Innehalten – für den nächsten Marathonlauf als Eltern

Dieser Stress immer und überall. Mein Alltag ist durchgetaktet. Fünf Minuten ohne Kinder werden sofort intensivst genutzt. Da ist keine Zeit zum Trödeln! Wer weiss, was nach fünf Minuten der vermeintlichen Ruhe wieder für ein Marathon zu bewältigen ist. Also war auch unser Wochenende ohne Kinder in Schottland Anfang Mai durchgetaktet. Länger als drei Tage kriege ich die Kinder familiär nicht fremdbetreut. Also musste da möglichst viel Programm in die drei Tage gequetscht werden, immer mit der Angst im Nacken, dass einer von uns krank wird. Murphy‘s law und so.

Dabei habe ich einiges gelernt oder für mich wiederentdeckt.

Ein eingespieltes Team

Am ersten Tag hatten wir Rosslyn Chapel und Inverness auf dem Programm, dazwischen eine vierstündige Autofahrt. Auf der linken Strassenseite. Und obwohl es stressig war, funktionierten mein Mann und ich als eine Einheit. Keiner beschwerte sich. Wir zogen es gemeinsam durch. Als wir abends dann doch erledigt im Hotel in Inverness ankamen, wäre ich am liebsten einfach ins Bett gefallen. Aber mein Mann meinte, wir sollten zum Fluss runtergehen und dort das Stadt-Schloss von aussen bestaunen. Es war ein Spaziergang von vielleicht 15 Minuten.

Was ich dachte: «Was soll der Scheiss, geh doch alleine, ich kann und will jetzt nicht mehr raus. Ich will einfach meine Ruhe.» Was ich sagte: «Okkkaaaaayyyy, dann halt.»

Ich liess mich von ihm mitziehen, innerlich und vermutlich auch äusserlich total protestierend. Und lamentierend wie ein Kleinkind. Mein Mann verzog keine Miene.


Als wir unten am Fluss standen, waren da eine Unmenge an (geschlossenen) Shops, deren Schaufenster wir bestaunten. Plötzlich war ich wieder wach, und wir diskutierten angeregt über unsere Eindrücke des Tages. Mein Mann hatte mich mitgerissen. Mir war plötzlich wieder bewusst, dass ich nicht mehr mit jedem reisen könnte oder wollte. Dass WIR eine Einheit sind, weil wir uns so genau kennen und wissen, wie der andere tickt, auch wenn es nach so vielen Jahren manchmal oft manchmal nervt, verheiratet zu sein.

Nicht stressen lassen

Am Samstag standen Culloden Moor, Loch Ness und die Rückfahrt nach Edinburgh auf dem Programm. Wieder durchgetaktet. Aber der Weg von Loch Ness zurück nach Edinburgh führte über Inverness, wo wir ja übernachtet und die Schaufenster bewundert hatten. Komplett spontan und ohne Plan hielten wir nochmals in Inverness an und gingen shoppen – weil wir beide das unbedingt wollten. Ja, nicht nur ich. Es fühlte sich so gut, sich einfach dem Moment hinzugeben.


Und als wir dann um 16 Uhr zur Tea Time beim Scottish Chocolatier waren, konnte ich komplett los lassen. Es war mir egal, wann wir in Edinburgh sein würden. Keine Timetables mehr. Wir genossen unseren Tee, unsere Scones, unseren Ausflug. Wie beim Fahrradfahren, das man nie verlernt, erinnerte ich mich plötzlich daran, wie es ist, wenn nicht alles im Leben durchgeplant ist. Wenn man nicht 24/7 für das Wohl einer ganzen Familie zuständig ist, sondern selber einfach sein darf. Ich konnte geniessen und plötzlich wieder spontan sein.

Abends in Edinburgh hatten wir keinen Plan. Wir liefen wie glückliche Hühner herum, staunten und nahmen mit allen Sinnen auf. Der Blick in die kleinen Seitengassen der Royal Mile ist sehr stimmungsvoll. Eine Gasse gefiel mir auf den ersten Blick besonders und machte mich neugierig. Wir gingen jedoch weiter. Ich zögerte für ein paar Sekunden. «Halt warte!», rief ich meinem Mann zu. «Das will ich genauer ansehen!» Wir machten kehrt und gingen in die alte Gasse. Ich hätte bildlich gesehen vermutlich nichts verpasst, wenn wir sie nicht betreten hätten. Aber ich hätte es verpasst, meinen Impulsen, meinen Wünschen nachzugehen.


Innehalten. Mit allen Sinnen wahrnehmen. Geniessen. Leben. Damit vielleicht schon morgen der nächste, unerwartete Marathonlauf erfolgreich in Angriff genommen werden kann. Wir brauchen gerade als Eltern unsere Kräfte, müssen sie uns einteilen! Und dafür brauchen wir unsere Erholungsinseln, wie auch immer diese individuell aussehen mögen.

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