Ort ohne Mental Load

Wir verbringen die Ferien zuhause und nehmen das sehr ernst mit dem Kontaktverbot. Also hatte ich die glorreiche Idee, in dieser Zeit den Keller auszumisten. Naja, wenn ich ehrlich bin, haben wir schon vor den Ferien damit angefangen. Es ist eine Art Nesttrieb, ähnlich wie bei einer Schwangeren. Ich zu meinem Mann: «Wenn der Hund erst mal da ist, haben wir dafür keine Zeit mehr. Und was ist, wenn der Hund im Keller ist und dieser im Chaos versinkt?! Wir werden den Vierbeiner nie wiederfinden! Er wird alles kaputt kauen!» Als würden wir den Welpen in den Keller lassen, aber naja, jedes Argument zählt. Mein Mann hasst es nämlich auszumisten. Mich erdet es.

Ausmisten im Keller, dem Ort ohne Mental Load

Und so räumen wir seit Wochen den Keller um, in der Ferienwoche ganz besonders. Wir werfen weg, verschenken, verkaufen. Bei allen Gegenständen frage ich mich: Brauche ich das wirklich noch? Hängt tatsächlich so viel Erinnerung dran oder kann das weg? Werde ich DAS je wieder anschauen und denken: Zum Glück habe ich das noch?!?

Ich habe auf Facebook eine Gratis-Gruppe meiner Umgebung entdeckt, dort werde ich Gegenstände problemlos los und jemand hat noch Freude daran. Auf Ricardo verkaufe ich, was geht. Der Rest wird weggeworfen.

Besonders gutgetan hat es mir, den kompletten Ordner mit meinem Gerichtsfall von 2002 wegzuwerfen. Der Ordner war im Keller, «falls mal was ist». Aber ich bezweifle, dass mein Exchef, den ich vor Gericht um 20’000 Franken ausstehenden Lohn einklagen musste, sich nach 18 Jahren nochmals bei mir wegen des alten Falls meldet. Also landeten seine Drohbriefe und die gesamte Korrespondenz mit dem Anwalt auf dem imaginären Scheiterhaufen. Der sich im Keller hinter der Treppe befindet. Alleine das Ansehen des Ordners zog mir nämlich alle Innereien zusammen. Für was also noch aufbewahren?

Ein IKEA Regal, das wir via Facebook gratis abgeben wollten, wurde trotz mehrfachen Termins und Rausstellens (alles kontaktlos wegen Corona) nicht abgeholt. Nach dem dritten geplatzten Termin schmiss ich das Regal auf den Scheiterhaufen. Es dämmert mir: Das ist wie ebay Kleinanzeigen im Real life. Oder eben auf Facebook.

Für was brauchen wir überhaupt diese vielen Glasplatten und alten Regalrückwände? Für «man weiss ja nie»? Und der alte Gipsschuh meines Mannes nach seinem Sturz – schaut den noch jemand von uns nostalgisch an und sagt «Weisst du noch, damals?» (ja, ich weiss es auch so noch, es war furchtbar!!)

Der Gabentisch mit «zu verschenken», dessen Gaben ich immer wieder neu fotografieren muss, um alles online zu stellen, wird immer grösser, genauso wie der Wegwerf-Haufen hinter der Kellertreppe. Der Keller ist immer aufgeräumter und leerer.

Der Mist muss weg

An einem bestimmten Punkt – in Autoplatzeinheiten gerechnet – sagt mein Mann: «Ich fahr das mal alles zur Verbrennungsanlage» (die hat ja zum Glück noch geöffnet).

Eine Autoladung voll “Keller”. Und ja, wir werfen auch mal Gebasteltes weg, wenn es sperrig ist – mit Erlaubnis der Tochter.

Nun ist es so, dass in unserem Haushalt mein Mann für den Abfall zuständig ist, klassische Rollenverteilung und so. Jeden Freitag sammelt er die Haushaltabfälle im ganzen Haus zusammen und bringt sie an die Strasse. Er bündelt auch das Altpapier, wirft Altglas weg. Und er ist eben auch für den Abtransport sagen wir mal grösserer Bestände (Skier von 1998?!) in die Verbrennungsanlage zuständig.

Ich höre ihn fluchen. Am liebsten würde er den ganzen Mist wohl anzünden. Jedes Mal NACH dem Gang zur Verbrennungsanlage räumt er die Ablagefläche unter der Treppe nämlich sauber auf. Jedes Mal sieht die Stelle VOR dem Gang zur Verbrennungsanlage wieder so aus, als wäre sie das Epizentrum eines Erdbebens gewesen.

Und das hat einen Grund. MICH.

Ich weiss nicht, ob es ihm bewusst ist (wohl schon), aber ich werfe nun mal immer alles nach bestem Wissen und Gewissen auf den Stapel äh Scheiterhaufen. Ich habe keine Ahnung, nicht den blassesten Schimmer, wie der Abfall getrennt werden muss, damit er in der Verbrennungsanlage korrekt aufbereitet wird. Elektrogeräte, Karton, ja klar. Aber der Rest? Und wie mein Mann es geordnet haben will im Keller? Pew, null Ahnung. «Er» macht das schon.

«Er» flucht diesmal wie ein Rohrspatz. Er flucht sonst nie, ist normalerweise die Ruhe selbst. Ich höre ihn grummeln, während er schnaubend mein Abfallchaos sortiert.

Wie ein Reh schleiche ich um ihn herum. «Kann ich helfen?», frage ich mit Engelsstimme. Er ignoriert mich, wohl innerlich kochend. Und da ich nichts mehr für ihn tun kann, verschwinde ich lieber ganz vom Radar.

Auf dem Sofa sitzend, habe ich plötzlich eine Erleuchtung. Es sind vertauschte Rollen! GENAU SO GEHT ES MIR NÄMLICH, WENN ICH IM HAUS DER FAMILIE HINTERHERRÄUMEN MUSS, wenn ich für alle an alles denken muss. Wenn nicht gemacht wird, worum ich gebeten habe. Oder wenn etwas gemacht wurde, aber nicht so, wie ich es wollte.

Unser Abfall ist der Ort, wo ich meinen Mental Load, den ich jeden Tag mit mir herumtrage, sprichwörtlich abwerfen kann. Mein Ort ohne Mental Load. Und warum? Weil in meinem Kopf einfach «er» für den Abfall zuständig ist und nicht ich.

Mic drop.

 

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