Learnings aus fünf Jahren Selbständigkeit

Ich glaube es ja selber kaum: Im Sommer 2014, nach dem Mutterschaftsurlaub, habe ich mich selbständig gemacht. Fünf Jahre ist das nun her. Damals war ich 37. Zeit, ein paar Learnings und Facts festzuhalten.

Achtung vor dem Ausbrennen

Die ersten zwei Jahre der Selbständigkeit habe ich JEDE NACHT bis 23 Uhr gearbeitet, um so viel Zeit am Tag wie möglich mit Baby Copperfield und LadyGaga verbringen zu können. Nach zwei Jahren war aber Ende der Fahnenstange. Ich habe gemerkt, dass mein Körper das nicht mehr mitmacht und ein Burnout sich ankündigt. Ich trat auf die Vollbremse mit den Nachtschichten, gleichzeitig stockte ich die Tagesbetreuung bei den Kindern auf, so dass ich mehr zu regulären Arbeitszeiten am Schreibtisch anzufinden war. Das war dringend nötig, um nicht auszubrennen.

Auch heute noch gilt: Wenn ich zu viele Termine in zu kurzer Zeit habe, werde ich sehr unruhig und falle in ein emotionales Loch. Um dem entgegenzuwirken, plane ich mittlerweile Feel-Good-Pausen (Me-Time) ein: Nach einem Termin einfach mal in ein Café sitzen und lesen. Oder in der (fremden?) Stadt spazieren, alleine essen gehen. Im Endeffekt: den Moment geniessen und innehalten. Das gelingt mir nicht immer, aber ich versuche, darauf zu achten und Möglichkeiten wahrzunehmen, wo sie sich ergeben.

Die Finanzen

Am Anfang der Selbständigkeit lebten wir vom Einkommen meines Mannes. Mein Lohn war nur das Sahnehäubchen. Mit dem Erfolg des Verlags änderten sich auch die finanziellen Verhältnisse, was nicht bedeutet, dass es nicht jeden Monat ein heiteres Rätselraten ist, ob wir unsere Rechnungen bezahlen können. Wer selbständig ist, zahlt sich selbst eben nur Lohn aus, wenn das auch geht. Diese Unsicherheit ist zuweilen sehr belastend, aber man lernt, mit diesem Druck und der Verantwortung umzugehen, ähnlich einem Marathonläufer, der seine Kräfte einteilen muss.

Outsourcing

2014 habe ich noch den ganzen Haushalt «nebenher» gemacht, da ich ja sowieso zuhause war – und habe mich dabei total verheizen lassen. Das Gehirn war unter Dauerbeschuss mit To do’s. War das Klo nicht geputzt, war ich genervt, weil man Mann vermeintlich keinen Finger rührte – weil ich ja zuhause war. Sobald es finanziell tragbar war, habe ich eine Putzfrau eingestellt. Nicht nur zu meiner Entlastung, sondern um Konfliktpotenzial in der Beziehung zu eliminieren.

Ganz ehrlich, das Haus entspricht puncto Sauberkeit nicht mehr meinem Standard. Aber man muss Abstriche machen, wenn man «vereinbar» sein will, und so lange die Kinder saubere Kleider und Essen haben, ist meiner Meinung nach alles im grünen Bereich.

Auch die Finanzen habe ich mittlerweile ausgelagert. Ich habe einen Treuhänder, der meine Buchhaltung und unsere Steuererklärung macht.

Home-office

Immer wieder stellt sich mir bzw. stellt man mir die Frage nach dem Home-office. «Ist es nicht blöd, wenn man Arbeit und Familie nie trennen kann?» Ganz ehrlich? Natürlich ist es blöd. Andererseits…

Gestern hatte ich eine Sitzung mit meinen Geschäftspartnern bei mir zuhause. Danach musste ich direkt für die Kinder kochen. Vereinbarkeit galore! Am Nachmittag gab es einen Vorlesenachmittag in LadyGagas Hort, wo beide Kinder unbedingt hingehen wollten. Heute Morgen um 9 Uhr hatte ich einen Termin bei LadyGagas Lehrerin. Freitag in einer Woche ist Sportfest an der Primarschule. Wo bitte kann ich sonst so flexibel sein und alle Familienbedürfnisse auffangen, wenn nicht zuhause? Ich verpasse nichts im Leben meiner Kinder und bin dennoch voll berufstätig. Das ist doch schlicht brilliant.

Dazu kommt: Ich habe keinen Arbeitsweg. Ich kann sofort mit der Arbeit loslegen, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Wenn ich Termine mit dem Team in Zürich habe, schlaucht mich das jedes Mal so sehr, dass ich quasi einen Tag brauche, um mich davon zu erholen. Das ist nicht sehr produktiv. Als Alternative könnte ich natürlich auch ein Büro oder ein Coworking-Space in Aarau beziehen. Aber das ist auch wieder eine Frage der Finanzen – das liegt einfach nicht drin. Wenn ich zwischen Büro und Putzfrau wählen muss, nehme ich ganz klar die Putzfrau.

Die Kehrseite der Medaille: Die Freiheit bei den Terminen bedeutet auch, dass ich «mal schnell» die Waschmaschine anlasse oder Ansprechpartnerin für alle Handwerker bin. Ich schlage mich mit Werbeanrufen herum. Ich bin nicht 100% konzentriert. Irgendwas ist immer.

Ich mag mein Büro ja sehr – Photo by dylan nolte on Unsplash

Sich selber auf die Schulter klopfen

Nur drei von vier Firmen überleben das zweite Jahr nach der Gründung. Meinen Verlag gibt es jetzt schon fünf Jahre! Als ich startete, wurde ich von der Konkurrenz belächelt. Dann gefürchtet. Jetzt respektiert. Ich habe etwas kreiert, das es auf dem überfüllten Markt bisher so nicht gegeben hat. Ich habe bewiesen, dass ich es drauf habe. Ich. Bin. Gut.

Das klingt jetzt so nach wuauw-mega-easy-peasy-die-ist-so-selbstsicher. Aber wisst ihr was? Diese Selbstsicherheit ist hart erarbeitet. Und meinen Erfolg lasse ich mir nicht kleinreden. Deshalb sage ich mittlerweile auch ohne schlechtes Gewissen den anderen Müttern hier im Dorf: Ja, ich arbeite viel und bin erfolgreich.

Die Rolle des Partners

Die ersten zwei Jahre der Selbständigkeit hätte ich ohne meinen Mann nicht geschafft, der mir damals den Rücken freihielt. Seit zwei Jahren hat er eine neue Stelle und geht um 6.15 Uhr ohne die Kinder zu sehen aus dem Haus und kommt abends nach 18/19 Uhr nachhause. Seither bin ich alleine für die «Frühschicht» zuständig und kümmere mich auch gegen Abend wiederum um alles (einkaufen, Abendessen vorbereiten etc.). Diese Umverteilung der familiären Ressourcen spüre ich erheblich. Ich bin ehrlich: Ich hätte es anders lieber. Es gibt Tage, da bin ich dank der Kinderbetreuung/-erziehung schon nudelfertig, bevor der eigentliche Arbeitstag überhaupt begonnen hat.

Das Bauchgefühl

Seit ich 2012 gefeuert wurde, arbeitslos war, zwei Fehlgeburten und einen Unfall hatte, habe ich gelernt, vor allem beruflich ganz stark auf meinen Bauch zu hören. Wenn ich das nämlich tue, treffe ich keine Fehlentscheidungen. It’s a fact. Mein Umfeld hat damit zum Teil seine Mühe. Da müssen Fakten her, Analysen, Prognosen, Richtlinien. Damit habe ich wiederum Probleme. Ich bin eine Taktikerin und arbeite gerne abseits von Schema F. Ich bin zwar durchaus ein Kopfmensch. Aber ich habe mittlerweile ein Urvertrauen in mich entwickelt, und es ärgert mich, wenn jemand an meinem Instinkt rütteln will, weil das nicht in die eigenen Konventionen passt. Dabei weiss ich: Es sollte mich nicht ärgern. Die anderen haben ein Recht darauf, anders zu funktionieren als ich.

Take it, change it or leave it hat auch in der Selbständigkeit noch seine Berechtigung, und tatsächlich hatte ich letzten Herbst aus verschiedenen Gründen den Wunsch, alles hinzuschmeissen. Aber ich bin noch da. Wer erfolgreich sein will, muss auch Durchhaltewillen haben und emotionale Durststrecken und manchmal Bad vibes wegstecken können. Im Juni erscheint unser viertes Ärztemagazin. Wir produzieren somit aktuell 16 Ausgaben pro Jahr. Sechzehn!

The point of no return

Wie es die kommenden Jahre weitergeht, weiss ich nicht. Natürlich habe ich noch Visionen, aber die teile ich hier nicht. Ich werde mich weiter von meinem Instinkt leiten lassen. Sicher werde ich mein zweites Standbein, die Swiss Blog Family, noch mehr stärken. Vielleicht bringe ich noch mehr Ärztemagazine auf den Markt. Eines aber ist mir sonnenklar: Ich werde nie mehr in einem Angestelltenverhältnis arbeiten oder einen Chef über mir dulden. Ich werde nie mehr Aufträge annehmen, die mir einen Klumpen im Magen machen (siehe die Story mit meiner Hebamme, die mich betrogen hat). Ich werde nie mehr pendeln. Ich arbeite dort, wo ich bin, wann ich es will. Ich bin beruflich in keinem Hamsterrad aus Konventionen gefangen, sondern gehe meinen Weg. Ich fühle mich frei, plane jeden Tag individuell. Die Selbständigkeit war die beste Entscheidung ever.

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