Mama, mach mal Pause

Ihr kennt das: Das Kind ist krank und der eigene Arbeitstag sowie alle To do’s zerfallen zu Asche. So ging es mir letzte Woche. Am Wochenende schien bei Copperfield dann endlich alles wieder gut – bis eine schmerzhafte Mittelohrentzündung on top kam. Und natürlich wurde auch mein Mann krank. Wär ja sonst nicht witzig (okay, es IST nicht witzig). Die Woche startete wieder mit meinem Arbeitsausfall. Ich beschäftigte mich statt mit Texten und Offerten mit Kinderarztterminen, Pokémon (seufz), Apothekenbesuchen und Kochen für die Kranken. Mein Mann verbrachte einen grossen Teil des Tages im Bett, weil – er ist ja krank. LadyGaga hingegen war als einziges Familienmitglied den ganzen Tag nicht zuhause, sondern in der Schule und im Hort, weil – eigentlich wäre es ja mein Arbeitstag gewesen.

Ich spielte mit dem kranken Kind, machte die Wäsche, räumte auf, sortierte und räumte weg. Innerlich zerrissen, schlich ich mich zwischendurch an den PC, um ein wichtiges Mail zu beantworten. Der Frust war gross.

Um 16.30 Uhr kam die Tochter nachhause, voller Eindrücke und Aufregungen. Sie erzählte fröhlich von ihrem Tag und was sie alles noch erledigen wollte.

Derweil räumte ich müde den Geschirrspüler aus, während ich versuchte, mich auf meine Tochter und ihre Bedürfnisse zu konzentrieren, die einem Wasserfall gleich Worte und Gesten auf mich sprudeln liess. Eigentlich fühlte ich mich mental ziemlich zum Kotzen.

(c) Adobe Stock

Plötzlich hielt LadyGaga nachdenklich inne, hielt meine Hand fest, fixierte mich mit den Augen und sagte: «Weisst Du was, Mama? Leg Dich doch mal aufs Sofa und entspanne für 10 Minuten. Du siehst müde aus. Danach wird es Dir viel besser gehen. Ich komme hier alleine zurecht.»

Perplex schaute ich sie an.

Langsam legte ich ein Glas zurück in den Geschirrspüler und murmelte ein «Ja dann….». Und ich ging zum Sofa und legte mich wie befohlen hin. Copperfield spielte auf dem Fussboden in meiner Nähe mit seinen Lego, weil – krank mit Fieber und Ohrenschmerzen heisst bei Kindern ja nicht gleich Schlafen im Bett.

Ich schloss die Augen. «Copperfield, nicht so laut, Mama macht Pause», hörte ich meine Tochter flüstern.

Die Kinder spielten friedlich. Ich döste selig. Nur kurz. Nur ganz kurz.

Die Tochter streichelte sanft meine Schulter, so wie ich es immer bei ihr tue, wenn ich sie morgens wecke. «Mama, Du solltest aufwachen, es ist schon eine Stunde vergangen und das tut Dir sicher nicht gut, tagsüber so lange zu schlafen.»

Ich drehte mich schläfrig zu ihr um. Eine Stunde?!

Tiefenentspannt und dankbar stand ich langsam auf. Wie gut das getan hatte. Mein Kopf war frei jeglicher Last. Ruhig machte ich mich daran, das Abendessen für die Familie vorzubereiten.

Was ich daraus gelernt habe

Dieser Tag hatte eine grosse Lektion für mich parat. Offenbar hatte ich innerlich sehnlichst darauf gewartet, dass jemand zu mir sagt: «Séverine, es ist gut so, mach mal Pause. Geh vom Gaspedal runter.» LadyGaga hatte das gespürt, und ich konnte dank ihrer Aufforderung die Verantwortung für einen kurzen Moment abgeben.

Es hätte nicht meine Tochter sein sollen, die das sagt, denn das ist nicht ihre Aufgabe. Dessen bin ich mir durchaus bewusst. Sie soll sich nicht Sorgen um mich machen müssen. Aber ich bin dankbar für dieses wunderbare Geschenk, das sie mir gemacht hat. Manchmal braucht es einfach jemanden, der einem liebevoll sagt: Mach mal Pause. Und dieser jemand sollten vor allem wir selber sein.

Ich muss nicht immer auf Hochtouren laufen. Ich bin gut genug.

 

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