Ich doch nicht?! Vom Burnout zum Boreout

Das Thema Depressionen geht durch die Social Media bzw. meine Timeline – Johannes Korten, ein bekannter Blogger, hat sich das Leben genommen. Die Beiträge spriessen wie Pilze aus dem Boden, jeder hat Tipps, Bedenken, Fragen, Antworten zu Depressionen. Dann lese ich heute auf Twitter, wie Melanie von Glücklich scheitern mitten im Boreout (Unterforderung, Langeweile im Arbeitsalltag) steckt. In mir rumort es.

Ich habe keine Tipps für euch und auch keine Antworten. Aber ich weiss, dass ich als starke, positive Frau gelte. Das bin ich auch! Aber auch ich hatte schon eine Depression. Denn es kann jeden treffen! Davon will ich heute erzählen.

Burnout

2002 war ich Studentin. Ich arbeitete neben dem Studium gleichzeitig 50% als Leitende Lektorin in einem kleinen Fachverlag. Wir waren insgesamt zu viert, deshalb die Leitung. Leitung hiess so viel wie: Ich mache alles. Ich schrieb aber auch noch an meiner Masterarbeit. Und arbeitete de facto fast 80%. Ich machte keine Mittagspause, ass mein Sandwich, während ich Dinge in den PC tippte. Abends um 20 Uhr sass ich meistens immer noch im Büro. Es gab viel zu tun! Irgendwann sass ich nur noch da und zitterte. Und heulte. Und zitterte. Es ging gar nichts mehr – ich hatte einen Nervenzusammenbruch. Meine Eltern schickten mich sofort zu unserer Hausärztin, die mich notfallmässig behandelte. Diagnose: Burnout. Ich war per sofort krankgeschrieben und musste Antidepressiva nehmen, um jeden Tag zu überstehen und nicht unterzugehen. Ich schwebte über dem Abgrund – einfach so, aus dem Nichts heraus! Mein Kopf war komplett leer.

Burnout: Wenn im Gehirn plötzlich gar nichts mehr geht. (c) Fotolia
Burnout: Wenn im Gehirn plötzlich gar nichts mehr geht. (c) Fotolia

Doch ich hatte die Rechnung ohne meinen Arbeitgeber gemacht. Er terrorisierte mich telefonisch. Beschuldigte mich, dass ich simuliere. Ich musste im Büro antraben. Er schrie mich an, ich sei eine Versagerin, ich würde es im Leben nie zu etwas bringen. Die Krankschreibung akzeptiere er nicht. Ich arbeitete weinend ein paar Tage weiter. Bis auch ich merkte: Ich war gar nicht mehr da. Ich war nicht mehr in mir. Ich war weg.

Ich beendete das Martyrium unter grosser Kraftaufwendung. Mein Arbeitgeber zahlte mir den Lohn nicht mehr, Urlaubstage, Überstunden. Ich zog vor Gericht und klagte ihn ein. Ich bekam Recht, er legte Insolvenz ein – und zahlte nichts. Ein Riesenfiasko, von dem ich mich jahrelang finanziell kaum erholte. Geschweige denn emotional. Nur mit Hilfe meiner Eltern und meines sozialen Umfelds, das mich auffing, fand ich aus der Depression heraus und schaffte sogar meinen Uniabschluss. Doch die Worte meines Arbeitgebers, dass ich absolut unfähig sei, haben mich jahrelang begleitet und sicher auch geprägt.

Boreout

2008 nahm ich eine Stelle als Medienverantwortliche an, nachdem ich fast fünf Jahre als Redakteurin gearbeitet hatte und dort beruflich nicht mehr weiterkam. Alles fing so gut an bei der neuen Stelle, ich war topmotiviert. Doch meine Arbeit erledigte ich schnell. Zu schnell. Am Mittag wusste ich bereits nicht mehr, was ich nachmittags tun sollte. Ich bat meine Chefin um mehr Arbeit, mehr Herausforderung – und bekam von ihr nur Müll auf den Tisch. Ich antizipierte jeden Auftrag und hatte ihn erledigt, bevor ich überhaupt danach gefragt wurde. Ich arbeitete vor. Sah alle zehn Minuten auf die Uhr. Es war schlimm. Richtig schlimm. Wenn ich morgens ins Büro kam, wusste ich nicht, wie ich den Tag überstehen sollte. Ich surfte also im Internet. Damals hatte ich noch keinen Blog, keine Kinder, kannte kein Twitter und nicht mal Facebook. Ich surfte nach allem, was mich irgendwie interessieren konnte. Ich schlug die Zeit tot, im Sekundentakt. Aber eigentlich schlug sie mich. Jeden verdammten Arbeitstag, fünfmal die Woche. Ich ging diesmal nicht zum Arzt, aber ich wusste, was das war: Boreout. Vom Regen in die Traufe. Jeden Tag wurde es schwieriger für mich aufzustehen. Ich kannte dieses Gefühl nur zu gut.

Zum Glück habe ich im selben Jahr geheiratet, so konnte ich meine Energie in die Hochzeitsvorbereitungen und die lange Hochzeitsreise stecken. Wir versuchten, schwanger zu werden, ich hatte ja sonst nix zu tun. Aber das klappte auf die Schnelle auch nicht.

Am Ende wurde ich abgeworben, ich arbeitete «nur» ein Jahr als Medienverantwortliche. Aber man hat ja keine Ahnung, wie lange so ein Jahr sein kann… Als ich dann den neuen Vertrag als Chefredakteurin unterschrieb, war ich unwissend bereits schwanger mit LadyGaga. Seither hatte ich nie mehr ein Boreout. Zum Glück!

Und nun?

Ich habe also beides erlebt – Burnout und Boreout. Gefühlt fand ich persönlich das Boreout schlimmer, weil die kontinuierliche Langeweile echt Matsch aus dem Gehirn macht. Bei mir war das zumindest so.

Wie gesagt, ich habe keine Lösung. Nur diesen einen Rat: Nehmt euch selber ernst! Und holt euch rechtzeitig Hilfe, bei der Familie, bei Freunden, bei Ärzten, wenn ihr merkt, dass sich eure Gemütslage irgendwie dauerhaft verändert hat. Denn auch starke Menschen (und als solchen sehe ich mich heute) können in die Schlucht fallen. Die Übergänge einer depressiven Verstimmung zu einer Depression sind fliessend. Eine Depression kann Dir nicht passieren? DOCH!

Ich freue mich, wenn Du den Beitrag teilst:

4 thoughts on “Ich doch nicht?! Vom Burnout zum Boreout

  1. Boreout kenne ich auch zu gut. Bereits in der Ausbildung habe ich alles zu schnell abgearbeitet,in einem Praktikum bekam ich erst gar keine Aufgaben und auch der erste Job nach dem Studium unter forderte mich total. Das macht echtvkrank. Mir war morgens total übel, weil ich nicht wusste,wie ich den Tag rum bekommen soll. Und dazu schlechtes Gewissen, weil man fürs nichts tun noch Geld bekommt.
    Jetzt habe ich zwei Kinder uns kenne auch keine Langeweile mehr. Zwar bin ich im Job auch nicht 100% ausgelastet, aber ich suche mir dann andere Beschäftigungen.:-)
    Da mein Vater manische depressiv war (auch Selbstmord) kenne ich persönlich auch die andere Seite und weiß, dass es jeden treffen kann.

  2. Toller Text, vielen lieben Dank für deine Gedanken. Burnout kenne ich zum Glück nicht – *HOLZKLOPF*
    Doch Bureout kenne ich zu gut – wusste aber nicht, dass es Bureout genannt wird. Das ist bei mir mittlerweile auch schon zehn Jahre her, ebenfalls ohne Kids, Blog, Facebook und Co. – der Tag kann wirklich sehr sehr lange sein.
    Alles Liebe, Verena

  3. Ich kenne leider auch beide Seiten, und weiss ehrlich gesagt nicht, was schlimmer ist. Ich kenne die beschriebenen Situationen nur zu gut. Seltsam ist doch, dass es immer mehr Menschen gibt, die entweder die eine oder die andere Seite kennenlernen, die wenigsten aber darüber sprechen. … Da kann doch etwas in der Arbeitswelt nicht stimmen?!
    Alles Liebe
    Carola

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.