Hört auf, auf euer Handy zu starren

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als Sonja vom Blog Mama notes 2015 den Blogpost «Ich bin die Mutter, die in ihr Handy starrt» veröffentlichte. Die ganze Filterbubble (ich eingeschlossen) war begeistert. Ja, es ist okay, wenn wir unser Smartphone immer dabei haben. Sonst drehen wir durch, so alleine mit den Kindern, ohne Kommunikation zur Aussenwelt. Sonja schrieb: «Warum fühlt es sich für viele nicht richtig an, sich mit ihrem Handy zu beschäftigen? Wäre das bei einem Buch, einer Zeitung oder im Gespräch mit einem anderen Menschen anders? Vermutlich ja. Die Skepsis ist groß gegenüber dem modernen Kommunikationsgerät. Denkt Euch das Handy weg. Seht einfach zwei oder mehrere Menschen im Gespräch. Dürfen Eltern sich unterhalten, während ihre Kinder dabei sind? Ja. Auch jeden Tag. Eltern sind Menschen.»

Sonja nahm mir – uns! – mit diesem Blogpost das schlechte Gewissen. Und das ist gut so. Das Smartphone hat mir als Mutter, als Geschäftsfrau, als Mensch so viel gegeben in den letzten Jahren!

Heute, drei Jahre später, sehe ich das etwas anders, differenzierter. Wir sind an diesem von Sonja genannten Punkt angelangt: «Alles Neue und Fremde muß erst mal beobachtet, beurteilt und Langzeitfolgen abgeschätzt werden können, bevor sich die Meisten damit wohlfühlen können.»

Die Tendenz der Langzeitfolgen ist langsam erkennbar.

(c) Fotolia

In den Ferien habe ich ein Buch gelesen, das mir die Augen geöffnet hat. «Digitaler Burnout» von Alexander Markowetz (ich weiss ehrlich gesagt nicht mehr, ob ich es selber gekauft habe oder es ein Rezensionsexemplar war). Der ehemalige Juniorprofessor für Informatik forschte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn im Bereich der Smartphone-Nutzung. In seinem Buch spricht er von einer antrainierten «kollektiven Funktionsstörung», nämlich der digitalen Daueralarmbereitschaft.

«Die permanenten Unterbrechungen durch unsere Smartphones haben zu einer totalen Fragmentierung unseres Alltags, unserer Arbeit und unserer Freizeit geführt» sagt Markowetz.

Schuld daran ist Dopamin, das Glückshormon – das wollen wir nämlich im Gehirn freisetzen, indem wir auf dem Handy nachschauen, wer uns eine SMS oder eine Mail zu welchem Thema geschrieben hat, was auf Twitter gerade läuft, wer was auf Instagram gepostet hat. Schon alleine die Erwartungshaltung, die Vorfreude quasi, setzt im Gehirn Dopamin frei. Aber ich schaue ja nicht nur, was andere posten. Ich schreibe selber bei Twitter etc. und muss nachher nachschauen gehen, wer denn geliked und wiederum geantwortet hat. Komme ich gut an, werde ich gemocht?

Es geht schon längst nicht mehr nur darum, mit anderen Erwachsenen zu kommunizieren, um ein Leben neben den Kindern zu haben. Es geht um viel mehr. Es geht um Instant Gratification. Wir kriegen alle ein sofortiges Feedback im Word Wide Web. Und unser Dopamin im Gehirn jubelt.

Das ist alles immer noch kein Problem. So ist das heute halt nun mal. Die Gesellschaft entwickelt sich weiter. Aber was mich ins Grübeln bringt, ist die Sache mit der Fragmentierung.
Markowetz veranschaulicht in seinem Buch, wie die vielen Unterbrechungen durch unser Smartphone unseren Alltag zerstückeln. Wir sind immer im Unterbrechungsmodus, und sei es auch nur, um ein Bild auf Instagram hochzuladen und der Welt zu zeigen, was wir gerade erleben. Wirklich nur ganz kurz!

Ich arbeite am Computer, mein Handy vibriert, weil eine Nachricht reinkommt. Ich nehme das Handy in die Hand, lese die Nachricht, beantworte sie vielleicht. Dann widme ich mich wieder einer Mail. Oh und ich wollte doch der X und der Y noch eine DM auf Twitter schreiben…

Das Problem: Die ständigen Ablenkungen unterbrechen den Flow-Aufbau der eigentlichen Arbeit. Als würde ich zum Beispiel diesen Blogpost in zig Versuchen zusammenstückeln anstatt in einem Guss schreiben. Deshalb hat es nämlich so lange gedauert, bis ich diesen Beitrag schreiben konnte. Ich wollte ihn nicht in zig kleineren Slots «zusammenbasteln», sondern dem Gedankenfluss folgen. Es braucht Zeit, um Gedanken und Ideen aufzubauen. Das Handy nimmt uns diese Zeit. Nach jeder Handy-Unterbrechung fangen wir gedanklich wieder bei Null an. Digitaler Burnout galore.

Pomodoro-Technik

Aber es gibt eine konkrete Lösung. Markowetz verweist hier auf die Pomodoro-Technik von Cirillo:

  • Stoppuhr auf 25 Minuten stellen (die Uhr hatte im ersten Versuch die Form einer Tomate, deshalb Pomodoro).
  • Festgelegte Arbeit und NICHTS ANDERES in dieser Zeit erledigen.
  • Fünf Minuten Pause.
  • Nach vier Pomodori (=2 Stunden) gibt es eine Pause von 15-20 Minuten.

Alles immer noch nicht so schlimm? Bei mir schon. Wenn nämlich die Gedanken so sehr zu kreisen anfangen um zig Projekte, dass alle Projekte Prio A haben und Du nicht mehr weisst, wo vorne und hinten ist. Und dann das Handy zückst, um zu schauen, ob ein Kunde per Mail ein Inserat gebucht hat: Dann ist es nicht mehr gut. Wenn ich alle Social-Media-Kanäle automatisch auf Nachrichten checke – dann ist es nicht mehr gut. Dopamin, here we go. Wir lassen uns ja so gerne ablenken.

Wo sind die Pausen?

Wenn ich früher (sehr viel früher!) an der Bushaltestelle wartete, hatte ich nichts zu tun. Ich wartete einfach. Mit einer Freundin verabredet und sie ist zu spät? Warten. Heute stehe ich auf dem Zuggleis, der Zug fährt ein – ich checke die Mails. Ich warte vor dem Kindergarten auf meinen Sohn – ich schaue mir Instastories an. An der Kasse geht es mir zu lang? Ich poste einen Tweet. ICH. HABE. KEINE. PAUSEN. MEHR. Meine Festplatte ist komplett fragmentiert.

So drehen meine Gedanken, während ich das Buch von Markowetz lese. Bis da plötzlich dieser fiese Vergleich in meinem Hirn aufblinkt: Als ich noch geraucht habe, habe ich an der Busstation jeweils rasch eine Zigarette geraucht. Beim Warten auf die Freundin auch. Es geschah automatisch, ohne Freude. Ich musste einfach. Es war eine Sucht. Und auch das Rauchen fanden früher alle cool, bis man die Spätfolgen kannte.

S.C.H.E.I.S.S.E.

Dabei braucht unser Gehirn gerade diese kleinen Pausen des Nichtstuns, um die Festplatte zu säubern.

Unser Handykonsum bewirkt, dass wir alle viel und gleichzeitig nichts können. Wir können nur noch kleine Einheiten an Informationen verdauen. Das Gehirn ist überladen, dauerbeschallt. Man denke sich noch die Lautstärke der Kinder dazu…. Multitasking geht irgendwie anders. Ich habe gefühlt nur noch ein Karussell im Kopf.

Deshalb bin ich zum Entschluss gekommen, per sofort meinen eigenen Handykonsum zu reglementieren. Wohlgemerkt: Ich verteufle das Smartphone nicht! Der Nutzen ist immens und ich könnte, WOLLTE nicht darauf verzichten. Aber wenn ich nicht mal fünf Minuten an der Bushaltestelle stehen kann, ohne nach der nächsten Zigarette dem Handy zu kramen, dann passt mir das für mich persönlich einfach nicht mehr. Und: Wir sind ja auch Vorbilder für die nächste Generation!

Deshalb hier meine ersten 5 Schritte zu mehr Achtsamkeit in meinem digitalen Alltag:

  • Nach dem Aufstehen am Morgen blicke ich nicht als erstes auf die Mails, SMS etc.
  • Nach 20 Uhr schaue ich ebenfalls keine Mails mehr an. Und Leute, DAS ist verdammt schwer für mich!
  • Ich bin prinzipiell nicht mehr so viel auf Social Media unterwegs. Ich habe festgestellt, dass sich die Welt weiterdreht, auch wenn ich nicht zu allem meine 2 cents beitrage.
  • Unterwegs beim Warten irgendwo versuche ich, nicht immer gleich das Handy zu zücken. Ich versuche, bewusst die Umgebung wahrzunehmen und zu SEHEN, wo ich eigentlich gerade bin.
  • Ich lese wieder viel viel mehr Bücher. Und merke, dass mir das richtig richtig gut tut.

Ich kann aber noch viel mehr machen für die Defragmentierung meines Lebens und habe auch schon einiges davon umgesetzt in den letzten Wochen. Ich nehme euch wie immer mit auf diesen Weg, kommt ihr mit? Und noch viel wichtiger: Was tut ihr, um dem digitalen Burnout entgegenzuwirken?

 

Mit diesem Beitrag nehme ich an der Blogparade „Wie #medienkompetent bin ich?“ der denkst-Konferenz teil, die am 29. September in Nürnberg stattfindet.

 

Ich freue mich, wenn Du den Beitrag teilst:

9 Gedanken zu „Hört auf, auf euer Handy zu starren

  1. Es ist wirklich ein spannendes Thema, weil wir alle unseren Weg im Umgang mit dem Smartphone erst allmählich finden.
    Ich finde die Schilderung (Fragmentieren) total logisch und letztendlich steht Sonjas Text dem nicht im Widerspruch: Denn wenn wie das Handy nutzen, wie es uns gut tut (auf dem Spielplatz z. B. oder um Arbeit mit Familie vereinbaren zu können), dann ist ja alles gut. Und ein Urteil von außen steht einfach keinem zu.
    Dennoch: Alles kann ZUVIEL werden, auch das Handy, gerade aber Social Media. Ich habe jetzt schon mehrmals kurz und einmal länger (so 8 Wochen?) komplett auf Social Media verzichtet, bin seither nur noch alle drei Wochen mal auf Fb. Twitter hingegen gibt mir mehr und ich bin wieder täglich da, manchmal auch schon wieder fast zu viel.

    Da hinzuspüren, wo Lücken gefüllt werden, wo die Realität um mich ausgeblendet wird (vielleicht, weil sie mir nicht passt?), das tut gut und darüber lerne ich Selbstregulation. Dabei gab es bei mir schon immer Tage, an denen ich das Ding nicht in der Hand habe, weil z. B. Freunde da sind oder wir viel unternehmen.

    1. Liebe Julia
      ja genau das meinte ich auch! Der Text von Sonja hat auch für mich nach wie vor seine Berechtigung, vielleicht kam das zu wenig rüber. Aber wenn bei der Smartphone-Nutzung plötzlich Automatismen erkennbar sind, die eigentlich nur noch dem Ziel der Dopaminausschüttung dienen, dann läuft etwas falsch. Bei mir ist das zurzeit so. Und dennoch würde ich auf dem Spielplatz etc. genau gleich das Handy zücken, ohne mich rechtfertigen zu wollen. Achtsankeit ist wohl das Schlüsselwort.

  2. Liebe Séverine

    Ich weiss nicht, ob das mit dem Alter zusammenhängt, aber seitdem ich 40 bin (das ist erst wenige Wochen her), sehe ich die Welt mit anderen Augen und habe das Gefühl, nicht mehr überall up to date sein zu müssen. Für mich ist es eine Befreiung, mein Leben bewusst zu entschleunigen, vor allem, wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin. Denn in diesen Momenten halte ich mich zurück (das fällt mir auch nicht immer leicht), aber ich versuche, nicht gedankenlos mein Handy zu zücken. Nicht nur meinetwillen, sondern auch meiner Kinder Willen. Denn als Vorbild (ich hoffe doch ich bin das für meine Jungs) eifern sie mir nach. Schaue ich aufs Handy, wollen sie es auch. Ein Handy + eine Mutter + zwei Jungs = drei Probleme. Denn jeder von uns erhebt Ansprüche darauf. Wie soll ich meinen Kindern einen vernünftigen Umgang mit Medien aller Art vermitteln, wenn ich es ihnen nicht vorlebe?!

    Dann gibt es noch die Momente, wenn man sich mit Freunden trifft. Ja, man hat sich seit langem nicht gesehen und eigentlich viel zu erzählen. Und dann hat irgendwann im Laufe des Abends doch jeder sein Handy in der Hand. Eigentlich ein trauriger Anblick. Aber es sind eben diese Automatismen, die sich bei vielen im Laufe der Zeit eingeschlichen haben. Deswegen lasse ich, wenn ich mich mit Freunden treffe, das Handy bewusst in der Tasche und tummel mich weder auf Instgram noch auf Facebook in dieser Zeit rum.

    Meine Portion Glück fürs Gehirn hole ich mir durch regelmässige Bewegung an der frischen Luft, beim Velofahren und Joggen. Du machst das mit deinen 5 Schritten zu mehr Achtsamkeit im digitalen Alltag. Ein wirklich super Vorsatz – ich wünsche dir viel Erfolg dabei! Jeder belohnt und entwöhnt sich auf seine Weise. Wichtig ist, dass wir es überhaupt tun…

  3. Also ich kann nicht behaupten, dass ich früher, wenn ich wo warten musste, nichts gemacht hätte. Ich hatte immer was zu Lesen dabei und wenn nicht, bin ich an den nächsten Kiosk gerannt, um irgend nen Schrott zu kaufen, irgend welche Buchstaben zum Reinziehen. Im Notfall sogar die Packungsbeilage meiner Kopfwehtabletten…
    Das Problem mit dem Handy habe ich weniger, ganz einfach, weil ich nicht gerne an dem kleinen Bildschirm schreibe – da drehe ich durch. Deshalb warte ich lieber, bis ich am Computer sitze. Dort lasse ich mich aber auch gerne ablenken…

  4. Freu dich auf das kommende iOS Update da kannst du am iPhone definieren wann wie lange du mit was online sein kannst/darfst. Anschliessend wird’s du erinnert/gewarnt dass du es übertreibst.
    Denke das kann bei vielen das Bewusstsein dafür stärken. Ist sicherlich etwas was du mal ausprobieren kannst/solltest.

  5. Ich habe das vor ein paar Jahren schon gelernt. Wenn man größere Kinder mit eigenen Smartphones hat, dann MUSS Mutter noch viel mehr Vorbild sein. Und beim darauf achten, dass ich es nicht öfter in die Hand nehme als die Kinder das dürfen wurde mir ganz schnell klar wie sehr ich „süchtig“ war.

  6. Mein großer Schritt in diese Richtung ist, dass ich bei den meisten Apps die Benachrichtigungen ausschalte und E-Mails nicht autom. abrufen lasse, sonder selber reinlade, wenn Zeit (aber ich hab auch keine beruflichen Mails am Handy (nötig)…
    Dadurch schaue ich dann „nur mehr“ am Weg zum Klo zB aufs Handy (wobei ich auch da oft versuch, dass Handy gar nicht mitzunehmen….). Oder mal auf lautlos/nicht stören.

    Problematisch find ich für mich aber fast eher das Gefühl, dass man immer gleich antworten muss oder zumindest will. Früher hat man einen Brief bekommen und erst wenn Zeit war, mal wieder zurückgeschrieben. Heute schreibt man oft stundenlang hin und her – wo beide gerade Zeit haben zu schreiben und online sind aber halt Baby am Arm, stillen, einschlafbegleiten etc. Da passt es ja eh, aber durch ein Telefonat wäre oft dann halt in 5 Minuten weit mehr erzählt als so in 1 h chatten.

    Danke für den Beitrag und ich nehme die Challenge an… 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.