Stilldepression: Gibt es sie wirklich?

Stillen ist gut fürs Kind. Das lesen wir auf zig Werbeflächen. Fläschchenmilch ist gut, aber Muttermilch bringt’s voll. Eine gute Mutter stillt ihr Kind. Gestillte Kinder sind später weniger krank, dafür umso klüger. Stillen beugt Allergien vor. Dumm nur, wenn es mit dem Stillen nicht klappt. Dann steht man vor einem grossen Rätsel des eigenen Körpers. Wieso klappt es nicht? Was mache ich falsch? Bin ich eine schlechte Mutter? Mein Kind wird verhungern. Ich bin kaputt. Schliesslich hören wir von allen Seiten ohne Unterlass, dass Stillen das Non plus ultra für das Kind ist. Jede kann das. Nur ich eben nicht. Ich hatte deswegen zweimal eine regelrechte Stilldepression.

(Medizinisch gesehen gibt es den Begriff Stilldepression nicht, sondern nur die depressive, kurzzeitige Verstimmung im Wochenbett („Babyblues“ oder Heultage) oder die schwerwiegendere Postnatale Depression.)

Meine Stilldepression im ersten Wochenbett

Für viele Frauen ist Stillen ein unvergleichliches Erlebnis und festigt die Bindung zum Kind. Für mich war Stillen beim ersten Kind ein Albtraum. Meine Tochter (bei der Geburt schon über 4 Kilo) zog und biss von Anfang an so sehr an meinen Brustwarzen, dass ich zum Schutz meiner bald entzündeten Brüste Stillhütchen verwenden musste, was aber wiederum den Milchfluss behinderte. Ich hatte einen Notkaiserschnitt, was ebenfalls nicht förderlich für den Milcheinschuss war. Ausserdem weiss ich heute, dass ich sog. Schlupfwarzen habe. Das alles zusammen mit meinem Perfektionismus war eine schlechte Kombination für eine junge unerfahrene Mutter. Die Hebammen und die Stillberaterin in der Klinik verunsichterten mich mit unterschiedlichen Ansätzen und ihrem „Sie machen das nicht richig!“

Meine ersten drei Monate als frischgebackene Mama mündeten denn auch in einem unbefriedigenden und deprimierenden Zyklus aus Stillen, Fläschchen/Schoppen zufüttern und die wenige Milch regelmässig abpumpen, da das weniger schmerzhaft war als der Kiefer meiner Tochter an meiner Brust. Ich war in meiner eigenen Welt eine Gefangene. Stillen reichte nie aus – ICH reichte nie aus. Die Stilldepression war vorprogrammiert, wobei ich nie einen klinschen Befund hatte. Nach drei Monaten war ich einfach nudelfertig und gab völlig verheult und entkräftet auf und ernährte meine Tochter fortan nur noch mit Ersatzmilch. Endlich ging es uns beiden besser. Und wisst ihr was? Heute ist sie zehn Jahre alt und hat mir noch nie gesagt: „Mami, ich finde es voll fies, dass Du mich damals nicht gestillt hast.“ Kein Kind ever. Nur konnte ich vor zehn Jahren nicht so denken.

Ich hätte mir damals ein Buch gewünscht, das mir erklärt, dass es okay ist, nicht zu stillen. Dass ich mein Kind auch so lieben kann. Ich blieb allein mit meiner Stilldepression.

Baby an Brust auch ohne Stilldepression
Heute weiss ich: So entspannt kann man auch ohne Stillen kuscheln – Photo by Jordan Whitt on Unsplash

Keine Stilldepression im zweiten Wochenbett

Beim zweiten Kind wollte ich alles besser machen. Schon kurz nach der Geburt meines Sohnes erzählte ich der Stillberaterin im Spital von meiner Vorgeschichte, meinem regelrechten Stilltrauma. Sie hatte volles Verständnis für mich und erklärte, dass es nicht DIE Wahrheit gibt und dass es einfach für mich stimmen muss. Ich probierte das Stillen. Doch mein Körper und mein Kopf erinnerten sich sofort an die Schmerzen. Der Zyklus begann von neuem: Schmerzen, Abpumpen, Zufüttern… Ich konnte es nicht mehr aushalten. Schon nach drei Wochen stillte ich meinen Sohn ab und stellte auf Ersatzmilch um. Und war die glücklichste Mutter auf der Welt! Ich verbrachte ein sehr entspanntes Wochenbett mit meinem Sohn, ohne Druck, ohne MÜSSEN, knuddelte ihn viel und hatte einfach nur Zeit, den jungeng Mann kennenzulernen. Ich hatte gelernt, auf mich und meine Bedürfnisse zu achten, denn nur so konnte ich dem Kind gerecht werden.

Kann wirklich jede stillen?

Auh heute noch geht man davon aus, dass jede Mutter stillen kann. Ich finde keinen Artikel zum verlinken, der das Gegenteil sagt. Wenn es nicht klappt, wurde die Mutter von den Hebammen, der Stillberaterin oder generell dem Umfeld falsch betreut/aufgeklärt bzw. der Druck war zu gross. Man geht von rund 5% der Mütter aus, die aus medizinischen Gründen wirklich nicht stillen können. Ich sage: Fuck the system!

Diese ganzen Artikel verstärken den Druck, dass wirklich JEDE stillen kann, wenn sie es nur will. ICH WOLLTE ES DOCH ABER SO SEHR!!! Ich habe so viel geweint, weil es nicht geklappt hat. Ich habe so viel probiert, Milchanregende Produkte gegessen und getrunken, die Brüste massiert, versucht, sie schmerzresistenter zu machen. Nichts funktionierte. Ich fühlte mich als Rabenmutter, hatte eine regelrechte Stilldepression. Wenn nur eine einzige Quelle im WWW mir folgendes gesagt hätte, wäre es mir besser gegangen:

DU BIST NICHT SCHULD! Nicht jede Frau kann stillen, und das ist völlig okay. Nicht jede Frau hat genügend Milch, aus welchen Gründen auch immer. Und auch das ist völlig okay. Im Mittelalter wäre Dein Kind vermutlich gestorben, aber im Hier und Jetzt hast Du die Möglichkeit, Dein Baby trotzdem zu ernähren, ihm Liebe zu geben. Und auch wenn Du freiwillig entscheidest, Dein Kind nicht stillen zu wollen, bist Du keine schlechte Mutter. Alles ist gut.

Dieser Artikel erschien erstmals am 15. Juni 2012, ich habe ihn fast komplett umgeschrieben, da bekanntlich mit den Jahren auch die Erfahrung wächst ;-). In einem anderen Blogpost habe ich noch 10 gute Gründe für das Fläschchen aufgelistet.

 

22 thoughts on “Stilldepression: Gibt es sie wirklich?

  1. Liebe Mama OTR, tja, da stehen wir nun und merken, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, wir aber echt viele Gemeinsamkeiten haben. Und es ist super zu lesen, dass es nicht nur mir so geht mit meinen Erlebnissen – und vor allem mit den Gedanken! Danke 🙂

    Liebste Grummelgrüße!

  2. Hallo Grummelmama! Gerne :- ) – und dito!
    Das Fiese ist ja, dass die gesamte Umwelt einem suggeriert, dass nur Stillen das A und O ist. Ich war damals total überfordert und fühlte mich enorm unter Druck gesetzt von den Hebammen. Schade, gibt es immer noch dieses Schwarz-Weiss-Denken in den Köpfen.
    LG MamaOTR

  3. Toller Text 😉 Ich habe auch nicht gestillt. Ich habe gleich im Krankenhaus Tabletten gegen den Milcheinschuss erhalten. Ich wollte von Anfang an nicht stillen, ich kann nicht mal sagen warum, vielleicht, weil meine Mutter mich und meine Geschwister auch nicht gestillt hat?, keine Ahnung. Obwohl ich wusste, was ich wollte, war es schwer durchzusetzen, die Umwelt und auch meine Hebamme sowie die Schwestern im Krankenhaus, machen es einem schwer mit ihren Blicken, Meinungen …etc, man bekommt ein richtig schlechtes Gewissen. Für mich war es aber die richtige Entscheidung und ich mache es beim nächsten wieder so. LG Meike

  4. Ich kann Dich sehr gut verstehen – es sind DEINE Brüste! Und dass die Gesellschaft uns Mütter mit Moral zum Stilen zwingen will, ist einfach eine Sauerei. Wichtig ist doch, dass es für die Mutter stimmt. Und kein Kind wird später sagen: "Oh, ich wäre aber lieber gestillt worden" oder "Ich bin auf die schiefe Bahn geraten, weil mich meine Mami damals nicht gestillt hat."
    Im Prinzip ist es einfach der erste Kampf, den man als Mutter ausfechten muss, man denke nur an die Mommy-Wars…. Wünsche Dir weiterhin viel Spass beim Lesen des Blogs! LG MamaOTR

  5. Mir ging es ganz genauso mit meinem ersten Kind. Vor lauter Stillen, abpumpen, Brust einölen und noch ein Wärmekissen hinhalten, konnte ich die ersten Wochen mit meinem Baby nicht vollkommen genießen, weil so 'dumme" Bücher schreiben: Jede Frau kann stillen, man muss nur häufig genug anlegen und 48 Stunden durchhalten und immer anlegen, wenn das Baby Hunger hat, dann kommt ein erneuter Milcheinschuss. Das war bei mir dann fast Dauerstillen – und was hat es gebracht? – gar nix. Ich habe mich danach einfach für Stillen und Flasche entschieden, was meine Tochter auch gut mitmachte und alle waren glücklich und zufrieden.

    Bei meinem zweiten Kind hat es dann mit dem Stillen geklappt. Ich musste zwar Abends in den ersten Wochen viel "ran" aber ansonsten gabe es 2stündige Pausen.

    Ich denke, dass viel mehr die ersten Stunden nach der Entbindung zählen, als der Wille der Mutter zu stillen! Bei meinem 1. Kind wurde erst mal gewogen, gemessen, angezogen, mich genäht…und Stunden später wurde mein Kind zum ersten Mal angelegt (als frischgebackene Mutter hatte ich ja keinen Plan…)
    Beim zweiten Kind durfte ich erst ausgiebig mit Baby kuscheln und auch gleich Baby an die Brust anlegen und somit habe ich dann alle 2-3 Stunden gleich gestillt.

    LG
    Petra

  6. Keiner zwingt die Mütter zum Stillen, im Gegenteil: Es ist ja in der westlichen Gesellschaft eher so, dass man nach spätestens 6 Monaten schon fast schief angesehen wird wenn man "immer noch" stillt… Die RICHIGE Unterstützung für Mütter wie Dich fehlt ebenfalls oft auf der ganzen Linie oder kommt einem erst zu spät zuteil… Schade…

  7. Ich habe da ganz andere Erfahrungen gemacht, zumindest noch 2009 bei meiner Tochter. Stillen war das A und O. Und auch heute noch werde ich schräg angeschaut, wenn ich meinem 8 Wochen alten Sohn unterwegs das Fläschchen gebe. Du siehst – so viel anders ist das bei der Frage der Perzeption von Stillen/Fläschchen geben gar nicht.

  8. Bei mir hat es auch nicht geklappt – bei beiden Kindern nicht. Während die Große durchaus Gründe hatte (schwer krank am Anfang), war es mir bei der Kleinen ein Rätsel, warum es nicht klappte. Bei beiden Kids entwickelte ich eine depressive Anpassungsstörung und das ist trotz großer Anstrengungen leider noch immer nicht "verheilt" – wenn ich noch mal ein Kind bekäme, würde ich wieder versuchen zu stillen, nur würde ich mir diesmal nicht mehr so viel reinquatschen lassen. Überall weiß es einer besser… und ich habe die Welt gehasst, weil alle Freundinnen dann beim zweiten so dermaßen viel Glück hatten und es ging. Das muss man dann wohl ignorieren lernen – woran ich arbeite.
    Stillen ist nicht alles! Auch das muss man lernen. Meine Kinder sind übrigens beide smart und toll entwickelt, obwohl beide kaum gestillt wurden.

  9. Danke!!
    Ich musste beim Lesen gerade wieder weinen, aber das ist okay, das gehört zum Trauerprozess. Obwohl niemand mir Stress gemacht hat außer mir selbst, ging es mir genau wie dir bei meiner Tochter.

    Ich hatte eine schwierige natürliche Geburt, das Colostrum kam erst drei Tage (!) nach der Geburt, die echte Milch noch deutlich später. Die größte Menge mit Milchpumpe jemals waren vielleicht 30ml auf beiden Brüsten zusammen, meist deutlich weniger. Die Kleine wog bei Geburt 4.080g, nach zehn Tagen hat sie immer noch abgenommen. Wir kamen am Zufüttern einfach nicht vorbei.

    Jedes Anlegen war voller Schmerz, ich habe sehr viel geweint, aber nicht wegen der Schmerzen, sondern vor Verzweiflung und Scham. Ich habe sie anfangs nicht alle zwei Stunden angelegt, weil ich einfach die Schmerzen nicht aushielt, aber länger als vier Stunden habe ich mir nicht erlaubt zu warten, außer, ich schlief so lange. Später der zwei-Stunden-Takt, über viele Wochen.

    Meine zwei Hebammen meinten, wenn es mit Stillhütchen ginge, sei es doch gut, meine Kinderärztin meinte, dass Stillen schön sei, sei eine Erfindung, mein Gynäkologe hat sich dafür überhaupt nicht interessiert. Die teure Milchpumpe habe ich selbst gekauft, mit wenig Erfolg, siehe oben. Dass man die auf Rezept kriegen kann, habe ich erst hinterher erfahren, und weder Kinderärztin noch Gynäkologe haben das von sich aus angeboten, trotz Schilderung der Probleme.

    Im Internet nur „jede Frau kann stillen“. Über zwei Monate später hatte ich endlich die Kraft, mit einer Stillberaterin zu telefonieren, vor Ort gab es hier keine. Die hat mich wiederum mit dem Verdacht auf verkürztes posteriores Zungenbändchen in die Kinderchirurgie schickte. Über diese Episode könnte ich einen eigenen Artikel schreiben, aber Fazit: Das Anlegen tat endlich nicht mehr weh! Wobei ich nicht sicher bin, ob es daran lag oder an der gleichzeitig erfolgten Osteopathie – die Kleine war auch ordentlich verspannt.

    Mit Ausschleichen des Fläschchens und Domperidon (ohne Verschreibung, selbst beschafft und gezahlt) habe ich sie dann acht Tage an die Brust bekommen, ohne Schmerz. Ich war fast glücklich – nur fast, denn mein Gefühl sagte: Na toll, endlich bist du auf Normalmaß angekommen.

    Dumm nur, dass sie jeden Abend schrie und so krass abnahm, dass wir ihr am neunten Tag Vollstillen dann sogar Nahrung für Frühgeborene geben mussten, um ihr abgebautes Unterfettgewebe wieder aufzubauen. Ich habe jetzt noch ein schlechtes Gewissen, dass ich sie aus meinem egoistischen Wunsch heraus, eine gute Mutter sein zu wollen, eine Woche habe hungern lassen.

    Denn das ist das Fazit: Ich habe alles (!) versucht (bis auf ein Brusternährungsset vielleicht, aber ich hatte nicht die Kraft, darum zu kämpfen, das mir das verschrieben wird, hatte ja schon bei der Milchpumpe nicht geklappt). Ich hatte viel Fachpersonal um mich, das mich zwar vor den ganz schlimmen Fehlern geschützt hat, mir aber nicht zum Stillerfolg verhelfen konnte. Ich werde nie wissen, ob ich je eine Chance gehabt hätte, wäre ich besser beraten gewesen, aber ich habe gekämpft wie eine Wölfin und es hat nicht geklappt.

    Meine Tochter ist jetzt vier Monate alt und ein glückliches Baby, so weit ich das beurteilen kann. Sie ist normal groß, normal schwer und entwickelt sich kognitiv sehr schnell. Ich gebe ihr noch abends und morgens die Brust, es kommen aber nur noch wenige Tropfen und ich spüre keinen Milchspendereflex mehr. Sie bekommt mehrmals täglich die Flasche, die sie nun schon selbst hält, wir kuscheln viel.

    Eigentlich ist alles gut. Uneigentlich bin ich voller Trauer um das, was ich für selbstverständlich gehalten hatte und mir nicht vergönnt war. Und Scham, die ich bei allem es-besser-Wissen nicht weg diskutiert bekomme. Und Ärger über ausgebliebene Hilfe und dumme Ratschläge.

    Ein bisschen Wissenschaft noch:
    – Eventuell lag es bei mir an der Schwangerschaftsdiabetes, Milchbildung hängt offenbar mit Insulin zusammen: https://www.spektrum.de/news/stillprobleme-wenn-muttermilch-zur-saeuglingsernaehrung-nicht-reicht/1206048. Ich bin überhaupt kein Risikofall für Diabetes, bin schlank und sportlich, habe aber wohl eine genetische Veranlagung.
    – Die Studien, die Nachteile bei Flaschenkindern belegen, sind methodisch oft schwach. Die eine Studie, die Brust- und Flaschenkindern der selben Mütter verglichen hat, fand keine Unterschiede: https://nuckelchen.de/muttermilch-vs-saeuglingsnahrung-das-sagt-die-wissenschaft/.

    Ich hoffe, auch mein Kommentar kann dazu beitragen, dass sich irgendeine Mutter weniger schlecht fühlt!

  10. Vielen Dank für diesen Artikel! Ich habe mich in dem Text wieder gefunden und es baut mich gerade auf, dass es da draußen andere Frauen gibt, denen es genauso erging wie mir gerade. Ich hoffe den Ausweg aus diesem Hamsterrad zwischen Verzweiflung und Hoffnung, dass es doch klappen könnte, bald durchbrechen zu können.

  11. Hallo,
    Deinen Beitrag zu lesen hat mir echt mut gemacht. Ich habe leider auch Stillprobleme. Habe morgens sehr viel Milch jedoch abends nicht mehr. Und mein Sohn ist nun 3 Monate alt und hamstert für nachts. Wenn er dann nicht satt wird schreit er wie am Spieß. Meine Hebamme meinte trotzdem bloß nichts zufüttern.. anlegen anlegen anlegen…
    Ich füllte mich genauso wie oben beschrieben – ich mach alles falsch und reiche nicht.. ICH kann mein Kind nicht ausreichend sättigen.
    Nur leider fehlt mir immernoch der Punkt aufzuhören. Ich liebe es so sehr zu stillen..
    Aber Danke dir für diesen Beitrag.

  12. Vielen Dank für deinen Artikel. Es hat mir sehr geholfen, zu sehen, dass ich nicht alleine bin. Überall um mich herum scheinen alle stillen zu können- nur ich nicht. Mein Kleiner kam 4 Wochen zu früh und auf Grund einer Plazentainsuffizienz mit zu wenig Gewicht (2135 Gramm) auf die Welt. Wir waren nach der Geburt drei Tage getrennt, da er in die Kinderklinik musste. Dort hatte er dann u.a. Probleme mit dem Atmen. Er hat zweimal aufgehört zu atmen und ist blau angelaufen. Ich habe schon am ersten Tag nach der Geburt angefangen abzupumpen, aber wegen der ganzen Umstände und meiner Sorgen um ihn war ich einfach zu fertig, um regelmäßig abzupumpen. Anlegen ging auch kaum, weil er zu schwach zum Saugen war. Außerdem hatte ich eh kaum Milch. Als wir dann nach einer Woche daheim waren, habe ich noch 4 Wochen abgepumpt, aber schließlich aufgegeben, weil ich so wenig Milch hatte. Auch wenn ich weiß, dass die Umstände echt nicht ideal waren, mache ich mir immer noch regelmäßig Vorwürfe, weil ich das Stillen nicht länger probiert habe. Ich hoffe, das geht irgendwann vorbei. Mittlerweile ist er ein kerngesundes, bald 5 Kilo schweres und zufriedenes Flaschenbaby.

    1. Liebe Anja
      Da hattet ihr echt einen harten Start! Gräme Dich nicht wegen dem Stillen. Du hast ein gesundes Baby, das ist alles, was zählt <3. Deine Liebe wirst Du noch auf ganz andere Art und Weise unter Beweis stellen können. Meine Kinder haben noch kein einziges Mal gefragt: „Mama, warum war ich eigentlich ein Flaschenbaby?!“ ich schicke ganz viele gute Gedanken zu euch! LG Séverine

  13. Erstaunlich wie alt dieser Beitrag ist und über 10 Jahre hinweg am Leben gehalten und weiter kommentiert wurde.
    Auch ich bin aktuell in einer „Stilldepression“. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als meine kleine Tochter stillen zu können. Ich kann nicht beschreiben, welch schreckliche Vorwürfe ich mir mache, dass es nicht funktioniert. Sie ist heute 4 Wochen alt und bekommt bislang ausschließlich Muttermilch. Jedoch nur aus der Flasche, da sie sich von Anfang an nicht richtig hat anlegen lassen. Bis heute habe ich wunde, entzündete Brustwarzen. Ich habe meine Hebamme, zwei Stillberaterinnen, eine Osteopathin und jetzt sogar eine Chirurgin wegen vermeintlich verkürzten Zungenbändchens involviert. Keiner kann uns helfen. Meine Milch hat bisher problemlos gereicht, jedoch trinkt die Kleine inzwischen mehr als ich abpumpen kann und die gesammelten Vorräte neigen sich dem Ende zu. Ich werde also in den nächsten Tagen Prenahrung zufüttern müssen. Und es fühlt sich für mich an, als würde ich ihr Gift geben. Keiner in meinem Umfeld versteht mich, jeder rät mir zum abstillen und einfach „die Zeit genießen“. Aber ich klammere mich an jeden noch so schmalen Halm, schwanke zwischen Verzweiflung und einem letzten Funken Hoffnung, weine ständig und es geht mir nur noch schlecht. Vom Verstand her weiß ich, dass meine Tochter unter meinem Egoismus leidet. Ich WILL um jeden Preis stillen. Und sie muss das ausbaden. Auch dieser Gedanke tut weh. Aber aus einem selbst mir unerklärlichen Grund kann ich einfach nicht von diesem Wunsch ablassen. Es ist wirklich schlimm für mich. Ich rotiere zwischen füttern, beten dass sie schläft, damit ich abpumpen, abspülen, sterilisieren kann. Wenn sie nicht schläft, komme ich in Stress, dass ich keine Milch für sie „nachproduzieren“ kann.
    Ich wünsche mir diese Einsicht, keine schlechte Mutter zu sein, keine Versagerin zu sein, irgendwann zu haben und vor allem zu akzeptieren.

    1. Liebe Celina, ich verstehe Dich so gut! Du liebst Deine Tochter und willst nur das Beste für sie. Am Ende scheiterst Du aktuell an den Ansprüchen an Dich selbst. Du musst nicht perfekt sein! Das wirst Du auch später als Mutter nicht, niemand ist das. Aber Deine Liebe ist das, was zählt. Deine Liebe ist auch das, was jetzt zählt. Aber ich kann gut reden, ich hab das ja alles schon hinter mir. Als ich selbst darin gefangen war, hat mir das Zureden der anderen, der Familie ebenfalls nichts gebracht. Ich konnte lange nicht loslassen (erst beim zweiten Kind). Aber vielleicht hilft es Dir ja ein bisschen zu wissen, dass Du nicht alleine damit bist. Dass Du normal bist, dass Deine Brüste normal sind. Dass Du gut genug bist. Und dass es eines Tages besser wird. Deine Tochter liebt Dich bedingungslos. Und Du sie <3. Nur das zählt. Ein Hoch auf die Fläschchennahrung, wenn man sie braucht! Sie nimmt soooo viel Druck raus und macht Platz für ganz viel Anderes, Wunderbares… Du wirst da rausfinden, bestimmt!
      Ganz liebe Grüsse,
      Séverine

    2. Liebe Celina,

      danke danke für deinen Kommentar, der Text könnte auch eins zu eins von mir sein.

      Bei meinem ersten Kind hatte ich bereits Stillprobleme. 13 Wochen blutige Brustwarzen und Schmerzen beim Stillen, vermutlich durch falsches Anlegen. Ab dem dritten Monat hatte ich gestillt, zugefüttert und abgepumpt bis zum achten Monat. Ich war völlig am Ende durch diesen Schlaf- und kräftezehrenden Zyklus, konnte aber einfach nicht loslassen. Es hat sogar meine Ehe belastet.

      Ein zweites Kind kam für meinen Mann nur in Frage mit dem Versprechen, dass ich bei Stillproblemen nach 6 Wochen abstillen werde.
      Ich war mir aber so sicher, dass ich es beim zweiten Kind besser weiß und es klappen wird. Denn „jede Mutter kann stillen“! Außer sie hat nicht alles versucht oder war nicht konsequent genug.

      Mein Sohn ist jetzt 3 Wochen alt und ich pumpe seit Tag 5 Muttermilch ab. Er kam mit 2.800g auf die Welt und hat den Mund kaum 2 Zentimeter aufgemacht.
      Meine Brustwarzen waren bereits am ersten Tag blutig.
      Meine Stillberaterin hat festgestellt, dass er anatomisch zu klein für meine Brust ist. Nach Stillhütchen hat er die Brust komplett verweigert.

      Ich habe jetzt noch 3 Wochen um ihn wieder an die Brust zu kriegen und mache mir selbst wieder Vorwürfe und vergieße jeden Tag Tränen.
      Ich hatte mir vorgenommen mein Baby dieses Mal zu genießen – ein glückliches Wochenbett für mich und das Baby.

      Aber wieder ist da der Druck zu Stillen, der Funke Hoffnung doch noch eine unbeschwerte Stillbeziehung zu erleben.

      Loslassen, akzeptieren und selbstbewusst in der Öffentlichkeit die Flasche zu zücken kann ich leider noch nicht. Und es tut so unheimlich weh, wenn man sieht wie natürlich und mühelos es bei anderen funktioniert.

      Es hilft aber zu lesen, dass man nicht alleine ist – danke dafür!

      LG Ina

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