Als ich sieben war

Als ich sieben war, spielte ich fast jeden Tag unbesorgt draussen mit meinen Freundinnen. In der ersten Klasse sass ich hinten links. Der Unterricht machte Spass. Wir lernten Schreiben und Rechnen. Es hatte einen Schüler in der Klasse, der mitten im Unterricht immer wieder mal schrie und herumtobte, sich unter dem Tisch versteckte oder herumrannte. Die Lehrerin kam nicht zurecht mit ihm. Er war anders. Einmal musste ich während des Unterrichts dringend aufs Klo und meldete mich per Finger bei der Lehrerin. Sie ignorierte mich. Ich machte in die Hose. Ein grosses Geschäft. Yep. Alle lachten mich aus und sagten, dass ich stinke.

Die Wände meines Zimmers waren orange. Ich hatte einen Plattenspieler im Zimmer und ein braunes Sofa, mit Manchester-Stoff überzogen. Fast jede Nacht träumte ich von der bösen Hexe aus «Der Zauberer von Oz». Eines Tages spielten mein Bruder und ich draussen auf einem der vielen Spielplätze in unserer Wohnsiedlung. Wir vergassen die Zeit und kamen erst nachhause, als es schon dunkel war. Meine Mama war ausser sich vor Angst und brüllte uns an. Im Fernsehen sah ich einmal einen Film, in dem die Mutter der jungen Hauptfigur starb. Ich eilte zu meiner Mama, die gerade auf dem Klo sass, und heulte Rotz und Wasser und hatte furchtbare Angst, dass sie sterben könnte.

Ich hatte und habe Mühe, S, SCH, und ST auseinanderzuhalten und ging in den Logopädie-Unterricht. Ich habe viel mit meiner gleichaltrigen Cousine unternommen, die in der Nähe wohnte. Als ich vom Tod meines Grossvaters erfuhr, sass ich gerade mit meiner Mutter und meinem Bruder beim Spaghetti essen in der Küche unseres Hauses.

Ich fühlte mich nicht wohl in der ersten Klasse. Ich galt als Streber, weil ich so viel wusste. Aber gab es noch andere Gründe dafür, dass ich oft geschnitten wurde? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich litt. Nach meinem ersten halben Schuljahr wanderten wir nach Guatemala aus. Von meiner beschaulichen 20-Köpfe-Klasse kam ich in die erste Klasse der Deutschen Schule in Guatemala. 40 Kinder, die Hälfte davon Guatemalteken, die andere Hälfte Deutsche. Und ich Schweizerin. Ich wurde mit offenen Armen empfangen. Die Hälfte der Unterrichtsstunden war auf Spanisch, eine Sprache, die ich (noch) nicht kannte. Eines Tages hatte ich plötzlich einen Test vor der Nase, dessen Ankündigung ich nicht mitgekriegt hatte. War ja auf Spanisch. Ich spickte auf dem Blatt meiner Tischnachbarin Julika, schrieb Antwort für Antwort ab, platzierte extra Schreibfehler, änderte die Reihenfolge der Sätze. Keiner merkte den Betrug. Mit sieben war ich wohl die geborene Verbrecherin. Von 40 Kindern hatten drei die Bestnote, eine 100. Ich war eine davon, und die Lehrerin lobte mich über den Klee. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken (und habe in der Folge nie mehr geschummelt. Ever. Naja fast ever.).

Wir hatten jetzt zwei Hunde, einen Schäferhund und einen Chihuaha-Mischling. Wir lebten in einer grossen Villa mit vielen Zimmern, die leer blieben. Leer! Der Flur im ersten Stock war so gross, dass ich dort mit dem Skatebord herumfuhr. Als ich eines Nachts aufs Klo musste, war der ganze Flur unter Wasser. Der Teppich in meinem Zimmer war samtblau.

So könnte ich ewig fortfahren. An alle diese Dinge von 1984 mag ich mich erinnern, als wären sie gestern passiert. Ich erinnere mich an die damit verbundenen Gefühle, auch an Gerüche, Gedanken. Wie ihr sicher festgestellt habt, sind die Assoziationen und Sprünge manchmal wirr. Aber es ist erstaunlich, was noch alles da ist, gespeichert in meinem Gehirn.

Und doch… vieles weiss ich nicht richtig. Mein Vater war wohl in jenem Jahr längere Zeit abwesend, weil er den Auslandaufenthalt vorbereiten musste. Oder doch nicht? Wie war es für uns als Familie, das Haus in Kisten einzupacken? Wie unglücklich war ich wirklich wegen der kleineren Querelen in der Schweizer Schulklasse? Wie beurteilten das meine Eltern und was taten sie dagegen? Ich weiss es einfach nicht. Habe ich wirklich immer von der Hexe geträumt, oder meine ich das nur? Welche meiner Freundinnen denkt heute noch an mich und wie? Claudia? Dahlia? Maya?

Das alles ist 33 Jahre her. Die Vergangenheit besteht aus einzelnen Pinn-Nadeln, unseren Big Moments, und ganz vielen Lücken dazwischen. Erinnerung ist selektiv. Aber «als ich sieben war» ist für mich wirklich magisch. Ich kann dieses Lebensjahr ganz genau einordnen, weil in dieser Zeitspanne so viel passiert ist. Genauso wie jeder weiss, wo er gerade war, als er von 9/11 erfuhr.

Was ich erlebt habe, als ich 14, 19, 26 war? Das verschwimmt alles zu einer bunten Masse von unkoordinierten Pinn-Nadeln. Aber die 7. Die 7 ist in mir eingebrannt.

Woran wird sich LadyGaga in 33 Jahren erinnern? Und woran erinnert ihr euch?

Und ach ja: Den «Zauberer von Oz» gibt es bei uns erst ab 18. So.

Ich freue mich, wenn Du den Beitrag teilst:

One thought on “Als ich sieben war

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.