Mein Kind kommt in den Kindergarten

Endlich endlich war es soweit: Heute war der erste Kindergartentag von LadyGaga. Ein Riesenereignis! Das darin endete, dass ich heulend vor dem Kindergarten stand. Nur nicht aus dem Grund, den ihr vielleicht meint.

Es begann alles ganz harmlos. Der Start war heute auf 13.30 Uhr angesetzt, so dass wir heute noch gemütlich ausschlafen konnten, während mein Mann zur Arbeit ging. LadyGaga suchte bereits nach dem Frühstück ihre Kleider (pink) aus und zog sich frohen Mutes und vor allem diskussionslos an. Sie freute sich auf den Nachmittag. Wir sortierten ihre alten Poster im Zimmer aus und ersetzten sie durch neue Mia&Me-Poster; (es leben die Element-Einhörner – «weil die immer helfen!»), wir kochten zusammen LadyGagas Lieblingsessen, Spaghetti Carbonara. Ich überlegte lange, was ich für den grossen Tag meiner Grossen anziehen sollte. Ich wollte ja nicht peinlich zwischen allen Eltern hervorstechen.

Um 13 Uhr kam mein Mann nachhause. In Eile, denn er hatte einen Höllentag im Büro. Wir packten den Kleinen in den Kinderwagen (es wird gewünscht, dass man zu Fuss in den Kindergarten geht) und eilten zu viert los. Eigentlich war es aber kein Eilen, sondern ein Gehen mit Stehenbleiben, um die Regenstiefel wieder zu richten. Ich verfluchte LadyGagas neue Stiefel. Kruzifixnochmals, konnte sie nicht EINMAL mit ihren Kleidern zufrieden sein! Wir vertrödelten den Weg, ich trieb sie an, sie solle sich beeilen, sie wolle ja wohl kaum an ihrem ersten Chindsgi-Tag wegen ein paar Stiefeln zu spät kommen.

gestylt bis in die Zehenspitzen

Wir waren pünktlich. Mein Mann kümmerte sich darum, den schlummernden Copperfield aus dem Wagen zu nehmen, während ich mit LadyGaga schnell ihren neu zugeteilten Platz in der Garderobe suchte und dort Turnsäckli, Regenstiefel, Jacke und Schal parkierte. Wir gingen zusammen in das Unterrichts-/Spielzimmer und deponierten dort in einer Schublade die Mitbringsel: ein altes Hemd meines Mannes, das zum Malkittel umfunktioniert wurde, ein paar Plastiksäcke, ein Päckchen Taschentücher. So hatte es die Lehrerin gewollt.

Dann kam mein Mann. Mit Copperfield. Und der schrie. Er schrie und liess sich nicht beruhigen. Ich nahm ihn meinem Mann ab, denn er hatte den Kindergarten noch nie gesehen, und ich sagte zu LadyGaga, sie solle ihrem Papi den Raum zeigen (wir kannten ihn schon vom Schnuppertag). Sie zwitscherten fröhlich ab. Ich blieb mit dem schreienden Bündel zurück. Was hatte er bloss? Ich versuchte, ihn zu trösten, zu beruhigen. Es gelang mir nicht. Er konnte keinen Hunger haben, denn er hatte doch erst vor einer Stunde sein Fläschchen gehabt. War er müde? Zahnte er? Es war egal, er schrie einfach. Es war 13.30 Uhr. In einem Kreis standen Stühle, und die Eltern und ihre Kinder wurden gebeten, im Kreis Platz zu nehmen. Ich stand ausserhalb, mit einem schreienden Baby auf dem Arm. Die Lehrerin begrüsste uns. Copperfield schrie. Die älteren Kinder sangen ein Begrüssungslied. Man hörte nur Copperfield. Ich gab auf und lief aus dem Zimmer. Nur schnell beruhigen. BERUHIGEN. Copperfield brüllte. Ich biss die Zähne zusammen, ich wollte so schnell wie möglich wieder bei meinem Mädchen sein. Copperfield verweigerte den Schnuller. Was nun? Ich ging ganz hinaus und legte ihn mit vor Wut zitternden Händen in den Kinderwagen. Er revanchierte sich und lief rot an vor Wut Schreien. Vielleicht doch Hunger? Ich machte ihm ein Fläschchen und gab ihm zu trinken. Er schrie und tobte. Zwischendurch trank er aber. Es beruhigte ihn. Dann schrie er wieder. Ich kämpfte mit den Tränen. Meine Tochter war im Haus und erlebte den bisher wichtigsten Moment ihres Lebens, und ich konnte nicht dabei sein. Ein Wimmern entfloh meinen Lippen und ich biss erneut die Zähne zusammen. Nicht weinen, es nützte ja alles nix. Mein Baby brauchte etwas und ich musste herausfinden, was. Ich legte Copperfield auf den Bauch. Er reckte den Kopf und war still. Ookkkkkayyy?? Kurzentschlossen dirigierte ich den Wagen zur Eingangstür. Copperfield schrie wieder. WTF?! Schwer, den Frust runterzuschlucken. Ommmm, wenn ich wütend bin, wird es nur schlimmer, weil Copperfield dann auf mich reagiert. Einatmen, ausatmen. Wimmer. Nicht weinen.

Irgendwann war er doch etwas ruhiger und ich machte die Tür auf und ging mit Kinderwagen und Bäuchlings-Baby in das Klassenzimmer. Vorne sassen sie alle im Kreis, alle ausser mir. LadyGaga war auf Papis Schoss. Gott sei Dank hatte er sich aus dem Büro schleichen können. Gott sei Dank war sie nicht allein. Die Lehrerin erzählte, wie der Alltag so von sich gehen würde, mit Absenzmeldungen, Kinderturnen, Znüni-Essen (Pausenbrote). Und ich hatte die Hälfte nicht mitgekriegt.

Nun hiess es, auf einem gelben Blatt, einem Sonnenstreifen, den Kindernamen anzubringen und das Blatt hübsch zu dekorieren. LadyGaga kam strahlend mit ihrem Papi zu mir. Ich schluckte die Gefühle runter. Wir malten zusammen, als wäre nichts gewesen. Copperfield schrie wieder, es war einfach zu laut für ihn im Klassenzimmer, und ich bewegte mich zwischen meinen Kindern hin und her.

Die Ruhe nach äh vor dem Sturm

Dann hiess es, sich zu verabschieden und die Kinder sich in ihrer ersten Kindergartenstunde ALLEINE zu überlassen.

Mein Mann und ich und auch Copperfield (letzterer weinend) gingen hinaus. Und da hatte auch ich Tränen in den Augen. Tränen der Trauer, der Wut, der Ohnmacht. Ich hatte mich so auf diesen Tag gefreut, und es war grauenhaft gewesen. Ich wurde zerrissen zwischen den Bedürfnissen meiner beiden Kinder. Ich schluchzte nicht, weil ich meine Grosse hatte loslassen müssen in eine neue Welt. Ich schluchzte, weil ich nicht hatte dabei sein können, wie ich es wollte.

Oder stimmte das gar nicht? Weinte ich nicht doch deshalb, weil ich sie hatte loslassen müssen? Nicht wegen des Kindergartens. Sondern ihres kleinen Bruders willen, der mich jetzt einfach mehr braucht als sie. Meine LadyGaga ist jetzt wirklich eine Grosse. Sie hat den Tag ganz toll gemeistert, auch wenn sie nicht auf MEINEM Schoss sass, sondern mein Mann dieses Privileg geniessen durfte. Ich bin sooo stolz auf sie!


Was ich heute gelernt habe: Ich werde vielleicht nicht alle tollen Momente meiner Kinder miterleben können, weil sie auch mal ihre eigenen Wege gehen. Aber ich werde immer in Gedanken bei ihnen sein! Bei BEIDEN!

 Stolzes Chindsgi-Kind




Nachtrag: Eventuell ist in Deutschland nicht ganz klar, was bei uns der Kindergarten ist: Es ist die staatliche Vorschule (keine Kita!), d.h. zwei Jahre Spiel-/und Klassenunterricht jeden Tag, bevor die offizielle, 1. Primarklasse anfängt. Der Beginn des Kindergartens ist vergleichbar mit dem Beginn der Schulzeit.





Ich freue mich, wenn Du den Beitrag teilst:

5 thoughts on “Mein Kind kommt in den Kindergarten

  1. Ooohh, jetzt habe ich auch fast eine Träne im Auge! Ich kann dich so gut verstehen… So ein wichtiges und einschneidendes Ereignis für euch als Familie. Aber zum Glück konnte dein Mann mitkommen. Ich lese so raus, dass LadyGaga diesen ersten Tag dort auf seinem Schoß sehr genossen hat, einfach stolz, ein Kindergartenkind zu sein. Es hätte alles noch viel schlimmer kommen können! Stell dir vor, sie hätte ebenfalls geweint, weil du draußen warst und keiner (außer Papi) hätte mitbekommen, was im Klassenzimmer Wichtiges besprochen worden wäre. Natürlich ist es eine neue Selbstständigkeit, die zu akzeptieren es als Mama immer schwer fällt, aber sei stolz auf deine große Tochter! Sie weiß, dass du im Herzen immer bei ihr sein wirst! Ich schicke liebe Grüße aus der Ferne und wünsche ihr einen guten Start in diesen neuen, aufregenden Lebensabschnitt!

    P.S. Gut, dass du das für die Deutschen noch erklärt hast. Staatliche Vorschule gibt es hier nämlich so nicht. Für Fiona ist die Einschulung – also 1. Klasse – nächsten Sommer und weißt du, wer jetzt schon Angst vor einem genau dann schreienden Baby hat…? 😉

  2. ohhhh…. stimmt, das kommt bei Dir zeitlich etwa aufs Gleiche raus oO. Aber Dein Kleines wird sicher ganz ganz artig sein und NICHT brüllen.;-)
    Das Gemeine ist ja, das Copperfield sonst die Ruhe selbst ist, es war echt nicht vorhersehbar. Aber nun sind wir schon bei Tag 3 und LadyGaga ist wie Du sagst ein stolzes Kindergartenkind. Und ich bin mitstolz :-). Und sie hat schon zwei Mädchen entdeckt, die Mia-and-me-Schuhe und Taschen haben. Ich sage Dir, die Welt wird noch von Mia und ihren Einhörnern gerettet werden, mark my words! Hihi.

  3. Wow mitten im Text hab ich mich dabei erwischt richtig mit zu fiebern.
    Wir haben zwar kein schreienden Kind aber so geht hier am 1.9.der Kindergarten los. Aber noch viel schlimmer das Mottchen wird ein paar Tage später drei und ich einige darauf dreißig (das ist ok damit kann ich leben jedoch) – das sind mir definitiv zu viele Dreien und so überlege ich schon den kommenden Monat einfach zu streichen.
    Ich freue mich wahnsinnig auf alles was kommen wird aber mein einziges Baby….sie war doch noch nie so lange 'fremdbetreut' wie es dann sein wird….
    Ich weiß wie viel Spaß sie haben wird und wie grandios dieser Entwicklungsschritt für sie seien wird aber ich habe Angst. Ich werde wohl heulend vor dem Kindergarten stehen – weil mein Baby groß ist….und weil sie es sein möchte und auch soll!!!!

    Liebste Grüße
    JesSi

  4. Irgendwie liest sich das voll bekloppt und Helikopter Mutter mäßig – bin ich eigentlich nicht aber so empfand ich gerade einfach. ….
    Und Angst hab ich nur davor wie es sich anfühlt nicht mehr alles mit zu bekommen…..aber es wird toll werden – für uns alle!

  5. Das klingt überhaupt nicht Helikopter-Mutter mässig! Du freust Dich doch riesig für Deine Kleine und willst sie fliegen sehen wie einen Schmetterling 🙂 Dass das mit den eigenen Gefühlen nicht immer ganz konform ist, ist normal. Schliesslich bist Du die Mama! Eine Helikopter-Mutter könnte nicht sagen "mein Baby will gross sein und soll es auch" – sie würde sagen: Mein Baby ist noch viel zu klein, die kann das nicht. Also nicht selber runterziehen! 😉
    Dann habt ihr also einen aufregenden Monat vor Euch, wie schön <3 Ich drück euch die Daumen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.