Eine Schweizerin in Berlin

Ich war etwas «betupft», weil man uns Schweizer am Kongress als langsam hingestellt hatte. Nach einem Tag voller Eindrücke ging ich nach der Blogfamilia abends zurück ins Hotel. Ich wollte in Ruhe zu Abend essen. Curry-Wurst ist leider nicht so meins, Berlin hin oder her.
Dann entdeckte ich gegenüber von meinem Hotel dieses Plakat:


Ein Wink des Schicksals!

Echte Schweizer Küche in Berlin? Das glaubte ich kaum. Und doch wollte ich die Probe aufs Exempel statuieren. Jeder, dem ich die Geschichte im Nachhinein erzählt habe, hat den Kopf geschüttelt und gesagt: «Selber schuld, sowas würde ich ja nie tun.» Doch der Reihe nach.

Angezogen von dem Plakat, stellte ich auf den zweiten Blick fest, dass ich vor dem Swissôtel Berlin stand. Ein zweiter Wink des Schicksals, ist doch das Swissôtel Basel der Austragungsort der Swiss Blog Family am 10. November (Schleichwerbung für den Kongress Galore, I know). Wir Schweizer sind langsam? Na was sind wir denn noch?! Gut gelaunt ging ich in das Restaurant im dritten Stock. Das würde spassig werden!

Nachdem man mich an einen Tisch setzte, ging ich irgendwie vergessen. Langsam und so. Als ich endlich bedient wurde, war ich verärgert und postete demonstrativ Bilder vom bestellten Apéritif und vom Gruss aus der Küche und kam mir dabei vor wie der fiese Restauranttester aus Ratatouille. Es wirkte, der Service war plötzlich 1A.

Als Vorspeise wurde mir eine Spargelcremesuppe kredenzt – ohne Übertreibung die beste Spargelcremesuppe meines Lebens! Als Hauptgang hatte ich mich für Zürcher Geschnetzeltes entschieden. Es fühlte sich nach der ultimativen Gaumen-Challenge an. Was konnte da wohl auf mich zukommen?!

Als man mir den Teller servierte, verschluckte ich mich fast:

Ich kann nicht sagen, dass es schlecht war. Ich kann aber auch nicht sagen, dass es ein Zürcher Geschnetzeltes war. Zumindest habe ich noch nie Broccoli und gemischte Waldpilze oder gar frittiertes Huhn (!!) im Original gesehen. Dazu gehören nämlich nur Kalbsgeschnetzeltes und Champignons an Rahmsauce plus Rösti. Frittiertes Huhn. Ich lache immer noch.

Erheitert ging ich in mein Hotel zurück. Ich fand es nicht schlecht, mal sprichwörtlich über den eigenen Tellerrand zu sehen und zu entdecken, wie uns andere sehen, was für andere eben «typisch schweizerisch» ist.

Weniger gelacht habe ich, als der indisch aussehende Hotelangestellte mich beim Auschecken am nächsten Morgen fragte, woher ich denn käme. «Aus der Schweiz» entgegnete ich verwirrt. Nein, woher ich wirklich stamme. «Aus der Schweiz?!» «Aber Sie haben ja gar keinen Akzent.» Und das sagte mir ein indisch aussehender Mann im perfekten Deutsch. «Nichhhht. Alle. Schweizer. Sprechhhhhhhen. So. KChomisch.» Ich konnte mich nicht beherrschen. Er strahlte mich an. «Ich habe mal Heidi gesehen. Ich mag ja den Dialekt.»

Johanna Spyri winkt aus dem Grab. Sie hat grad Zürcher Geschnetzeltes gegessen.

3 Gedanken zu „Eine Schweizerin in Berlin

    1. Die Komposition war äh originell, aber es hat insgesamt geschmeckt. Die grossen Frühlingszwiebelstücke haben mich im Geschmack irritiert, da sie sehr abgelenkt haben. Aber wenn ich nicht gewusst hätte, wie es wirklich schmecken soll, hätte ich wohl gedacht: “Die Schweizer sind schon crazy, ne.” Die Rösti war nicht so toll, aber die ist auch in der Schweiz nicht überall gut.

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