Älter werden ist nicht schwer, älter sein dagegen sehr?

Ich habe mich immer darauf gefreut, endlich 40 zu werden. Jetzt, mit 41, sehe ich das Ganze differenzierter. Und auch etwas nüchterner. Yeah cool, angekommen! Die Kinder sind älter, juhui! Ich aber auch. Die 40er sind hart erarbeitet. Und sie hinterlassen Spuren, über die ich mir im Vorfeld keine Gedanken gemacht habe. Warum auch!

Der Geist ist zwar fit, aber der Körper irgendwie nicht mehr so sehr

Ich habe Probleme mit der rechten Hand, ein Karpaltunnel-Syndrom. Die Hand schmerzt in der Nacht, es brennt wie 1000 Ameisen, ich kriege immer wieder mal Stromschläge, habe Krämpfe. Damit lebe ich jetzt seit ungefähr zwei Jahren regelmässig. Begonnen hatte es während der Schwangerschaft mit Copperfield. Auch geschwollene Beine und Füsse habe ich immer wieder mal.

Aufgrund von «Reparaturarbeiten» hatte ich im Frühling zudem eine Zahn-Wurzelbehandlung. Und das Beste: Die nächste steht bevor, denn ein weiterer Zahn ist aufgrund seiner Historie wohl ebenfalls abgestorben. Meine Zähne schmerzen jeden Tag.

Meine Haut im Gesicht ist aufgrund meiner hormonellen Umstellung seit letztem Jahr ein Minenfeld. Ich getraue mich nicht mehr, irgendeine Creme geschweige denn Schminke aufzutragen, weil ich sofort allergisch darauf reagiere. Also bleibt mein Gesicht einfach so, wie es ist, fertig. (Und das ist meistens: müde). Meine Haare auf dem Kopf waren auch schon voller. Und die Hüften schlanker.

Ich habe noch so viel vor und merke plötzlich, wie mein Körper mir immer wieder sagt: jaaa-aaaaaa, aber bist Du denn auch fit genug? Hast Du genug geschlafen? Komm leg Dich hin. *gähn*. Es geht einfach alles nicht mehr ganz so einfach wie früher.

Oder ist es der Geist, der doch nicht so fit ist?

Ich kann mir noch so oft mantra-mässig suggerieren: «Nachher aufschreiben, dass ich neue Socken einkaufen muss.» WENN ICH ES NICHT SOFORT AUFSCHREIBE, existiert der Auftrag nicht. Dinge sind aus meinem Gehirn raus, bevor sie überhaupt drin waren. Ich kann auf dem Treppenabsatz daran denken, dass ich noch Klopapier aus dem Keller holen muss. Wenn ich unten angekommen bin, hole ich stattdessen die Wäsche aus dem Trockner. Und nur die Wäsche. Ich kann Dir versichern, dass ich mich nachher gleich bei Dir melde. Ich tue es aber nicht, denn ich habe es garantiert wieder vergessen. Mein 41-jähriges Gehirn hat den totalen mental-overload.

Entschleunigung

Entschleunigung ist die Devise – Gehirn und Körper zur Ruhe bringen. Und Achtsamkeit, Achtsamkeit ist sowieso der heisse Scheiss momentan. Ich will Sorge zu mir und meinem Körper tragen, denn er muss mich noch eine ganze Weile aushalten. Also gehe ich ins Fitnesscenter. Das heisst ich nehme es mir vor, denn auf meinen To-Do-Listen rutscht das immer wieder unten drunter. Denn mit Fitness verdiene ich als Selbständige kein Geld, mit dem Erledigen der To-Dos-schon.

Also nehme ich mir fest vor, die To-Do-Listen einfach mal umzukehren, um die Dinge zu tun, die mir eigentlich gut tun. Bloggen. Fitness. Einfach nur dasitzen und träumen, so wie damals, als ich noch jung und 14 war und stundenlang einfach auf dem Bett lag, Musik hörte und nichts tat. NICHTS! Wie konnte ich das nur verlernen?!

Und dann sind da diese Gedanken

Je freier meine Gedanken wieder werden, desto öfter komme ich ins Grübeln. Flashbacks schiessen mir durchs – müde – Gehirn. Damals, als ich mich jeden Abend mit dem Moped auf den Weg ins Billardcenter machte, um dort zu trainieren. Da war ich 17. Meine Reise im Orient-Express mit 23. Meine erste Liebe mit 16 in Griechenland. Dieser totale Herzschmerz, der mich bis in die Zehenspitzen um Yannis trauern liess. Der Waldspaziergang im Regen mit meinem Freund mit 20. Die Rauchpausen mit dem Chefredaktor, als ich selbst noch junge und unerfahrene Redaktorin war. Ich, nassgeschwitzt und komplett bei mir, auf der Tanzfläche in der Disko.

(c) Fotolia

Die Szenen fahren im Schnelltempo an mir vorbei. Manchmal versuche ich, sie festzuhalten, sie zum Stillstand zu bringen. Ich sauge die Emotionen von damals auf, erinnere mich ganz genau, wie es war, wie es sich anfühlte. Nach was es roch. Was ich dachte. Eine Momentaufnahme. Aber habe ich richtig gehandelt damals? Was ist aus den Personen geworden, zu denen ich heute keinen Kontakt mehr habe? Ich lasse die Bilder in mein Herz fahren wie Blitze. Ich atme langsam aus. Es ist vorbei. Bis der nächste Flashback mich einholt, vielleicht während ich das Geschirr abspüle. Oder beim Autofahren. Der Geruch des Elternhauses meiner Freundin Anna. Mein Hund Gipsy. Meine Universitätsabschlussfeier mit meinen Eltern, meinem Bruder und seiner Familie, meinem Freund.

Es endet nicht. Immer wieder sehe ich mein Leben plötzlich an mir vorbeiziehen. Geht es euch ähnlich, kennt ihr das? Das war früher nicht so. Es verstört mich ein wenig. Ist das die Midlife-Crisis? Warum denke ich so viel nach?

Die neue Ära

41. Die anstrengenden Jahre mit den Kindern sind vorbei. Die Jahre, in denen ich einfach nur funktioniert habe. Mein Leben dreht sich wieder mehr um mich selbst. Was will ich, was bin ich, wo will ich hin?

Ich weiss nicht, wohin mein Weg geht (ausser irgendwann ins Grab natürlich). Aber ich habe etwas erkannt: Könnte das Auseinandersetzen mit der Vergangenheit nicht auch die Vorbereitung auf die Zukunft sein?

Wenn ältere Leute sterben, haben sie mit dem Leben meist abgeschlossen. Sie gehen in Frieden, sind im Reinen mit sich. Ich konnte das nie nachvollziehen, auch bei meinen eigenen Eltern nicht, die den Lebenskreislauf irgendwie viel lockerer sehen als ich. Ich will leben! Ich kann mir eine Welt ohne mich nicht vorstellen. Und dennoch: Vielleicht ist gerade mein jetziger melancholischer, nachdenklicher Zustand das nächste Level auf dem Weg zu diesem gesunden Altern, in dem man dann irgendwann bereit ist, das Leben, die Vergangenheit zufrieden loszulassen. So soll es doch auch sein!

Ich bin wohl einfach mittendrin im Loslassprozess, ohne heute und morgen sterben zu wollen oder zu müssen, so hoffe ich. Garantien gibt es keine, das macht mir mein Körper mit seinen vielen Baustellen jeden Tag wieder aufs Neue bewusst. Es könnte schlimmer sein, ja. Aber jünger war der Körper irgendwie einfach – besser. Nicht unbedingt hübscher, aber belastbarer. Ich habe mir nie grosse Gedanken über seinen Zustand gemacht. Er war einfach immer da für mich. Aber ich habe JETZT die Chance, die Weichen zu stellen für ein gesundes Altern. Körper und Geist, und es gibt noch ganz viele andere Sachen, die da reinspielen.

Ihr wisst ja: The best is yet to come. Ich gehe meinen Weg weiter, neugierig und nicht mehr ganz so müde, aber auch nicht mehr so frisch wie vorher. Ich weiss jetzt, dass ich gut bin, wie ich bin. Alles wird gut.

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3 Gedanken zu „Älter werden ist nicht schwer, älter sein dagegen sehr?

  1. Ich kann dir weder als Frau noch als ü40 jährigem nach empfinden. Denn beides bin ich bekanntermassen nicht.
    Aber ich kann dir nach empfinden wies ist in einem Körper unterwegs zu sein der nicht der fitteste ist.

    Seit meinen 18. Jahrestag (plus eine Woche) habe ich mit verschiedenen Geschichten zu kämpfen, seit 11 Jahren und dann nochmals drei Jahre später mit meinen beiden Auto Unfällen und ja, ich weiss was es heisst in der Nacht nicht schlafen zu können wegen den Schmerzen und noch schlimmer, am morgen nicht aus dem Bett kommen wegen genau diesen. Es aber müssen, da die Kinder ja (noch nicht) alleine aufstehen können und in die Schule gehen etc..

    ich bin ja, mal gespannt wie das wird wenn ich dann vierzig werde. Oder bin ich das schon? Da ich das nicht zähle und es mich nicht interessiert weiss ich das nicht einmal 😀

  2. Boah, ich hatte mich auch schon gewundert: Ich habe das auch mit den Flashbacks! Manchmal richtig intensiv und an mehreren Tagen reise ich in mehrere Lebensphasen zurück; ich frage mich dann auch immer was aus den Leuten geworden ist? Und was aus mir geworden wäre, hätte ich mich in der erinnerten Situation anders verhalten?
    Krass!
    Ich schob es auf meine latente Unzufriedenheit bzw die Mehrfachbelastung mit Job, Kindern, Haus. Ich fürchtete schon, diese Rückschauen sind einer Sehnsucht nach Früher entsprungen – dabei sehne ich mich gar nicht danach! Zumindest nicht bewusst. Nie habe ich mich gereifter und sicherer und mehr bei mir gefühlt als jetzt – auch wenn ich erst 39 werde.

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