Mein Besuch der Blogfamilia in Berlin

Am Wochenende war ich auf der Blogfamilia in Berlin, dem grössten und ältesten Elternbloggertreffen Deutschlands. Was war es schön, alte Blogger-Freunde wieder zu treffen!
Als Organisatorin der Swiss Blog Family, quasi dem Schweizer Pendant, ist es für mich immer wieder spannend zu sehen, wie sich die Szene weiterentwickelt.

Aufgefallen ist mir dieses Jahr, wie sehr sich die Elternblogger in Deutschland und in der Schweiz unterscheiden. In Deutschland sind Elternblogs mittlerweile politisch geworden, auch dank Pionierinnen wie Christine Finke von Mama arbeitet (die leider in Berlin abwesend war).

Elternblogs machen zum Beispiel aufmerksam auf die Missstände bei der Hebammenbetreuung in Deutschland. Am 12. Mai findet in Berlin eine Demo gegen Kinderarmut statt, die auch von Elternblogs getragen wird. Und so war es denn auch nicht verwunderlich, sondern eine logische Konsequenz, dass die deutsche Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Franziska Giffey, am Kongress anwesend war und ein Grusswort an die über 150 Teilnehmenden richtete. Ein Workshop war sogar von ihrem Bundesministerium gesponsert.


Mich als Schweizerin betrifft das nicht. Bei uns ist alles anders. Ich grübelte am Kongress: Kenne ich einen Schweizer Elternblog, der politisiert? Formieren wir uns zu EINER Stimme? Die Antwort ist einfach: NEIN. Die Schweizer Blogger stehen an einem ganz anderen Punkt: der Professionalisierung, denn auch hier stecken wir im Vergleich zu Deutschland noch in den Kinderschuhen. Die Politik in der Schweiz funktioniert einfach ganz anders als in Deutschland, da wir hier dank dauernder Volksabstimmungen eh partizipativ sind oder zumindest sein sollten.

Schlagfertigkeit kann man lernen

Besonders gefallen am Kongress hat mir die Präsentation von Nicole Staudinger, der Autorin von «Die Schlagfertigkeitsqueen». Früher war sie Verlagsleiterin und hat Inserate verkauft (sic!), bevor sie sich als Coach selbständig machte – um dann von einem Tag auf den anderen mit der Diagnose Brustkrebs dazustehen, Der Krebs ist mittlerweile geheilt und Staudinger eine Bestseller-Autorin (und Stehauf-Frauchen). In ihrem Vortrag gab sie Tipps, wie man auf blöde Sprüche reagiert. Drei Sekunden hat man in der Regel Zeit, um auf einen verbalen Angriff zu reagieren – «in der Schweiz sind es 30», sagte sie. Hrmpf.

Wenn einem nichts einfällt, solle man am besten sagen: «Ach was!» Und wisst ihr was? Genau das habe ich vor zwei Wochen jemandem gesagt, der mich im Dorf blöd von der Seite anquatschte: «Also Dich sehe ich ja auch immer nur im Auto unterwegs (und nicht zu Fuss, du faule Socke)». – «Ach was!». Ich habe das intuitiv gemacht, weil mir mal eine Therapeutin gesagt hat, schlechte Vibes solle man immer an den Sender zurücksenden. Probiert es doch mal aus, es funktioniert tatsächlich! Man kann sein Gegenüber nicht ändern. Aber man ärgert sich nicht stundenlang darüber, dass man keinen tollen Spruch parat hatte.

Wie komme ich zu Content?

Der Vortrag von Maximilian Buddenbohm und Familie (auch die zwei Söhne und seine Frau waren auf der Bühne und haben mitgewirkt=) hat mir Inputs gegeben, wie ich auch in Flautezeiten Texte für den Blog generieren kann. Für mich war das speziell spannend, weil es immer schwieriger wird, über die Kinder zu bloggen, da sie älter und im Dorf bekannt werden.
Maximilians Tipps zusammengefasst:

  • Immer Notizen machen, wenn man unterwegs ist und einem etwas einfällt
  • Andere Menschen fragen: Selbstbild/Fremdbild-Sollbruchstelle aufdecken
  • Auch der Partner und die Kinder können auf dem Blog mitschreiben. Das Image des Blogs kann so auch aufgebrochen werden. Ebenso können Gastbeiträge oder Interviews publiziert werden.
  • Rezensionen – das simpelste, was man bei Schreibblockaden machen kann
  • Erkläre die Welt: Es gibt grosse Contentlücken bei frischen Artikeln, die die Welt erklären.
  • Reg Dich auf: Das Private ist politisch.
  • Über den Druck von Aussen und Administratives schreiben
  • Über das Nicht-Schreiben können schreiben.

Mich hat der Vortrag sehr inspiriert, wieder vertieft darüber nachzudenken, wohin die Reise mit dem Blog Mama on the rocks gehen soll. Schon lange schreibe ich keine Kinderanekdoten mehr auf, denn ich möchte die Rechte meiner Kinder im Netz schützen. Ich schreibe vom Ich aus. Ich habe immer noch viel zu erzählen. Bei mir geht es um Vereinbarkeit, Karriere, die Wechseljahre, meine Reisen, mein Mutter und Frau sein. Ich bin immer noch Mama, ich bin immer noch «on the rocks». Aber vielleicht ist es wirklich langsam an der Zeit, den Blog umzubenennen. Aber irgendwie getraue ich mich noch nicht. Wie seht ihr das?

18 Gedanken zu „Mein Besuch der Blogfamilia in Berlin

  1. Hallo Séverine,

    Ich fand schön, dass Du in Berlin warst. Im übrigen sind Witze über Schweizer_innen (oder jede andere Nationalität) nicht cool. Ich fand das auch doof von Nicole.
    Im übrigen ist über „Vereinbarkeit“ schreiben auch politisch, auch wenn da nicht fett Politik drüber steht.

    Liebe Grüße
    Alex

    1. Lieber Alex, ich fand es auch toll, Dich wieder zu sehen! Und Du hast recht, über Vereinbarkeit zu bloggen, ist natürlich auch politisch. Ich habe mich da zu ungenau ausgedrückt. Was ich meine: In der Schweiz gehen wir deshalb noch lange nicht auf die Strasse und bewegen etwas als Masse. Wir sind eher noch im Findungsprozess.
      LG
      Séverine

      1. Also mit dieser Aussage bin ich grad ganz und gar nicht einverstanden. Wenn ich anderen Eltern dazu aufrufen, auch schon mit ihren kleinen Kindern an der Urne abstimmen zu gehen und mit ihnen über Abstimmungen zu reden oder mich via meine SoMe-Kanäle an Abstimmungskampagnen oder Unterschriftensammlungen für Volksinitiativen oder Referenden beteilige, wenn ich Eltern dazu auffordere, statt sich aus dem System zu verabschieden, die existierenden Möglichkeiten zu nutzen, um das System zu verändern (guckst du meine Homeschooling-Artikel, die gehen alle in die Richtung), dann ist das mehr als nur indirekt politisch.
        Und jetzt auf in den (Abstimmungs)-Kampf für einen Vaterschaftsurlaub, der mehr als 1 Tag dauert!

        1. Du hast ja recht 🙂 Aber ich spüre in Deutschland einfach mehr Empörung der Masse als bei uns. In der Schweiz sind es mehr einzelne Aufschreie. Aber ich finde es gut, sind doch einige empört über meinen Blogpost. Das heisst, es bewegt sich doch etwas. Das ist toll!!!!

          1. Ich glaube man muss sich auch weniger empören, wenn man seine Meinung direkt an der Urne ausdrücken kann. Und viele der konkreten Aktionen laufen über die SoMe, und nicht über die Blogs.
            Dann ist es natürlich schon so, dass “man” nicht über Politik oder Religion redet, geschweige denn schreibt. Das macht “man” einfach nicht.
            Handkehrum könnten wir als Trendsetterinnen auch einfach damit anfangen. Mit dem Risiko, Leserinnen zu verlieren, weil man sich plötzlich als Links-Rechts-Sozi-FdP-Liebnett- usw. outet. Handkehrum behandeln die grossen Elternblogs (DER Mamablog, Wir Eltern-Blog usw.) doch schon politische Themen…. wenn man genau darüber nachdenkt, kommt imfall einiges zusammen merke ich jetzt grad.

  2. Ich lese Dich, weil ich Deine Texte und Deine Sichtweise mag!
    Für mich wirst Du immer Mama on the rocks bleiben, egal mit welchem Namen Du rockst 😉
    War sehr schön, Dich in Berlin getroffen zu haben!

  3. Ich habe mein Blog ja unbenannt, aber wohl auch nicht konsequent genug. Und aus zumindest nicht identischen Gründen. Wenn du magst, mache es.
    Aber ich finde, dass du immer noch perfekt passt zum TITEL.

    Ich habe mich übrigens so sehr gefreut, dich in Berlin zu treffen. Schade, dass am Ende wieder einmal zu wenig Zeit für zuviele tolle Leute da war.

    Gruß&Kuss
    Kerstin

    P.S.: Ich finde die Außenansicht einer Schweizerin auf die deutsche Elternblogger-Szene spannend. 😀 Und jaaaa!!! auch mein Blog wird immer eckiger und politischer. Aber das gilt bei weitem nicht für alle Blogs. Es gibt genug ganz andere noch in Deutschland. 😉 Die Welt der Blogs ist wunderbar bunt.

    1. Liebe Kerstin, ich habe es sehr genossen, mit Dir zu quatschen! Schade, ging die Zeit so schnell rum! Aber dennoch kann man von so kurzen Begegnungen zehren, finde ich. Ich freue mich schon auf unser nächstes Treffen! Alles andere online 😉

  4. Es kann absolut belebend sein, das Blog umzubenennen. Ichhabe mich irgendwann mit dem alten Namen nicht mehr wohlgefühlt und fand es dann geradezu befreiend, einen neuen Namen zu haben. Aber es ist ein reines Gefühlsdings.Und danke für den Absatz zum Vortrag!

  5. Du wirst immer “Mama on the rocks” bleiben. Aber wenn es Dich in den Fingern juckt, such Dir einen neuen Namen. Das ist ja das Gute am Bloggen: Your blog your rules!

  6. Pia Driessen schrub doch mal einiges darüber, weshalb es nicht schlau sei, “Mama” im Blognamen zu haben… Weil man irgendwann wegkomme von den Kleinkinderthemen und wieder mehr sich selber ausdrücken wolle. Aber weisch was?! Ich BIN ich selber, auch mit meinem Blognamen. Ich werde noch sehr, sehr lange eine Mama sein, die kaum Zeit für irgendwas hat, weil sie immer so viele Projekte am Laufen hat. That’s me!

    1. Au ja, das ist ein super Argument!!! Danke dafür 🙂 Ich glaube, ich freunde mich doch wieder langsam an mit meinem Namen und lass es so. Ich bin noch lange eine Mama, die rockt! 🙂 Nur die Kinderthemen, die gibt es hier immer weniger. LG in den Westen, Séverine

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