Heute hatte ich unbeschreibliche Angst

Heute war eigentlich ein ganz normaler Tag. Frühmorgens machte ich LadyGaga für die Vorschule fertig. Copperfield bekam sein Fläschchen. Ich ging um 9 Uhr mit dem Baby zum Spazieren aus dem Haus. Um 11 Uhr setzte ich mich an den PC und arbeitete, mein Sohn schlief. Ein Nachmittag relativ konzentrierten Arbeitens wartete auf mich, denn LadyGaga ging nach der Vorschule wie die Wochen davor direkt in die Kita. Um 12.05 Uhr klingelte das Telefon, das neben mir lag. Ich nahm ab, ohne nachzudenken. Ohne zu wissen, dass ich in einer Minute in Schockstarre durchs Haus eilen würde, um meine Sachen zusammenzupacken. Was war geschehen? (Achtung, nichts für schwache Nerven!)

Am Telefon ist eine Erzieherin der Kita. Sie fragt nach, ob LadyGaga nicht hätte bei ihnen sein sollen um 12. Hätte!!!! Ich kann nur unverständliches Zeugs brabbeln. Sie ist nicht bei mir. Nein. Sie muss doch. Kita. Von der Vorschule. Nein. 5 Minuten Gehweg, in der Gruppe mit anderen Kindern. Nicht da? Ich fahr jetzt. Auto. Handy ist dabei.

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Ausnahmezustand

Ich versuche, nicht hysterisch zu sein. LadyGaga! Die Betreuerin sagt, dass sie ihrerseits den Weg ablaufen (die Vorschule befindet sich genau im Dreieck Haus – Vorschule – Kita). Ich muss mein Handy finden. Da ist es. Anruf in Abwesenheit – die Kita. Warum hat das Scheisshandy vorhin nicht geklingelt!?!? Copperfield! Den muss ich ja wecken und mitnehmen! Wie in Trance laufe ich zitternd durchs Haus. Ich wage nicht, daran zu denken, was wäre wenn…

Es klopft an der Tür. Ich mache die Tür auf und vor mir steht eine komplett verheulte – LadyGaga. Ich zittere immer noch, nehme sie in die Arme, küsse sie. Sie heult und sagt: «Ich will zuhause bei Dir sein, ich will nicht in die Kita gehen!» Ich stehe immer noch unter Schock, bis ich realisiere, dass es ihr gut geht. «Ich bin so froh, dass Dir nichts passiert ist. Ich hatte solche Angst um Dich», bringe ich hervor. Sie schaut mich sniefend an. «Ich muss jetzt schnell in der Kita anrufen, sonst holen sie noch die Polizei. Wir suchen Dich alle!»

Langsam dämmert es ihr, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ich rufe in der Kita an (zuerst besetzt, Kunststück) und gebe Entwarnung. Dann sage ich ins Telefon: «Ich lasse sie jetzt mal hier und wir essen.» Ich stutze. «Wobei… ich habe ja gar nichts zu essen da.» Die Frau von der Kita meint, ich könne LadyGaga später bringen, sie würden ihr das Essen auf die Seite stellen. Ich bin mir nicht sicher, was ich tun soll. LadyGaga hat immer noch Tränen in den Augen, sollte sie nicht lieber bei mir zuhause sein? Andererseits…. Wenn ich sie jetzt zuhause lasse, dann wird sie es wieder machen – sie hat ja Erfolg gehabt. Wenn ich sie jetzt zuhause lasse, kriege ich sie nie mehr in die Kita.

Rabenmutter

Ich erkläre LadyGaga also nochmals, dass es nicht in Ordnung ist, wenn sie von der Vorschule einfach weggeht. Dass ich mir Sorgen gemacht habe. Dass es reiner Zufall ist, dass ich zuhause bin (was auch stimmt! Letzte Woche war ich am Freitag an einem Business Lunch – mit Copperfield). Ich versuche, sie zu trösten, zeige ihr aber auch auf, dass sie sich zuhause nur langweilen würde, weil ich überhaupt keine Zeit habe. Sie nickt. Sie versteht es. Aber sie ist traurig. Mir bricht das Herz in 1000 Stücke. Scheiss Home-office. Aber es sind doch nur zwei halbe Tage, die sie in der Kita ist. 1000 Stücke.

Copperfield ist in der Zwischenzeit aufgewacht, ich packe ihn in den MaxiCosi und zu dritt fahren wir los, zur Kita. LadyGaga weint wieder. Aber ich schicke sie hinein, um vor der Tür noch mit der Leiterin zu sprechen. Ich weiss, dass mein Kind drinnen kurz weinen wird, bevor es dann fröhlich mit den Freundinnen spielt. Ich fühle mich trotzem als Rabenmutter. 1000 Stücke.

Mit der Leiterin habe ich nun verabredet, dass sie LadyGaga nächste Woche direkt vor der Vorschule abholen.

Ich habe Angst

Was ich bisher nicht geschildert habe: Am 11. September erhielten wir einen Brief von der Schule, in dem darauf aufmerksam gemacht wurde, «dass ein Mann eine Schülerin auf ihrem Schulweg (bei uns im Dorf) angesprochen hat und sie mit dem Versprechen, ihr junge Hasen zu zeigen, dazu bewegen wollte, in sein Auto einzusteigen.»

Ich habe heute solche Angst gehabt und könnte immer noch heulen. Unsere Welt ist Gaga.

 

Text vom 19. September 2015, aktualisiert am 23. Oktober 2019

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6 thoughts on “Heute hatte ich unbeschreibliche Angst

  1. Ach du liebe Zeit … ich gestehe, ich habe Tränen in den Augen und muss mich ganz stark zusammenreißen, um nicht zu weinen. Du bist keine Rabenmutter, sondern unheimlich stark und intelligent. Ich finde es genau richtig, wie du gehandelt hast!
    Oje, mir fehlen echt die Worte … ich weiß ja, dass das Muttersein schreckliche Ängste mit sich bringen kann, aber das haut einen wirklich um.

    Ich drücke dich unbekannterweise und aus der Ferne!
    LG,
    Fräulein Sonnenschein

  2. Schock! Normalerweise würde ich ja sagen, dass man immer vom wahrscheinlichen ausgehen sollte, der letzte Abschnitt macht aber klar, warum Panik angesagt war. Etwas ähnliches habe ich letztens noch mit meiner 7jährigen Tochter erlebt, die einfach vergessen hatte, dass sie nach der Schule zu Freunden kommen sollte und bei uns zuhause stand, wo keiner war.
    Zum Glück ist ja noch mal alles gut gegangen.
    LG, Micha

  3. Oh Gott – ich habe Gänsehaut! Ich kann nachvollziehen was Du durchgemacht hast- Horror! Gott sei Dank ist alles gut gegangen…aber die ständige Angst bleibt immer! Ich schicke Dir liebe Grüße und hoffe, dass sich alles wieder ein wenig beruhigt hat…

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