Salto Mortale Teil V

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Wie es weiter geht, erfahrt ihr heute:


Sie wollte gerade ihre Chips nochmals verschieben, als sie das dunkle „Rien ne va plus“ des Croupiers wie aus weiter Ferne hörte. Sie hatte verloren. Die Kugel wurde langsamer, hüpfte als Murmel im Zickzack über die Zahlen. Amelia hielt den Atem an.

„24 noir et pair.“ Sie stiess einen Schrei aus. Sie hatte gewonnen, gewonnen! Sie spürte die Blicke aller auf sich. Philipp stiess sie in den Rücken. Der Croupier zählte ab und schob ihr schweigend die entsprechende Anzahl Chips hin. Sie hatte soeben 3500 Euro gewonnen. Sie strahlte.

„Danke, dass Sie auch die Croupiers an ihrem Glück teilhaben lassen.“ Der Mann im schwarzen Anzug räusperte sich kaum merklich.

Sie verstand nicht. „Pardon?“

„Die Croupiers freuen sich über jede Zuwendung.“ Sein Ton wurde resoluter.

Sie war immer noch irritiert. „Ich verstehe nicht, was ich tun soll.“

„Nun, es ist üblich, bei einem Gewinn den Croupiers ein Trinkgeld zu geben.“ Er zeigte mit dem Kinn dezent auf den Stapel Chips, der nun vor ihr lag.

So lebten also die gehobenen Kreise. Sie nahm einen 100-Euro-Chip und warf ihn dem Croupier wie sie hoffte genauso lässig zu, als wäre es ein Hundekuchen. „Ist das gut so?“ Sie fragte lieber noch einmal nach.

Er grinste nun bis zu den Mundwinkeln, der Rest des Gesichtes blieb unverändert neutral. „Das machen Sie hervorragend.“ Mit einer flinken Handbewegung seinerseits landete das Geld in einem Schlitz, der sich vor ihm auf dem Tisch befand. „Madame hat gewonnen, das Haus bedankt sich für die nette Spende. Faites vos jeux“, sagte er mit lauter Stimme, so dass alle am Tisch ihn hören konnten.

Amelia war unschlüssig, was sie tun sollte. Sollte sie jetzt schon wieder gehen? Sie hatte sich ja gerade erst hingesetzt. Der Spass war viel zu kurz gewesen! Ihr Herz pochte. Sie spürte, wie Philipp ihre Schulter erneut berührte, er wollte weg, um das Glück nicht unnötig herauszufordern. „Toll gemacht! Aber jetzt gehen wir. Ich warte vorn auf Dich“, hörte sie ihn sagen. Sie drehte sich um und sah ihn in der Masse verschwinden.

Wie in Trance blickte sie zurück zum Roulette-Tisch. Sie spürte es, bevor sie es sah. Sie hob den Blick. Antonio stand ihr gegenüber am Tisch und schaute sie an.

Nur wer riskiert, der gewinnt.

Nein, das konnte einfach nicht sein, sie musste verlieren, um ihm zu beweisen, dass es keinen Sinn mit ihnen beiden hatte. Sie konnten nur verlieren, denn die Bank gewinnt immer. Unter den bohrenden Blicken von Antonio verschob sie das gesamte gewonnene Geld auf die 24 – so oft hintereinander konnte die gleiche Zahl nicht kommen. Nicht wer wagt, gewinnt im Leben, sondern wer schlau und vorsichtig ist. Das musste er einfach einsehen. Sie atmete schwer.

Von hinten drängelte und quetschte sich jemand zwischen sie und den Croupier. Es war der schwitzende Mann, er hatte wieder zwei 500-Euro-Scheine in der Hand, verlangte knapp nach den Chips, die er sofort auf Rot setzte, indem er sich nach vorne lehnte und Amelia dabei unsanft zur Seite schob. Ein Schmerzensschrei entfuhr ihr. Antonios Blick verfinsterte sich. Sie hörte das Klicken der Kugel auf dem Holz, während in ihrem Kopf vor Schmerz kurz die Sterne tanzten. Der Schwitzende ignorierte alles um sich. Er fuhr sich mit einem Taschentuch über die Stirn. „Rot. Rot, rot, rot, rot“, flüsterte er beschwörend in einem fort.

„24 noir et pair“. Ein Aufschrei in der Menge. Amelia sog scharf die Luft ein. Das konnte nicht sein. Das konnte einfach nicht sein. Wie viel hatte sie gerade gewonnen? Der Croupier riss die Augen auf, während der Rest des Gesichtes weiterhin starr blieb. Er brauchte nicht wirklich nachzurechnen. Der Schwitzer schrie wütend auf. „Ich hatte auf Rot gesetzt. Es musste doch endlich Rot kommen, verdammt noch mal. Es kann nicht sein, dass diese blöde Kuh gewinnt, die mir einfach meinen Glücksplatz weggenommen hat!“ Seine weiteren Fluchworte erstarben ihm auf den Lippen. Irgendetwas hatte ihn zum Schweigen gebracht, und er verliess hastig den Spiel-Tisch.

Amelia war erleichtert. Neben dem Mann hatte sie kaum atmen können. Sie atmete schwer, fühlte in sich wieder eine Hitze ansteigen. Eine andere Hitze wie zuvor, und doch fühlte es sich gleich an. Sie war erregt, als der Croupier ihr einen riesigen Stoss an Chips zuschob. Die Menge am Tisch klatschte anerkennend Beifall.

„Madame erhält 126 000 Euro. Das Haus beglückwünscht Sie, und –“

„Ja ja, ich weiss, die Croupiers freuen sich über jede Zuwendung.“ Sie strahlte, als sie ihm sechs Chips à je 1000 Euro zuwarf. Ohne mit der Wimper zu zucken, schob er das Geld zu seinem Schlitz im grünen Tisch. „Merci beaucoup, Madame. Faites vos jeux.“

Sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter. Lachend drehte sie sich um. „Philipp, ist das nicht…“ Sie erstarrte. Es war nicht Philipp, der sie berührte, sondern offensichtlich ein Angestellter des Casinos, denn er war in einen dunklen Anzug gekleidet und wirkte reserviert. „Herzlichen Glückwunsch auch von mir. Ich bin Louis Brouvé, der Geschäftsführer des Hauses. Madame will jetzt sicher die Chips gegen einen Check eintauschen, bitte folgen Sie mir.“

Misstrauisch blickte Amelia sich um. Sie konnte Philipp weit und breit nicht sehen. Hatte er überhaupt mitbekommen, dass sie erneut gewonnen hatte? Wie war das alles überhaupt nur möglich gewesen?

Nur wer wagt, kann gewinnen.

Wenn sie ehrlich war, wünschte sie sich eher Antonio an ihre Seite. Sie blickte auf die andere Seite des Tisches, doch Antonio war verschwunden. Sie runzelte die Stirn. Wo war er nur wieder? Louis Brouvé nahm sie am Arm. „Sie brauchen die Chips nicht mitzunehmen. Ich führe Sie jetzt zur Kasse, damit Sie den Check auch wirklich erhalten, nicht wahr?“ Er lächelte unsympathisch breit, und sie liess sich mitführen. Sie war immer noch wie in Trance und konnte gar nicht glauben, was soeben geschehen war. Sie hatte gewonnen. Sie hatte riskiert und gewonnen. Antonio hatte Recht gehabt. Aber wo war er nur? Wo waren überhaupt alle?

Bereits waren sie vor der Kasse angelangt, der Saal war wirklich nicht allzu gross. Hinter dem Tresen stand ein junges Mädchen, das den Geschäftsführer fragend ansah. „Brigitte, Madame hat 120 000 Euro gewonnen. Bitte überprüfen Sie die Daten und stellen Sie dann den entsprechenden Check aus. Sophie!“ Er winkte lässig eine Bardame heran, die etwas abseits des Geschehens auf ihren Einsatz gewartet hatte und Amelia bisher gar nicht aufgefallen war. Sophie kam mit einem Tablett herbeigeeilt, auf dem sich ein Glas Champagner befand. „Möchte Madame gerne ein Glas Champagner zur Feier Ihres Gewinns?“ Amelia griff dankbar nach dem Glas. Sie hatte jetzt wirklich Durst und war froh, etwas in Händen halten zu können, um ihre nervösen Finger zu beschäftigen. Durfte man hier eigentlich rauchen?

„Madame“, unterbrach die junge Dame am Tresen ihre Gedanken. „Dürfte ich bitte der Form halber nochmals einen offiziellen Ausweis von Ihnen sehen?“

Amelia nickte geistesabwesend. Antonio. Sie musste ihm sagen, dass sie im Unrecht gewesen war, dass seine Theorie stimmte und sie es riskieren wollte mit ihm.

Sie drehte sich um, um den Raum nochmals ins Visier zu nehmen. Da sah sie plötzlich den Schwitzenden, wie er in sich zusammengesunken auf einem der geschwungenen Sofas sass, die entlang der Wand aufgestellt waren.

Sie fasste den Geschäftsführer an einem Oberarm, während das Mädchen immer noch damit beschäftigt war, Amelias Daten in den Computer einzugeben. „Ich glaube, Monsieur ist schlecht geworden.“ Sie zeigte zum Sofa.

Der Mann folgte ihrem Blick und zog die Stirne kraus. „Ich werde mich gleich darum kümmern“, sagte er in abfälligem Ton mit Betonung auf dem Wort „Darum“. „Offenbar hat er zu viel getrunken. Zunächst wollen wir Ihnen aber Ihren Gewinn aushändigen.“ Monsieur Bouvé strahlte sie wieder mit seinem Werbegrinsen an. „Hier ist Ihr Check.“ Er signierte nach einem prüfenden Blick das Papier, das Brigitte ihm gereicht hatte, und legte es dann Amelia in die ausgestreckte Hand. „Noch einmal herzlichen Glückwunsch. Und nun entschuldigen Sie mich bitte, ich muss den Mann dort entfernen lassen.“ Er wirkte verärgert, als er sich mit einer knappen Verbeugung von ihr verabschiedete, um dann zum Glatzkopf zu eilen.

Sie konnte es nicht glauben. 120 000 Euro! Was sollte sie mit so viel Geld anfangen? Sie faltete den Check und steckte ihn in ihre Geldbörse. Darüber konnte sie sich zuhause noch genügend Gedanken machen. Was sollte sie jetzt mit Philipp machen? Und mit Antonio? Sie trank den Rest ihres Champagners in einem Zug leer.

„Da bist Du ja, ich habe Dich am Tisch gesucht, aber Du warst nicht mehr da. Ich musste dringend nochmals auf die Toilette gehen. Aber wie ich Dich kenne, hast Du sicher alles verspielt?“ Philipp wirkte ausser Atem. Er lachte spöttisch. Wieder spürte sie Wut in sich aufkommen, die sie nur mit Mühe bändigen konnte. In ihr brodelte es. „Ja, leider, ich habe alles verspielt“, entgegnete sie nur trocken. „Lass uns gehen, ich habe keine Lust mehr auf Casinos.“

Antonio. Wo war er.

Sie zog Philipp mit sich durch den Saal und musste feststellen, dass der Schwitzende nun auf dem Boden lag. Der Geschäftsführer stemmte sich rhythmisch auf seine Brust. Nun schwitzte auch er, während er laut zählte. Hatte der Mann einen Herzinfarkt gehabt? „Sieh nur, da geht es einem der Spieler sehr schlecht. Kein Wunder, soviel Geld, wie der verloren hat! Der ist doch bestimmt nicht reich, und jetzt ist er noch ärmer.“ Amelia beobachtete das Vorgehen neugierig, doch immer mehr aufgebrachte Menschen versperrten ihr die Sicht.

Philipp zog sie mit sich, ohne weiter auf die Szene zu achten, die sich in einiger Entfernung von ihnen abspielte. „Das mag schon sein. Mich interessiert jetzt vielmehr, wie wir Deine heutige Lektion feiern.“

Philipp grinste sie süffisant an, so dass Amelias Gesicht einfror. Hatte er das mit Antonio mitbekommen?

„Wie meinst Du das?“, entgegnete sie in Panik.

„Nun, Deine Lektion lautet: Man sollte nicht zu viel riskieren im Leben, dann ist man auf der sicheren Seite.“ Er drückte ihr einen knappen Kuss auf die Haare.

Sie lachte nicht. Sie hatte heute in der Tat eine Lektion gelernt. Sie hätte es gerne Antonio gesagt – doch sie sah ihn nirgends. Sie drehte sich nochmals im Kreis, liess die Farben und Formen auf sich wirken. Hörte Stimmen, sah Gesichter. Es änderte nichts daran, dass er weg war. Sie wollte ihn so viel fragen. Aber er war wie vom Erdboden verschluckt.

 

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Und jetzt die quälendeste aller Fragen: Soll ich hier auf dem Blog die Geschichte noch weiterschreiben? Ich hadere gerade. Das ist kein Fishing for compliments, sondern echter Zweifel. Was meint ihr?

3 Gedanken zu „Salto Mortale Teil V

  1. Deine Geschichte ist fantastisch und so gerne ich sie natürlich exklusiv auf deinem Blog weiterlesen würde, finde ich du solltest ein Buch daraus machen, dass wir alle kaufen und uns ins Regal stellen können! 😍

    Liebe Grüße

    Sabrina von MintyAnchor

  2. Ich möchte auf jeden Fall weiterlesen, egal ob hier auf dem Blog oder als Buch. Nur als Buch dauert es noch sooooo lange bis es weitergeht. Kleine Idee, falls Du ein Buch draus machen möchtest, alles per Passwort sichern und nur ein paar Ausgewählte reinlassen. Mich natürlich, grins.

  3. Liebe Mama OTR, bitte schreib weiter – wenn Du magst! Ich finde die Geschichte spannend zu lesen und schau so gerne bei Dir vorbei… Als eBook würde ich es vielleicht auch kaufen, Dein Schreibstil gefällt mir einfach gut! Liebe Grüße.

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