die Lösung «Studierende», also die Partizip-Form. Hier sind automatisch alle Formen des Menschseins gemeint – egal welchem Geschlecht die Gemeinten sich zugehörig fühlen. Ich aber bin Fan des Gendersternchens geworden.

Aus Gründen der Lesbarkeit auf die Frauen verzichten?

Ich bin Verlegerin medizinischer Fachzeitschriften, die Leserschaft sind also Ärztinnen und Ärzte. Seit Jahrzehnten bin ich in dieser Branche tätig. Und in diesem alteingesessenen Metier der Medizin schreibt man immer «Ärzte» und meint die «Ärztinnen» mit – das nennt man generisches Maskulinum. Das hat mich immer gestört, schliesslich gibt es heute de facto sogar mehr Ärztinnen als Ärzte, aber man macht es halt einfach so. Es gibt Ratschläge an die ärztlichen Kollegen, die Frauen sind natürlich mitgemeint. Der Einfachheit halber, ihr wisst schon: «Aus Gründen der Lesbarkeit wird die männliche Form verwendet. Frauen sind aber explizit mitgemeint.» My ass. Es sollte nicht heissen: «Aus Gründen der Lesbarkeit», sondern: «Aus Gründen der Bequemlichkeit». Steht die Lesbarkeit also de facto über der Realität? Wir wissen, dass es eigentlich anders korrekt wäre, halten uns aber einfach nicht daran, weil… weil was eigentlich?!

Das Gendersternchen ist modern und zeitgemäss

Nun bin ich viel im Netz unterwegs und bin da in den letzten Jahren immer wieder einmal über das Gendersternchen gestolpert. Zuerst fand ich es befremdlich. Was soll da dieses komische Sternchen mitten im Wort «Künstler*innen»?! Aber wisst ihr was? Mit jedem Mal, wenn ich das Sternchen in einem Artikel entdeckte, gewöhnte ich mich ein bisschen mehr daran. Und in mir wuchs ein Gedanke, ein Gefühl, ein Wunsch: Dieses Sternchen will ich in meinen Magazinen implementieren.

Nun bin ich die Publizistische Leiterin des Verlags und kann das im Prinzip einfach durchsetzen. Aber es ist Widerstand im Team vorhanden, und so taste ich mich vorsichtig voran, das Ziel genau vor Augen. Wir probieren zurzeit gerade aus, wie wir gendergerecht schreiben können, zum Beispiel mit Doppelnennungen, Partizip-Formen und eben dem Gendersternchen (und ich bin gespannt, ob es der Leserschaft auffällt!). Ich finde Skepsis verständlich, denn verankerte soziale Konstrukte und Normen sind in uns allen drin. Aber Sprache und unser Umgang damit sind ein Prozess. Schliesslich schreiben und sprechen wir nicht mehr wie die Menschen im Mittelalter. Prozess ist etwas Gutes.

Die Schrift hat Macht über Genderstereotypen, so auch das Gendersternchen – Photo by Markus Winkler on Unsplash

Bedeutung des Gendersternchens

Das Gendersternchen will das binäre Geschlecht auflösen. Es sind also nicht nur Männer und Frauen gemeint, sondern zusätzlich auch alle anderen Geschlechteridentitäten. Das typografische Zeichen ist der Computersprache entlehnt, wo es als Platzhalter für eine beliebige Zahl von Buchstaben fungiert.

Im Januar 2019 wurde das Gendersternchen als «Anglizismus des Jahres 2018» gewählt, unter anderem weil es sich sprunghaft im Sprachgebrauch verbreitete und die Auseinandersetzung mit der sprachlichen Gleichbehandlung aller Geschlechter vorantrieb. Einen absolut lesenswerten Exkurs zur Entstehung des Wortes «Gendersternchen» findet sich im Blogpost des Sprachwissenschaftlers Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch.

Die Normierung der Sprache

In seiner neuen Auflage vom August 2020 hat der Duden erstmals die Worte «Gendersternchen» und «genderneutral» aufgenommen, nachdem sie schon längst im Sprachgebrauch angelangt sind. Auf drei Seiten gibt der Duden Empfehlungen zur gendergerechten Sprache, unter anderem das Benutzen des Gendersternchens.

Der Duden ist allerdings für die Sprache nicht verbindlich, massgebende Instanz ist der «Rat für deutsche Rechtschreibung». Und dieser rät nach wie vor vom Gendersternchen ab. Dies aber aus rein grammatikalischen Gründen: Das Gendersternchen wird zwar immer mehr benutzt, aber wohl in falscher Form. So sind Begriffe wie «Ärzt*in» oder «Kolleg*in» als falsch anzusehen, da sie falsche Wortteile verbinden. Die letzte Stellungnahme des Rats stammt von November 2018. Und wieder frage ich mich: Wer sagt denn, dass es FALSCH sein MUSS? Vielleicht kann sich hier wirklich eine neue Regel daraus entwickeln und dann «macht man das eben so», genauso wie man bis anhin die Frauen einfach mitgemeint hat. Die Verbreitung des Gendersternchens in den Medien zeigt ja auch, dass Sprache nach dem Schneeballprinzip funktionieren kann. Die Regel entsteht aus der praktischen Anwendung im realen Leben, also quasi Bottom-up statt Top-down. Bei mir jedenfalls hat es geklappt.

Was mich umtreibt: Heute haben Frauen und Männer auf dem Papier die gleichen Rechte – zumindest in Europa. Dennoch gib es immer noch den Gendergap bei der Entlöhnung oder das Problem des Mental Loads, von dem überwiegend Frauen betroffen sind, oder die Divergenz beim Vaterschaftsurlaub. An allen Fronten wird für effektive Gleichberechtigung gekämpft. Diese darf vor der Sprache keinen Halt machen. Ich werde also in Zukunft vor allem beruflich ganz bewusst eine gendergerechte Sprache einsetzen und auch darüber sprechen, warum ich das tue.

 

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