Spracherwerb in Slow motion – 16 Monate und noch kein Wort in Sicht

 

Mein Sohn, die Pantomime?
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Auf hexhex lässt uns Vivi am Leben mit ihren beiden Kindern Fiona und Felicia teilhaben. Felicia aka Das kleine F ist mittlerweile sieben Monate alt. Monatlich schreibt Vivi Briefe voller Liebe an das kleine F, die mich immer wieder aufs Neue berühren. Vor kurzem aber habe ich ein wenig geschluckt, als ich diesen Beitrag las:

«Aus „agrr“, „ogrr“ usw. sind inzwischen ganze Silben-Sätze geworden („An-gri-la“, whatever). Du staunst manchmal selbst, was herauskommt, wenn du mit deiner Stimme experimentierst. […] Vor wenigen Tagen hast du tonlos deine Lippen aufeinander gepresst und sie wieder geöffnet. Als du deine Stimme dazu genommen hast, ist „MAMAM“ entstanden. Hach! Seitdem immer wieder! Was für ein großer Moment. Da setzt das Herz einen Moment aus vor Glück!
Dein erstes „Wort“ war allerdings ein anderes, existenziell wichtiges im Zusammenleben mit einer großen Schwester: „NEE NEE“. Jackpot!»

Und auch Marsha von Mutter & Söhnchen erzählt vom Spracherwerb ihres 9-monatigen Sohnes:

«Das erste Wort war “Mjaaam”, gefolgt von “Mam”. […] Das neuste Wort ist “Heia”. […] Auf ein NEIN folgt seit kurzem immer ein “da”. Keine Ahnung, was das heißt. Vielleicht Ja? […] Ab und an sagt der Mister auch “Mama”, “Baba” oder etwas, was als Namen des Bruders gedeutet werden kann.»

Oooookaaaaaayyyyyy.

Bevor ich diese Einträge gelesen habe, ist mir gar nicht gross aufgefallen, dass Copperfield tatsächlich NICHT spricht. Er ist jetzt 16 Monate alt. Mein Mann behauptet ja, er sagt «Kaka», wenn er in die Windel gemacht hat (Copperfield, nicht mein Mann), aber ich denke, das ist eher Zufall. Er sagt nicht Mami, er sagt nicht Papi. Seit gestern höre ich so was wie «N-ger» raus, wenn er Hunger hat. Und wenn er essen will, klingt es nach «mamam-mamam». That‘s it. Kein Wuff, kein miau oder muh. Nichts. Nada. Niente. Zum Vergleich: LadyGaga sagte im März 2011, also im gleichen Alter wie Copperfield heute: «Mami, Papi, ube.» Das heisst übersetzt: «Mami, Papi, ufe» bzw. auf Hochdeutsch: «Mama, Papa, rauf/hinauf.» Sie sagte auch «wuff» und schmatzte bei Fischbildern im Bilderbuch.

Ich soll die Kirche im Dorf stehen lassen?

Wer sagt denn, dass ich das nicht tue? Ich mache mir keine Sorgen. Ich staune. Copperfields Gehör ist in Ordnung. Vor kurzem war er tagsüber bei meinen Schwiegereltern, und als ich ihn abends abholte, sah er mich zuerst nicht. Er hörte aber meine Stimme aus dem Nebenzimmer und kreischte und gluckste dann vor Freude. Ja, er hört mich. Warum spricht er also nicht, warum probiert er so gut wie keine Laute aus?

Ich habe Germanistik studiert. Leute, das ist ziemlich frustrierend für mich.

Er versteht uns, sein Sprachzentrum ist also durchaus auf Deutsch programmiert und nicht irgendwie auf Koreanisch oder so. Er schüttelt den Kopf, wenn er etwas nicht will. Er kommuniziert mit Lauten, er zieht an mir oder schubst mich dezidiert in die Richtung, wo er mich haben will. Wir verstehen uns, irgendwie. Er ist die perfekte Pantomime. Aber er spricht nicht.

Wir Eltern reden ganz normal mit ihm, keine Babysprache, er wächst nicht zweisprachig auf. Wir schauen Bilderbücher zusammen an. Ich rede viel mit dem Kleinen. Aber er spricht nicht.

Wann beginnt ein Kind zu sprechen?

Man will sich ja keinen Druck machen, vergleichen schon gar nicht. Aber ich wundere mich schon. Also las ich bei Remo Largos «Babyjahre» nach, um mich abzusichern:

«Während einige Kinder bereits gegen Ende des ersten Lebensjahres zu sprechen beginnen, lässt das Reden bei anderen bis ins dritte Lebensjahr auf sich warten. […] Einige Eltern müssen sich besonders lange gedulden: Ihre Kinder reden nicht vor 20 bis 30 Monaten.»

An dieser Stelle des Buches hat es PLOMP gemacht und ich fiel in Schockstarre vom Stuhl.

Ausserdem sollen tendenziell Jungs eher erst nach dem zweiten Lebensjahr sprechen. Na Bravo! Es kann aber auch damit zu tun haben, dass Copperfield der Zweitgeborene ist:

«In unseren Studien haben wir festgestellt, dass die Sprachentwicklung bei erstgeborenen Kindern rascher verläuft als bei Zweitgeborenen. Für das erstgeborene Kind hat die Mutter mehr Zeit als für die nächstgeborenen Kinder.»

Klar, blame the mother! Börgs. Allerdings können Spätergeborene auch von den älteren Geschwistern profitieren:

«Geschwister, die zwei bis vier Jahre älter sind, sind ideale Gesprächspartner für ein Kleinkind, weil sich ihre Interessen, verhaltens- und sprachlichen Ausdrucksweisen ähnlich sind.»

Ja wat denn nu? Copperfields Ärztin meinte gestern grinsend: «Als Zweitgeborener muss Copperfield vielleicht einfach nicht sprechen. LadyGaga spricht ja schon für zwei.» Jo, da hat sie nicht so unrecht. Und auch mein Arzt meinte: «Dafür fängt er dann sicher an, direkt in ganzen Sätzen zu sprechen.»

Abwarten und Tee trinken. Ob wohl ein Chris Tucker oder Eddie Murphy aus ihm werden wird? Wann haben denn eure Kinder zu sprechen begonnen?

 

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17 thoughts on “Spracherwerb in Slow motion – 16 Monate und noch kein Wort in Sicht

  1. Meine Tochter hat schon recht früh die ersten Worte gesagt und spricht jetzt alles nach, was wir sagen (mit 20 Monaten). Einzelne 2-Wort-Sätze kann sie auch schon seit kurzem.

    Ich würde mir an deiner Stelle aber wirklich überhaupt keine Gedanken machen! Die Tochter einer Bekannten hat erst mit 2 1/2 angefangen zu sprechen (davor höchstens mal ein oder zwei Worte) und jetzt (mit 4) redet sie wie ein Wasserfall 😀

    Jedes Kind hat sein eigenes Tempo!

    Liebe Grüße, Biene

  2. Danke für die Erwähnung <3 Ich denke, Sorgen machen musst du dir keine! Dass du es speziell als Germanistin lieber anders gehabt hättest, kann ich allerdings verstehen 🙂 bei meiner Cousine war es ähnlich, der Zweitgeborene hat lange lange nicht gesprochen, dass schon alle möglichen Ursachen in Betracht gezogen worden waren. Letztendlich war alles ok, er hat einfach nur sehr spät angefangen, sich über Sprache mitzuteilen. Heute ist er 3 Jahre alt und quatscht Opern!

  3. Late Talkers, von denen habe ich in "First Language Acquisition" schon gehört. Wie du eh weißt und wie auch alle schreiben, sorgen musst du dich sicher nicht. Vielleicht kommt auch bald alles auf Mal und er legt einen vocabulary spurt hin�� weiß man nicht��
    mein Bruder hat ewig gebraucht, um vernünftig sprechen zu lernen. Bei drei älteren Schwestern wohl kein Wunder, wir haben alle zu viel und zu schnell auf ihn eingequasselt. Und heute wünschte ich, er würde mal die Klappe halten��
    Flavius und Brutus labern zwar sehr viel, haben sich aber auch unglaublich viele Gesten und Fantasiewörter ausgedacht, dass find ich immer sehr verrückt.
    Liebe Grüße!

  4. Ich hatte – kurz nachdem ich meinen Text zum Spracherwerb geschrieben hatte – eine Doku gesehen. Weiß leider nicht mehr wo genau, aber da ging es auch um die so genannten Late-Talkers und die neueste Forschung, dass das "spät Sprechen" wohl genetisch bedingt sei. Sind Mama und Papa spät mit der Sprache dran gewesen, dann wird es das Kind wohl auch sein (wie war das denn bei euch?). Beeinflussen oder beschleunigen könne man den Spracherwerb bzw. das erste Sprechen in diesem Falle wohl kaum.
    Also von daher – abwarten. Bald platzen die Worte nur so aus dem kleinen Copperfield raus. Er ist schließlich ein Zauberer 😉

  5. Das kommt mir auch sehr bekannt vor.
    Während mein Großer sehr früh alles nachgebrabblt hat, habe ich beim Kleinen ewig auf die ersten Worte gewartet.
    Und dann, ganz plötzlich, kamen sofort… ganze Sätze.
    Daran war der Große auch nicht ganz unschuldig;)

    Heute ist der Kleine unser "Professor Haschmich", wie wir ihn liebevoll nennen, weil er uns ellenlang zutextet.

    Mache dir keine Sorgen, es dauert nicht mehr lang, dann hast du zwei Plappermäulchen, die dich bespaßen.

  6. Mach Dir keine Sorgen, vielleicht ist das auch nur die Ruhe vor dem Sturm? Wie bei unserem
    Winterkind. Während der Löwenjunge schneller sprechen als laufen konnte, machte das Winterkind einfach alles anders. Er lief mit 10,5 Monaten und sprach bis zu seinem 2. Geburtstag nicht mehr als Mama, Papa und Lala für seinen Bruder. Etwa 2-3 Wochen nach dem 2. Geburtstag platzte der Knoten. Und er redete von jetzt auf gleich in 2-3 Wort-Sätzen. Heute sagen andere Leute: "wow, wie toll er reden kann und was für schwere Wörter er drauf hat" – das sind die Leute, die früher sagten: "der redet ja noch gar nicht"
    Ich glaub auch Copperfield war erst so mit dem "voran" und seiner Schwester "hinterherkommen" beschäftigt, dass er einfach nich keine Zeit und Lust zu reden hatte. Warte mal ab, heute denke ich manchmal- oh oh heute "kauen sie mir aber das Ohr ab" :))

    Tanja

  7. Liebe Tanja
    Das klingt ja sehr vielversprechend! Und irgendwie bin ich mir sicher, dass meine beiden mir eines Tages auch ein Ohr abkauen werden wenn nicht sogar zwei. Vermutlich hast Du recht und Copperfield ist damit beschäftigt, seiner Schwester hinterherzurennen ;-)))

  8. Liebe Biene
    Nein nein, ich mach mir keine Sorgen, so war das nicht gemeint. Ich bin einfach ein wenig ungeduldig xp. Ausserdem denke ich, er schreit weniger, wenn er endlich anfängt mit Worten zu kommunizierene, mein Wunsch ist also nicht ganz uneigennütz ;-).

  9. Hallo –
    bei uns ist es genauso. Die Große hat schon mit 1 3/4 geredet wie nen Buch, die Zweite mit jetzt 20 Monaten hält sich da sehr bedeckt. Mama, Papa reichen völlig, alles andere ist"Da". Erstaunlicherweise kann sie sich aber super verständigen, auch mit Fremden.

  10. Hm, jetzt muss ich wirklich mal nachdenken…wann haben die Zwillingsmädels angefangen zu sprechen? Nach monatelangem Mamamama und Babababababa und ein paar Babysigns kam der “Durchbruch“ so mit 17 Monaten. Jetzt sind sie bald zwei und lernen gefühlt jeden Tag ein neues Wort. Dafür aber gleich dreisprachig. Laut Kindergärtnerin sind sie aber weder spät noch früh dran, sondern ähnlich weit wie die anderen Kinder. Nur als unser Nachbarskind mit knapp einem Jahr schon so schwierige Wörter wie “arriba“ sprach, machte ich mal kurz Sorgen. Spannend ist fpr mich, dass sie gleichzeitig in etwa gleich viel Sprechen und die eine die andere immer wieder einholt.

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