Salto Mortale Teil VI

Sie lag nackt in seinen Armen. Er streichelte sanft ihren Rücken, und Amelia war glücklich. Es war Sonntagabend, sie kuschelte sich stumm an ihn, genoss den Moment der Stille und der Einheit.

Philipp zündete sich und auch ihr eine Zigarette an. Amelia zog die Stirne kraus. Philipp rauchte sonst nie im Bett. Wortlos nahm sie ihm eine Kippe aus den Fingern und zog daran. Zum ersten Mal seit langem genoss sie wieder das Inhalieren des Rauches. Sie hustete. Irgendwann würde sie damit aufhören müssen, daran führte wohl kein Weg vorbei.

Monte Carlo lag über drei Monate zurück, und der Alltag hatte sie schon längst wieder eingeholt. Zweimal die Woche traf sie sich mit Philipp, den Rest der Abende verbrachte sie alleine, meistens vor dem Fernseher. Tagsüber ging sie ihrer Tätigkeit als Chefarztsekretärin am Universitätsspital Zürich nach.

Es war schön, heute Abend nicht alleine zu sein. Sie übernachtete bei ihm, das war alles, was für sie in diesem Moment zählte. Sie war glücklich.

Philipp schwieg immer noch, während er langsam an seiner Zigarette zog und den Rauch geräuschvoll ausatmete.

Plötzlich durchdrang seine Stimme die Stille. „Amelia.“ Sie drehte den Kopf zu ihm und schaute ihn fragend an. Er schwieg wieder, atmete tief durch. „Amelia, ich finde, wir sollten uns nicht mehr sehen. Wir haben uns irgendwie auseinander gelebt, es ist nicht mehr wie früher.“

Scharf zog sie die Luft ein, doch er fuhr fort: „Meine Gefühle sind nicht mehr dieselben, aber das hast Du ja bestimmt schon gemerkt. Das hast Du doch gewusst?“ Er blickte sie fragend an, als würde er auf ihre Zustimmung warten.

Amelia nickte langsam, mechanisch.

„Ich denke, wir sollten uns voneinander distanzieren. Ich hoffe, Du bist damit einverstanden. Ich möchte Dich nicht verlieren als gute Freundin, aber ich empfinde einfach keine Liebe für Dich. Und die Sache in Monte Carlo hat mir doch sehr zu schaffen gemacht.“ Sein Blick wurde auf einmal sehr ernst.

Amelia erstarrte. „Wie meinst Du das, was war in Monte Carlo?“ Panisch versuchte sie, ihre Gedanken zu sortieren. Hatte er doch etwas mitbekommen von Antonio und die ganze Zeit nichts gesagt, um sie erst jetzt auffliegen zu lassen, genussvoll den letzten Trumpf auszuspielen?
Tränen stiegen ihr in die Augen. Wie hatte sie sich verraten? Sie hätte es wissen müssen. Den Zwischenfall mit Antonio konnte man einfach nicht geheim halten, er hatte es ihr bestimmt angesehen. Sie war nicht aufrichtig gewesen. Sie verstand nur zu gut, warum er sie verlassen wollte. Sie hatte einen fremden Mann geküsst – und es auch noch genossen.

Sie schluckte ihr schlechtes Gewissen tief hinunter, ihre Gurgel knackste dabei laut hörbar. Philipp schien dies nicht zu bemerken, war in Gedanken weit weg und zog nochmals an seiner Zigarette. „Amelia, ich versteh einfach wirklich nicht, wie Du das ganze Geld aus dem Fenster werfen konntest. 3600 Euro! Das ist eine Menge Geld. Ich zweifle ernsthaft an Deiner Vernunft. Ich habe versucht, es zu ignorieren, aber es geht einfach nicht.“

Amelia bekam einen Hustenanfall und drückte die Zigarette aus.

Es ging ums Geld. Ums Geld ging es ihm. Mein Gott, wie konnte er so verkniffen sein. 3600 Euro – sie hatte seit drei Monaten mehr Geld auf dem Konto, als er sich vorstellen konnte. Sie brauchte ein Jahr lang nicht mehr zu arbeiten oder konnte sonst was damit tun. Aber sie hatte es einfach auf dem Konto deponiert, da sie es zurzeit nicht brauchen konnte und ratlos war, was sie damit anstellen sollte. Es war nicht so viel, als dass sie den Rest ihres Lebens damit verplanen konnte. Geben würde sie es Philipp jedenfalls garantiert nicht. Vernunft. Er konnte sie mal kreuzweise. Wieder spürte sie die Wut in sich hochbrodeln, und sie war es leid, sie stets hinunterzuschlucken und im Zaum zu halten.

Sie dachte daran, wie sie Philipp am besten umbringen konnte. Am liebsten würde sie ihm in diesem Moment das Fleisch von den Knochen trennen. Aber sie liess ihn ungehindert weiter reden.

„Geld ist in unserer Gesellschaft sehr wichtig und mir persönlich ist eine Partnerin wichtig, die dies genauso sieht, wie ich das tue. Und bitte verzeih, aber ich glaube nicht, dass wir die Dinge gleich sehen, das habe ich in Monte Carlo eben einfach gemerkt. Ausserdem wirktest Du so abwesend und in Gedanken versunken. Das Spiel hatte Dich total gepackt. Amelia, ich glaube ganz einfach, dass Du ein Suchtmensch bist, und Du solltest das in den Griff bekommen, bevor wir uns wieder sehen können.“ Während er sprach, nickte er mehrfach seinem eigenen Vortrag zu. „Am besten ist sicher ein sauberer Schnitt, so dass dies unsere letzte gemeinsame Nacht ist, und…“ Er redete weiter, doch Amelia hörte ihm nicht mehr zu.

Ja, ein sauberer Schnitt. Ein Küchenmesser wäre effektiv, sie könnte ihn von unten bis oben aufschlitzen. Niemand würde es bemerken, sie müsste sich nur der Leiche entledigen. Er hatte nichts von Antonio gemerkt. Wie es ihm wohl erging? Was machte er überhaupt? ‚Er fehlt mir’, schoss es ihr durch den Kopf.

Der Himmel verdunkelte sich. Sie sah nur noch Philipps Silhouette, der Rauch machte sich im Zimmer breit, vernebelte alles.

Sie könnte ihm auch die Kehle zudrücken. Nein, soweit sie wusste, brauchte man dazu viel zu viel Kraft. Das konnte sie nicht.

Sie schaute ihn an, nickte ihm von der Seite her zu und unterbrach seinen Redefluss. „Philipp, ich muss etwas erledigen, es wird Dir bestimmt nicht wehtun. Vertrau mir einfach.“

Philipp sass immer noch neben ihr auf dem Bett, lehnte sich an die Wand an und schaute sie fragend an. „Hast Du gehört, was ich gerade gesagt habe?“

Sie nickte.

Dann beugte sie sich impulsiv zu ihm und umarmte ihn heftig und mit ihrer ganzen Kraft, ihre Türkis lackierten Fingernägel bohrten sich kräftig in das Fleisch seines nackten Rückens, doch Philipp gab keinen Laut von sich. Sie griff so fest zu, dass ihm die Luft wegbleiben musste. Er ächzte auf, schwieg dann aber eher erstaunt, gefangen in ihrer Umklammerung. Sie zerrte mit aller Gewalt an seinem Fleisch, riss es in Gedanken in Stücke, bis das Blut in dicken Tropfen auf die Bettlaken tropfen würde. Doch das Laken blieb weiss. Verärgert studierte sie die Struktur der Laken. Wieso schaffte sie es nicht, das Fleisch von den Knochen zu trennen? ‚Wenn Du es willst, dann kannst Du es auch.’ Sie erinnerte sich an Antonios Worte und liess erschrocken von Philipp ab, der zur gleichen Zeit entsetzt aufkeuchte. „Verdammt Amelia, was sollte das?“ Sein Gesicht war schmerzverzerrt.

Sie überlegte nur kurz. „Ach, ich wollte nur einmal sehen, wie das funktioniert. Es war mit gerade so danach, Dich wirklich zu spüren. Lass einmal sehen.“ Philipp drehte ihr irritiert, aber bereitwillig den Rücken zu. Blutige Striemen überquerten ihn. Amelia grinste – das Blut quoll an einzelnen Stellen langsam hervor.

Ohne ihm nochmals die Möglichkeit zu geben, etwas zu sagen oder zu reagieren, fuhr sie fort: „Weisst Du, ich habe da neulich etwas gelesen. Stell Dir vor, da hat eine Frau ihren Freund umgebracht, sie hat einfach zugedrückt. Warte, ich zeige Dir, wie.“

Sie legte ihre Hände um Philipps Hals, und er versuchte noch mit seinen Händen, sie davon abzuhalten. „Amelia, lass den Quatsch!“

Doch sie hatte das Überraschungsmoment auf ihrer Seite, er war zu langsam. Amelia überlegte nicht weiter und drückte mit aller Kraft zu, so dass Philipps Augen bereits aus den Höhlen hervortraten.

„Amelia… Das ist ein… sehr… schlechter… Witz“, atmete er schwer. Dann packte er sie und warf sie auf den Rücken. Sie lachte auf, fuhr sich durch die wilden Haare. „Du hast Recht, jemanden zu erwürgen, ist viel zu schwierig, es braucht zu viel Kraft, und die habe ich einfach nicht.“ Sie hielt inne, während Philipp nach Luft schnappte.

Als sie sicher war, dass er sie wieder hören konnte, setzte sie wieder zum Sprechen an. „Viel Spannender ist es ja, den anderen langsam umzubringen. Eigentlich müsste man eine Geschichte darüber schreiben. Also, eine Frau will ihren Freund umbringen, und das macht sie ganz geschickt, sie erzählt ihm, wie sie es tun wird, so wie ich es Dir jetzt erzähle. Ist das nicht spannend? So subtil…“

Philipp blickte sie entsetzt an, Amelia erwiderte den Blick freundlich. „Sie würde ihm erzählen, dass sie den Filter seiner Zigaretten in Gift getaucht hatte, aber erst, nachdem er sie geraucht hatte. Oder – .“ Hastig drückte er seine Zigarette aus, die im Aschenbecher alleine weitergeraucht hatte. „Amelia, was soll das, willst Du mich etwa vergiften?“ Er lachte beklemmt auf.

Die Antwort blieb sie ihm schuldig. Sie erhob sich und zog sich langsam an, sie spürte seinen zweifelnden, verunsicherten Blick in ihrem Rücken. „Es ist wohl besser, wenn ich jetzt gehe. Schlaf gut heute Abend. Und: sei vorsichtig.“

Sie drehte sich nicht um, als sie ging. Sie wollte keine Kompromisse mehr. Es gab 120 000 gute Gründe, die dagegen sprachen.

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