Die Erde ist (k)eine Scheibe

Vor kurzem habe ich darüber geschrieben, dass sich meine Ziele über die Jahrzehnte verschoben haben, weg von der Karriereleiter hin zum gesunden Altern.

Ich merke, dass ich älter werde. Das merke ich aber nicht nur an meinem Körper. Das merke ich auch an meinem Geist. Natürlich bin ich weiser als früher, da ich erfahrener bin als der unsichere Tweenie von 1997. Ich entdecke an mir aber auch eine Borniertheit, die ich eigentlich bei «alten» Menschen still immer etwas belächle. Gehöre ich jetzt etwa auch dazu?

Ich ertappe mich dabei, dass ich mir 100% sicher bin, etwas gesagt oder getan zu haben, mein Gegenüber kann mir aber belegen, dass ich etwas ganz anderes gesagt habe. Bin ich schon senil? Und wieso überhaupt bin ich immer so felsenfest von meiner Meinung überzeugt?

Die Geschichte verändert sich

Ich habe Geschichte mit Schwerpunkt Gender Studies und Kulturgeschichte studiert. Meine Lizentitatsarbeit (entspricht heute dem Master) von 2002 hat den verheissungsvollen Titel «Frauen am Hof von Versailles in den Memoiren des Duc de Saint-Simon». Ich habe darin die Rolle der Frauen am Hof Ludwigs XIV. analysiert, mit Saint-Simon als Hauptquelle, der uns tausende von Memoirenseiten aus seiner Zeit am französischen Hof hinterlassen hat.

Vor kurzem stiess ich auf zwei aktuelle Artikel zu Versailles in der Presse: In der NZZ Geschichte Nr. 13 vom Dezember 2017 sowie in Ausgabe 2/2018 von «Der Spiegel Geschichte» stand Versailles im Zentrum. Dabei kam mir einiges quer in den Hals gelegen: Für mich war die Herrschaft des Sonnenkönigs immer der Absolutismus, neu gilt diese Zeitspanne aber übergeordnet als Barock, da man heute in der Forschung weiss, dass der König gar nicht so viel Macht innehatte, wie man früher (also auch zu meiner Zeit!!) meinte. Saint-Simon hat als Quelle keine so grosse Bedeutung mehr, da er nicht im Zirkel der Begünstigten beim König stand und somit nur die Aussenseiterperspektive zeigen kann. Last but not least gelten Norbert Elias Ansichten, zu meiner Studienzeit eine Koryphäe auf dem Gebiet der Kulturgeschichte, als veraltet. VERALTET!!!

Was ich vor 15 Jahren an der Universität gelernt habe, mein Wissen – ist heute kalter Kaffee.

Diese Erkenntnis ist ein Schock.

Auf der anderen Seite habe ich dadurch auch wieder etwas über mich gelernt. Als die Menschen früher dachten, die Erde sei eine Scheibe – wie schwer muss es gewesen sein, dieses alte Denken sprichwörtlich über Bord zu werfen? Darauf zu vertrauen, dass die neuen Forscher-Generationen mit ihrem neuen Wissen es tatsächlich besser wissen? Ja, ich kann das Festhalten an alten Glaubenssätzen grad sehr gut nachvollziehen.

Und kann deshalb loslassen.

Immer heiter weiter?

Ich bin ein Workoholic, das ist kein Geheimnis. Ich liebe meinen Job. Aber wenn ich ehrlich bin, merke ich schon, dass ich altersbedingt gewisse Automatismen bei mir eingebaut habe. Manche Dinge sind mir einfach nicht mehr so wichtig wie früher. Ich lasse gerne mal «fünfe grade sein». Ob das im Beruf immer gut ist? Der Ansatz ist am ehesten mit dem Kinder gross ziehen zu vergleichen. Da gibt es nämlich auch den Leitsatz: «Know your battles.» Übertragen bedeutet das: Nicht jeder Streit ist es wert, ausgefochten zu werden. Sonst könnten wir ja den ganzen Tag mit unseren Kindern bzw. unseren Kollegen oder Mitarbeitern über alles rumstreiten. Und wer will das schon ;-).

Ich weiss heute jedenfalls, dass ich nicht mehr alles weiss. Ich gehöre auch nicht zur Generation Y, die die Welt erobert. Ich bin ein Kind der 80er Jahre und gehe bei Major Tom ab wie eine Rakete. Ich lese Bücher über die Menopause und die Mittleren Jahre. Ich bin irgendwie nicht mehr auf der Höhe der Innovation. Auch wenn ich es nach wie vor voll drauf habe – ich gehe abends trotzdem nicht mehr aus oder arbeite nächtelang durch. Gut, ich habe es wohl eher halbvoll drauf.

Mein Geschäft soll aber mindestens weitere 20 Jahre florieren. Wie soll das aber gehen, wenn ich immer älter werde? Klar, ich darf den Anschluss nicht verlieren, muss auch digital am Ball bleiben. Aber mein Gehirn wird ja trotzdem immer älter. Und hält vielleicht auch mal daran fest, dass die Erde eben doch eine Scheibe ist.

Ich habe keine Lösung für dieses Problem. Aber gerade dieses neue Wissen um meine eigene Inperfektion ist sehr beruhigend. Ich denke, dass es gut ist, sich dann und wann auf der Metaebene selber zu hinterfragen. Mir ist heute klar: Mein Wissen hat keine universelle Gültigkeit. Je älter ich werde, desto wichtiger wird es sein, die richtigen Leute an den Verlag zu binden, die ihr frisches Know-how einbringen werden.

Dieses Wissen macht mich frei.

(c) Fotolia
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Ein Gedanke zu „Die Erde ist (k)eine Scheibe

  1. Kommentar einer Leserin via Mail:

    Liebe Severine,

    eines vorweg: Eigentlich war dies als Kommentar unter deinem letzten Post gedacht. Leider hat es sowohl auf dem IPad als auch auf dem Handy nicht funktioniert. Sicherlich habe ich irgendwas falsch gemacht. Was das Thema Technik anbelangt, bin ich eher semi-begabt. Deshalb versuche ich es auf diesem Weg. Hoffentlich klappt es…

    Dein Blog lese ich schon eine Weile und ich finde viele deiner Texte sehr wahr und ja – auch weise. Beim Lesen denke ich oft: „YES! That’s it!“. Sie haben für dich Gültigkeit und sicherlich für andere auch.
    Was ich dir sagen will, die Lösung deines Problems ist die, dass du schon (k)eine Lösung für das Problem gefunden hast. Dass du es einfach annimmst. Ob als Problem oder auch keines. Und somit ist dein Problem gelöst. YES! That’s it, liebe Severine. Genau das habe ich mir heute wieder gedacht!!!! Bitte mach weiter so und öffne durch das Schreiben nicht nur dir selbst, sondern auch deinen Lesern die Augen. Das ist nämlich eine Eigenschaft, die gute Schriftsteller können. Danke dafür!

    Herzliche Grüße
    Mirjam

    PS: Habe ich was verpasst oder geht deine Kurzgeschichte nicht mehr weiter? Habe sie wirklich gerne gelesen und warte schon auf eine Fortsetzung.

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