Stilldepression: Gibt es sie wirklich?

Stillen ist gut fürs Kind. Das lesen wir auf zig Werbeflächen. Fläschchenmilch ist gut, aber Muttermilch bringt’s voll. Eine gute Mutter stillt ihr Kind. Gestillte Kinder sind später weniger krank, dafür umso klüger. Stillen beugt Allergien vor. Dumm nur, wenn es mit dem Stillen nicht klappt. Dann steht man vor einem grossen Rätsel des eigenen Körpers. Wieso klappt es nicht? Was mache ich falsch? Bin ich eine schlechte Mutter? Mein Kind wird verhungern. Ich bin kaputt. Schliesslich hören wir von allen Seiten ohne Unterlass, dass Stillen das Non plus ultra für das Kind ist. Jede kann das. Nur ich eben nicht. Ich hatte deswegen zweimal eine regelrechte Stilldepression.

(Medizinisch gesehen gibt es den Begriff Stilldepression nicht, sondern nur die depressive, kurzzeitige Verstimmung im Wochenbett („Babyblues“ oder Heultage) oder die schwerwiegendere Postnatale Depression.)

Meine Stilldepression im ersten Wochenbett

Für viele Frauen ist Stillen ein unvergleichliches Erlebnis und festigt die Bindung zum Kind. Für mich war Stillen beim ersten Kind ein Albtraum. Meine Tochter (bei der Geburt schon über 4 Kilo) zog und biss von Anfang an so sehr an meinen Brustwarzen, dass ich zum Schutz meiner bald entzündeten Brüste Stillhütchen verwenden musste, was aber wiederum den Milchfluss behinderte. Ich hatte einen Notkaiserschnitt, was ebenfalls nicht förderlich für den Milcheinschuss war. Ausserdem weiss ich heute, dass ich sog. Schlupfwarzen habe. Das alles zusammen mit meinem Perfektionismus war eine schlechte Kombination für eine junge unerfahrene Mutter. Die Hebammen und die Stillberaterin in der Klinik verunsichterten mich mit unterschiedlichen Ansätzen und ihrem „Sie machen das nicht richig!“

Meine ersten drei Monate als frischgebackene Mama mündeten denn auch in einem unbefriedigenden und deprimierenden Zyklus aus Stillen, Fläschchen/Schoppen zufüttern und die wenige Milch regelmässig abpumpen, da das weniger schmerzhaft war als der Kiefer meiner Tochter an meiner Brust. Ich war in meiner eigenen Welt eine Gefangene. Stillen reichte nie aus – ICH reichte nie aus. Die Stilldepression war vorprogrammiert, wobei ich nie einen klinschen Befund hatte. Nach drei Monaten war ich einfach nudelfertig und gab völlig verheult und entkräftet auf und ernährte meine Tochter fortan nur noch mit Ersatzmilch. Endlich ging es uns beiden besser. Und wisst ihr was? Heute ist sie zehn Jahre alt und hat mir noch nie gesagt: „Mami, ich finde es voll fies, dass Du mich damals nicht gestillt hast.“ Kein Kind ever. Nur konnte ich vor zehn Jahren nicht so denken.

Ich hätte mir damals ein Buch gewünscht, das mir erklärt, dass es okay ist, nicht zu stillen. Dass ich mein Kind auch so lieben kann. Ich blieb allein mit meiner Stilldepression.

Baby an Brust auch ohne Stilldepression
Heute weiss ich: So entspannt kann man auch ohne Stillen kuscheln – Photo by Jordan Whitt on Unsplash

Keine Stilldepression im zweiten Wochenbett

Beim zweiten Kind wollte ich alles besser machen. Schon kurz nach der Geburt meines Sohnes erzählte ich der Stillberaterin im Spital von meiner Vorgeschichte, meinem regelrechten Stilltrauma. Sie hatte volles Verständnis für mich und erklärte, dass es nicht DIE Wahrheit gibt und dass es einfach für mich stimmen muss. Ich probierte das Stillen. Doch mein Körper und mein Kopf erinnerten sich sofort an die Schmerzen. Der Zyklus begann von neuem: Schmerzen, Abpumpen, Zufüttern… Ich konnte es nicht mehr aushalten. Schon nach drei Wochen stillte ich meinen Sohn ab und stellte auf Ersatzmilch um. Und war die glücklichste Mutter auf der Welt! Ich verbrachte ein sehr entspanntes Wochenbett mit meinem Sohn, ohne Druck, ohne MÜSSEN, knuddelte ihn viel und hatte einfach nur Zeit, den jungeng Mann kennenzulernen. Ich hatte gelernt, auf mich und meine Bedürfnisse zu achten, denn nur so konnte ich dem Kind gerecht werden.

Kann wirklich jede stillen?

Auh heute noch geht man davon aus, dass jede Mutter stillen kann. Ich finde keinen Artikel zum verlinken, der das Gegenteil sagt. Wenn es nicht klappt, wurde die Mutter von den Hebammen, der Stillberaterin oder generell dem Umfeld falsch betreut/aufgeklärt bzw. der Druck war zu gross. Man geht von rund 5% der Mütter aus, die aus medizinischen Gründen wirklich nicht stillen können. Ich sage: Fuck the system!

Diese ganzen Artikel verstärken den Druck, dass wirklich JEDE stillen kann, wenn sie es nur will. ICH WOLLTE ES DOCH ABER SO SEHR!!! Ich habe so viel geweint, weil es nicht geklappt hat. Ich habe so viel probiert, Milchanregende Produkte gegessen und getrunken, die Brüste massiert, versucht, sie schmerzresistenter zu machen. Nichts funktionierte. Ich fühlte mich als Rabenmutter, hatte eine regelrechte Stilldepression. Wenn nur eine einzige Quelle im WWW mir folgendes gesagt hätte, wäre es mir besser gegangen:

DU BIST NICHT SCHULD! Nicht jede Frau kann stillen, und das ist völlig okay. Nicht jede Frau hat genügend Milch, aus welchen Gründen auch immer. Und auch das ist völlig okay. Im Mittelalter wäre Dein Kind vermutlich gestorben, aber im Hier und Jetzt hast Du die Möglichkeit, Dein Baby trotzdem zu ernähren, ihm Liebe zu geben. Und auch wenn Du freiwillig entscheidest, Dein Kind nicht stillen zu wollen, bist Du keine schlechte Mutter. Alles ist gut.

Dieser Artikel erschien erstmals am 15. Juni 2012, ich habe ihn fast komplett umgeschrieben, da bekanntlich mit den Jahren auch die Erfahrung wächst ;-). In einem anderen Blogpost habe ich noch 10 gute Gründe für das Fläschchen aufgelistet.

 

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12 thoughts on “Stilldepression: Gibt es sie wirklich?

  1. Liebe Mama OTR, tja, da stehen wir nun und merken, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, wir aber echt viele Gemeinsamkeiten haben. Und es ist super zu lesen, dass es nicht nur mir so geht mit meinen Erlebnissen – und vor allem mit den Gedanken! Danke 🙂

    Liebste Grummelgrüße!

  2. Hallo Grummelmama! Gerne :- ) – und dito!
    Das Fiese ist ja, dass die gesamte Umwelt einem suggeriert, dass nur Stillen das A und O ist. Ich war damals total überfordert und fühlte mich enorm unter Druck gesetzt von den Hebammen. Schade, gibt es immer noch dieses Schwarz-Weiss-Denken in den Köpfen.
    LG MamaOTR

  3. Toller Text 😉 Ich habe auch nicht gestillt. Ich habe gleich im Krankenhaus Tabletten gegen den Milcheinschuss erhalten. Ich wollte von Anfang an nicht stillen, ich kann nicht mal sagen warum, vielleicht, weil meine Mutter mich und meine Geschwister auch nicht gestillt hat?, keine Ahnung. Obwohl ich wusste, was ich wollte, war es schwer durchzusetzen, die Umwelt und auch meine Hebamme sowie die Schwestern im Krankenhaus, machen es einem schwer mit ihren Blicken, Meinungen …etc, man bekommt ein richtig schlechtes Gewissen. Für mich war es aber die richtige Entscheidung und ich mache es beim nächsten wieder so. LG Meike

  4. Ich kann Dich sehr gut verstehen – es sind DEINE Brüste! Und dass die Gesellschaft uns Mütter mit Moral zum Stilen zwingen will, ist einfach eine Sauerei. Wichtig ist doch, dass es für die Mutter stimmt. Und kein Kind wird später sagen: "Oh, ich wäre aber lieber gestillt worden" oder "Ich bin auf die schiefe Bahn geraten, weil mich meine Mami damals nicht gestillt hat."
    Im Prinzip ist es einfach der erste Kampf, den man als Mutter ausfechten muss, man denke nur an die Mommy-Wars…. Wünsche Dir weiterhin viel Spass beim Lesen des Blogs! LG MamaOTR

  5. Mir ging es ganz genauso mit meinem ersten Kind. Vor lauter Stillen, abpumpen, Brust einölen und noch ein Wärmekissen hinhalten, konnte ich die ersten Wochen mit meinem Baby nicht vollkommen genießen, weil so 'dumme" Bücher schreiben: Jede Frau kann stillen, man muss nur häufig genug anlegen und 48 Stunden durchhalten und immer anlegen, wenn das Baby Hunger hat, dann kommt ein erneuter Milcheinschuss. Das war bei mir dann fast Dauerstillen – und was hat es gebracht? – gar nix. Ich habe mich danach einfach für Stillen und Flasche entschieden, was meine Tochter auch gut mitmachte und alle waren glücklich und zufrieden.

    Bei meinem zweiten Kind hat es dann mit dem Stillen geklappt. Ich musste zwar Abends in den ersten Wochen viel "ran" aber ansonsten gabe es 2stündige Pausen.

    Ich denke, dass viel mehr die ersten Stunden nach der Entbindung zählen, als der Wille der Mutter zu stillen! Bei meinem 1. Kind wurde erst mal gewogen, gemessen, angezogen, mich genäht…und Stunden später wurde mein Kind zum ersten Mal angelegt (als frischgebackene Mutter hatte ich ja keinen Plan…)
    Beim zweiten Kind durfte ich erst ausgiebig mit Baby kuscheln und auch gleich Baby an die Brust anlegen und somit habe ich dann alle 2-3 Stunden gleich gestillt.

    LG
    Petra

  6. Keiner zwingt die Mütter zum Stillen, im Gegenteil: Es ist ja in der westlichen Gesellschaft eher so, dass man nach spätestens 6 Monaten schon fast schief angesehen wird wenn man "immer noch" stillt… Die RICHIGE Unterstützung für Mütter wie Dich fehlt ebenfalls oft auf der ganzen Linie oder kommt einem erst zu spät zuteil… Schade…

  7. Ich habe da ganz andere Erfahrungen gemacht, zumindest noch 2009 bei meiner Tochter. Stillen war das A und O. Und auch heute noch werde ich schräg angeschaut, wenn ich meinem 8 Wochen alten Sohn unterwegs das Fläschchen gebe. Du siehst – so viel anders ist das bei der Frage der Perzeption von Stillen/Fläschchen geben gar nicht.

  8. Bei mir hat es auch nicht geklappt – bei beiden Kindern nicht. Während die Große durchaus Gründe hatte (schwer krank am Anfang), war es mir bei der Kleinen ein Rätsel, warum es nicht klappte. Bei beiden Kids entwickelte ich eine depressive Anpassungsstörung und das ist trotz großer Anstrengungen leider noch immer nicht "verheilt" – wenn ich noch mal ein Kind bekäme, würde ich wieder versuchen zu stillen, nur würde ich mir diesmal nicht mehr so viel reinquatschen lassen. Überall weiß es einer besser… und ich habe die Welt gehasst, weil alle Freundinnen dann beim zweiten so dermaßen viel Glück hatten und es ging. Das muss man dann wohl ignorieren lernen – woran ich arbeite.
    Stillen ist nicht alles! Auch das muss man lernen. Meine Kinder sind übrigens beide smart und toll entwickelt, obwohl beide kaum gestillt wurden.

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